These 1. „Der Mensch ist unheilbar religiös“ (Nikolai Berdjajew) – und das ist gut so

These 2. Entgegen der landläufigen Gegenüberstellung von Religion einerseits und Wissenschaft andererseits ist festzuhalten: Wissenschaft und Glauben haben ihren gemeinsamen Ursprung in der menschlichen Fähigkeit zu staunen, also aus der Selbstverständlichkeit des instinktiven Lebensvollzuges herauszutreten und Fragen zu stellen.

These 3. Das Wort „Religio“ heißt nicht, wie oft behauptet wird, „Rückbindung an Gott“, sondern „Zurückweichen, Zögern, Schaudern“ und meint das Gefühl, das Menschen z.B. haben, bevor sie eine Schwelle überschreiten oder eine Tür öffnen, wenn sie einen Augenblick innehalten und sich fragen: Was tue ich da eigentlich?

These 4. Religion ist also im Wesenskern eine (prinzipiell positive) Selbst-Distanzierung und Selbst-Infragestellung des Menschen und das Bewusstsein, nicht selbstverständlich, nicht zufällig und nicht aus sich selbst heraus zu existieren.

These 5. Jeder Mensch hat eine angeborene Ahnung des Heiligen und kann Erfahrungen des Heiligen als „Faszinosum et Tremendum“ (das Faszinierende und zugleich Erschreckende) machen

These 6. Wo diese ekstatischen Erfahrungen nicht mehr im Kontext einer Religion (d.h. in einem überindividuellen Deutungszusammenhang) gemacht werden, tritt an die Stelle der religiösen Erfahrung die Suche nach dem „ultimativen Kick“ , die Selbstinszenierung in Kosmetik bzw. in Fitness als Körperkult oder die religiöse Aufladung von Sexualität und Erotik.

These 7. Der „Gotteskomplex“ (Horst-Eberhard Richter), der Allmachtswahn, also die Selbstüberschätzung des neuzeitlichen Menschen ist die Ursache für den Raubbau an der Schöpfung, für die totalitären Ideologien von Nationalsozialismus und Stalinismus und für die unheilvolle Totalökonomisierung aller Lebensbereiche. Deshalb ist das in jüngster Zeit wieder stärkere Bewusstsein für die religiöse Dimension des Menschen ein hoffnungsvolles Zeichen

These 8. Gerade die religiös und weltanschaulich neutrale Demokratie braucht, als Wurzel einer echten Toleranz, die in allen Religionen gelehrte religiöse Tugend der Demut – d.h. der Bereitschaft zur Selbstbeschränkung und damit der Akzeptanz der in der Demokratie aus gutem Grund essentiellen Begrenzung menschlicher Macht. Zu den Gegenwartsaufgaben der Menschheit gehört es, Mechanismen der Machtbegrenzung auch für den Bereich der Wirtschaft zu organisieren

These 9. Es ist nicht förderlich, Religion um der Exzesse einer religiös begründeten Gewalt oder um des Fundamentalismus willen, prinzipiell misstrauisch zu betrachten. Natürlich sind Gewalt und Terrorismus aufs Schärfste abzulehnen, ob religiös begründet oder nicht, Menschen werden aber nicht deshalb gewalttätig, weil sie religiös sind. Sondern Menschen werden gewalttätig, weil sie (theologisch gesprochen) Sünder sind. Die Überwindung dieser Sünde ist aber gerade nicht möglich ohne Religion. Genauso wie es religiösen Fundamentalismus gibt, gibt es auch einen fundamentalistischen Atheismus. Vielleicht ist die Versuchung des Atheismus, intolerant zu werden, sogar besonders groß, weil er sich gerne (zu Unrecht) für „wissenschaftlich“ hält und als einzige Religion die Tugend der Demut nicht kennt.

These 9 ½: Religion ist keine Sache von gestern, sondern eine Sache von morgen!

P.S. Eine Erfahrung, die mich auf die Spur von These 3 gebracht hat, ist hier nachzulesen: https://kraftwort.wordpress.com/2009/06/07/sprache-ist-der-ort-der-erfahrung-1/

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