Auf dem humanistischen Gymnasium, das ich besuchte, war nicht nur Griechisch (Altgriechisch) Hauptfach. Es gab auch Philosophieunterricht, und da er vom gleichen Lehrer wie Griechisch erteilt wurde, spielten die griechischen Philosophen Platon und Aristoteles, aber auch Heraklit und Epikur eine große Rolle. Ich profitiere noch heute davon. Am meisten beeindruckt hat mich aber, dass mir dieser Griechisch- und Philosophielehrer eines Tages ein Buch über den Unterschied zwischen dem griechischen und hebräischen Denken in die Hand drückte – er hatte erfahren, dass ich auch noch das exotischste Angebot der Schule in Anspruch nahm,  den Hebräisch-Unterricht, der montags in der 9. und 10. Stunde stattfand und von sechs, nach einem halben Jahr noch von drei Schülern besucht wurde.

Das griechische Wort für „Wort“ ist „Logos„. Es steht neben, nein, über den Dingen, die es bezeichnet und die Welt des Denkens ist völlig abgehoben und getrennt von der Realität. Das Wort „Stuhl“ zB ist nur über die willkürliche Zuordnung, dass es eben das bezeichnet, was wir als Sitzgelegenheit benutzen, mit dem Gegenstand verbunden.

Ganz anders im Hebräischen. „Dabar“ heißt Wort – und schon der Klang dieses Wortes ist drängender, bewegter, dynamischer als der des Begriffs „Logos“. „Dabar“ ist das wirkende Wort, das nicht abseits der Wirklichkeit steht, sondern selbst eine Wirklichkeit ist und Wirklichkeit schafft. Wenn ein Mensch zu einem anderen sagt: „Ich liebe dich“ dann ist das – sofern es ehrlich ist – nicht nur eine Information über einen Sachverhalt, der sich völlig außerhalb dieser Worte befindet. Sondern indem dieser Satz gesagt wird, geschieht auch etwas von dieser Liebe, sie verwirklicht sich in diesem Sprechakt, teilweise zumindest.

Im Studium habe ich dann gelernt, dass in der Linguistik vom „performativen Sprechakt“ gesprochen wird. Damit ist etwas ähnliches gemeint. Es gibt ein Sprechen, in dem etwas geschieht, Wirklichkeit gesetzt, erschaffen, verändert wird. Die Eltern, die ihr Kind trösten mit den Worten: „Du brauchst keine Angst zu haben“ geben nicht nur eine – jenseits des Gesprochenen erst noch durch Fakten zu verifizierende – Information weiter, sondern bewirken möglicherweise damit genau das, was sie sagen, nämlich dass das Kind keine Angst mehr hat. Liebeserklärungen, Hasstiraden, Segenswünsche, Flüche, Trostworte, Grüße – all diese Formen des Miteinander-Sprechens sind letztlich mehr als „Logos“-Worte, mehr als ein Information oder ein begriffliches In-Worte-Fassen einer außerhalb ihrer selbst liegenden Wirklichkeit. In all diesen Sprechakten besteht zumindest die Möglichkeit, dass etwas von dem geschieht, was sie sagen. Das „Ja“ bei der Eheschließung bzw. der Trauung bewirkt, dass Mann und Frau verheiratet sind. Und letztlich ist auch jede rechtsgültige Unterschrift ja nur eine ins Schriftliche verflüssigte sprachliche Aussage mit Wirkung.

Wenn Paul Tillich zu Recht sagt, man solle nie davon reden, dass etwas ja „nur“ ein Symbol sei, so kann ich sicher mit dem gleichen Recht sagen, dass es falsch ist, zu kritisieren, etwas seien ja „nur“ Worte. Worte sind das wichtigste Element der Kommunikation, sie können Beziehungen aufbauen oder zerstören. Worte tragen Wirklichkeit, haben Wirkungen und wenn sie belanglos sind, dann haben sie auch damit eine (schädliche) Wirkung, indem sie zur Reizüberflutung beitragen, das Hören verstopfen und so im ungünstigsten Fall die Kraft der guten Worte mindern. Auch deshalb kann ich den Wise Guys nur rechtgeben, wenn sie sagen und singen: „Das Leben ist zu kurz für RTL 2 …“

P.S.: Der Nachfrage eines Kommentators (siehe dort) verdanke ich es, dass ich inzwischen auch den Titel des Buches wieder weiß. Es handelt sich um Thorleif Boman „Das hebräische Denken im Vergleich mit dem griechischen“ Göttingen 1965 4. Auflage (Vandenhoeck und Ruprecht)

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