Die Beziehungen, in denen Menschen leben, lassen sich grundsätzlich in zwei fundamental unterschiedliche Kategorien einteilen:

Es gibt Beziehungen, in denen ich lebe, ohne, dass ich mir den / die anderen selber ausgesucht haben – vorgegebene Beziehungen, die ich kurz „V“-Beziehungen nenne

Und es gibt Beziehungen, in denen ich lebe, weil ich sie mir selbst ausgesucht habe – die Wahlbeziehungen oder kurz „W“-Beziehungen.

Aus diesen beiden Abkürzungen ergibt sich er Begriff „VW-Modell“.

Das VW-Modell untersucht den unterschiedlichen Charakter dieser beiden Beziehungsarten und ermöglicht interessante Einblicke und Erklärungen für alltägliche Kommunkationsprobleme.

V-Beziehungen sind zum Beispiel Eltern-Kind-Beziehungen, die Beziehungen am Arbeitsplatz oder in der Schule, Nachbarschaft usw.

W-Beziehungen sind vor allem Liebesbeziehungen und Freundschaften.

Der Unterschied von V- und W-Beziehungen entspricht der Spannung von Sicherheit und Freiheit. In V-Beziehungen können Menschen Sicherheit erfahren , in W-Beziehungen wird Freiheit verwirklicht. Die „Tugend“ einer V-Beziehung ist die Treue, die Tugend der W-Beziehung die Liebe. In der V-Beziehung folgt aus der Nähe im Idealfall die Akzeptanz und Wertschätzung des anderen; in der W-Beziehung folgt aus der Wertschätzung des anderen die Nähe.

Wenn Menschen sich bei der Hochzeit versprechen, einander treu zu bleiben, bis der Tod sie scheidet, dann machen sie aus freien Stücken aus einer W-Beziehung auch eine V-Beziehung. Vermutlich folgen viele Probleme, die Ehepartner miteinander haben, genau aus diesem Wechsel – und daraus, dass sich die Beteiligten nicht klar machen, welchen hohen Anspruch sie mit diesem Schritt an sich selbst stellen; nämlich in ein und derselben Beziehung Freiheit und Sicherheit zu verwirklichen, Liebe und Treue zu üben.

Das VW-Modell macht auch deutlich, dass Liebe und Hass bzw. Freundschaft und Feindschaft keine symmetrischen Gegensätze sind: Liebe bzw. Freundschaft kennzeichnen eine positiv qualifizierte W-Beziehung, Hass bzw. Feindschaft kennzeichnen eine negativ qualifizierte V-Beziehung. Anders ausgedrückt: Menschen haben das Bedürfnis nach Liebe und Freundschaft und suchen sich Menschen, mit denen sie dies erleben und verwirklichen können. Einen Freund sucht man sich aus. Einen Feind sucht man sich aber nicht aus. Ein Feind ist ein Mensch, der schon da ist, zu dem bereits eine V-Beziehung besteht (zB der Kollege, mit dem man um einen Aufstieg konkurriert, der Nachbar, der andere Vorstellungen von Gartengestaltung oder Nachtruhe hat als man selbst usw.). Diese V-Beziehung wird auf Grund von objektiven Interessenskonflikten und / oder persönlicher Abneigung zu Feindschaft; aber eben nur, weil man sich nicht aus dem Wege gehen kann. Der Gegensatz zur Liebe (der andere ist mir wichtig und wertvoll) ist daher eigentlich die Gleichgültigkeit (der andere bedeutet mir nichts). Wird Hass als aktive Ablehnung verstanden, dann ist er letztlich das Gegenteil von Annahme bzw. von Treue (die ja die V-Beziehung positiv qualifiziert).

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