Heute 

A wie Angebot

Der Irrtum lautet: „Wenn eine bestimmte Gruppe (Altersgruppe, Bildungsschicht, Geschlecht usw.) im kirchlichen Zusammenhang nicht oder selten auftaucht, muss die Kirche für diese Zielgruppe ein neues Angebot entwickeln“ – Die folgenden Erinnerungen und Gedanken sollen verdeutlichen, warum dieser Ansatz falsch ist.

Es ist Ende der 80er Jahre. Wir veranstalten erstmals einen Pfarrkonvent zum Thema „Marketing“; damals noch etwas ungewöhnliches. Der Fachmann aus der Wirtschaft, den wir als (teuren) Referenten gewonnen haben, fordert uns auf, mögliche Zielgruppen für die kirchliche Arbeit zu finden und steht abwartend mit seinem Edding an seinem Flipchart. Verwundert füllt er Seite um Seite, denn die Ideen der kirchlichen Praktiker kommen nicht enden wollend wie aus der Pistole geschossen. Von „Alleinerziehenden“, „Akademikern“, „Arbeitern“ „Ausgetretenen“ und „Ausländern“ über „Besserverdienende“, „Erwachsene im ‘Mittelalter’“ „Familien“, „Flüchtlinge“, „Jäger“, „Jugendliche“ „Kommunalpolitiker“, „Männer“, „Motorradfahrer“, „Musikinteressierte“, „Polizisten“ „Senioren“, „Singles“ „Sozialhilfeempfänger“ „Spätaussiedler“ „Sportler“, „Suchtbetroffene“ und „Umweltschützer“ bis zu „Zugezogenen“ ist alles dabei, was es in dieser Gesellschaft gibt und entweder Hilfe braucht oder meint, keine Hilfe zu brauchen. (Die inklusive Sprache ist damals noch nicht Pflicht, sonst wären Edding und Flipchartblock schon bei „M“ alle gewesen …) Die Vermutung des Referenten, er könne uns mit der Frage nach möglichen Zielgruppen auf neue Ideen bringen, wird gründlich korrigiert. Er stellt erstaunt fest, dass keins der Unternehmen, die bei ihm Kunde sind, so intensiv über mögliche Zielgruppen nachdenkt wie die Kirche … Tatsächlich haben sich in der Kirche seit der – prinzipiell lobenswerten – „Stewardship“-Bewegung in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts zahlreiche kirchliche Zielgruppenangebote entwickelt – Frauenarbeit, Männerarbeit, Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt, Posaunenwerk und Kirchenchorverband; es gibt Jugendgottesdienste und Altennachmittage, Polizeiseelsorge, Friedensgruppen und Musikprojekte, Alkoholiker-Selbsthilfegruppen und Vater-Kind-Wochenenden; es gibt für alles hauptamtliche Fachleute in den landeskirchlichen Spezialreferaten und vor allem eine riesige Überforderung der Pfarrerinnen und Pfarrer: Die kirchlichen Stellen sowohl in den Kirchengemeinden als auch in den genannten Spezialdiensten werden ausgedünnt, die Teilnehmerzahlen bei vielen der bereits existierenden „Angebote“ werden geringer, die Gesellschaft differenziert sich immer weiter aus. Und nun sollen die Gemeindepfarrer/innen auf jede der in „ihrer Gemeinde“ existierenden Gruppen zugehen und für sie ein maßgeschneidertes „Angebot“ machen? Wenn die Kirche das Konzept der Zielgruppenarbeit weiter verfolgen will, produziert sie nahezu zwangsläufig ständige Überforderung und einen immer häufigeren Burn out bei den verbleibenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Es handelt sich also zumindest für die heutige kirchliche Arbeit um einen Irrweg. Es handelt sich aber auch vom Ansatz her bereits um einen Irrtum.  Selbst wenn es uns gelänge, das Zielgruppenkonzept durchzuhalten und erfolgreich weiter zu differnzieren – es würde so vermutlich gerade keine Gemeinde im Sinne des Neuen Testaments entstehen:

1. Galaterbrief Kapitel 5: „Zur Freiheit hat euch Christus befreit“ Der oben zitierte Satz behauptet: „Die Kirche muss …“ Die evangelische Kirche zumindest als Kirche der Freiheit „muss“ aber erst einmal überhaupt nichts. Sie muss bzw. sie wird das Evangeliuum verkündigen und die Sakramente verwalten, solange sie denn Kirche ist. Und sie wird sinnvollerweise darüber nachdenken, in welchen Formen diese Verkündigung zeitgemäß geschieht. Dabei gibt es aber immer nur ein „besser“ oder „schlechter“ gemäß menschlicher (durchaus auch von Gott geschenkter) Erkenntnis, aber nie ein „Müssen“

2. Galaterbrief Kapitel 6: „In Christus ist nicht Mann und Frau, Sklave oder Freier …“: Ist es nicht gerade ein Element des Evangeliums, dass Menschen nicht daraufhin angesehen werden, ob sie Männer oder Frauen, Besserverdienende oder Arbeitslose, Jäger oder Vegetarier sind? Ist die fortschreitende „Atomisierung“ der Gesellschaft nicht gerade ein Problem, dem die Kirche sinnvollerweise entgegentreten sollte, anstatt sie zu zementieren? Liegen die Chancen kirchlicher Arbeit nicht gerade darin, dass sich hier Menschen begegnen, die in der Gesellschaft neimals zusammenkommen würden? Zum Kreis der Jüngerinnen und Jünger Jesu gehörten ehemalige Zeloten, die die römische Besatzungsmacht mit Waffengewalt bekämpft hatten und ehemalige Zöllner, die mit dieser Besatzungsmacht Geschäfte gemacht haben. Und als in der ersten Christenheit die Gemeinde zu zerfallen drohte, weil es griechischsprechende und aramäischsprechende Christen in ihr gab und die Witwen der einen Gruppe bei der Essensversorgung übersehen wurden, wurde eigens das Diakonenamt geschaffen um dieses Auseinanderfallen zu verhindern.

3. 1. Korintherbrief Kapitel 12: „Ihr seid der Leib Christi“.Das Reden vom „Angebot“ assoziiert eine „Anbieter / Kunden“-Struktur. Die Kirche aber ist die „Gemeinschaft der Gläubigen, in der das Evangelium gepredigt und die Sakramente gefeiert werden“ (nach dem Augsburger Bekenntnis).

Also: Schluss mit der Zielgruppen-Ghettoisierung in der Kirche!

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