Ich gehe mit meinem Hund spazieren. Es ist ein heller Abend, denn es ist Vollmond. Der Mond wirft ein faszinierendes Licht auf das Feld, an dem wir entlanggehen. Ich bleibe stehen und schaue gebannt auf die riesige silbrig-graue Mondscheibe. Plötzlich entdecke ich, dass mein Hund genauso dasteht wie ich, genauso gebannt ist von diesem Licht und genauso schräg nach oben schaut wie ich es tue. Blitzartig wird mir klar: So also „denkt“ ein Tier; letztlich bin ich nicht so viel anders als mein Hund; ich fühle mich ihm als Teil der Schöpfung verbunden. Und während mir das klar wird, während ich das in Gedanken formuliere, wird mir zugleich das andere klar: Diesen Gedankenschritt macht mein Hund nicht. Er tritt nicht neben die Situation und denkt über die Gemeinsamkeiten zwischen Mensch und Tier nach. Er kann und wird das, was wir in einem Augenblick ganz ähnlich erlebt haben, nicht reflektieren, nicht festhalten, nicht in Worte fassen. Erlebt haben wir das gleiche. Eine Erfahrung gemacht habe nur ich.
Sprache macht aus Erlebnissen Erfahrungen, Sprache ermöglicht Erfahrungen, Erfahrungen erschaffen die Sprache.
Diese ganz einfache Erkenntnis hat für viele Dinge Bedeutung – nicht nur für das Nachdenken über die Unterschiede zwischen Mensch und Tier. Sondern auch für die Frage, warum Menschen Abkürzungen erfinden, warum Wörter aussterben, warum so etwas wie „Denglisch“ entstehen konnte (oder musste?) und letztlich auch für die Frage, wie religiöser Glaube und Erfahrung zusammengehören und welche Rolle Missverständnisse in unserem Leben spielen. Genug Themen also für die nächsten Wochen!

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