„Berlin ist keine Aprikosengegend. Dafür ist es zu kalt. Ich hab in Berlin keinen Aprikosenbaum vermisst. Dann aber, ohne zu suchen, einen gefunden. Er steht dicht neben den Schienen der S-Bahnbrücke, man kommt dort nicht hin, er gehört niemandem …“ (Herta Müller in dem Essay „In jeder Sprache sitzen andere Augen“ in: „Der König verneigt sich und tötet“ S. 16)

So ähnlich ging es mir mit der Entdeckung der diesjährigen Literatur-Nobelpreisträgerin. Ich habe sie nicht vermisst, ich hätte unter Rumäniendeutschen keine solche Schriftstellerin vermutet, aber ich bin froh, dass ich sie durch den Literaturnobelpreis entdeckt habe.

Die Bildzeitung war so ehrlich, nicht zu titeln: „Wir sind Nobelpreisträger“, denn auch Herta Müller „gehört niemandem“, sie kann nicht einfach für einen deutschen Nationalstolz, so als seien wir jetzt endlich wieder die Nation der Dichter und Denker, vereinnahmt werden. Statt dessen schrieb Bild von einem Nachbarn, einen Deutschlehrer, der gestand, auch erst ein einziges Buch von Herta Müller angefangen zu haben, so dass wir nun alle wieder ein gutes Gewissen dabei haben dürfen, sie nicht gekannt zu haben und voraussichtlich auch künftig gar nicht kennenlernen zu wollen. Aber natürlich bin ich an diesem Punkt anderer Meinung als „Bild“ und habe, nachdem ich zwei Bücher von ihr angefangen habe zu lesen (weiter bin ich auch noch nicht, aber das kommt noch), den Eindruck: Wer immer sich mit Sprache befasst, auch mit dem Verhältnis von Sprache und Erfahrung (was ein Anliegen dieses Blogs ist), der wird an ihr künftig nicht vorbeikommen.

Dass ihre Sprache oft so neu und anders und kraftvoll wirkt, hat vermutlich damit zu tun, dass sie selbst immer wieder an die Grenzen der Möglichkeiten von Sprache stößt und deshalb diese Grenzen schöpferisch hinausschiebt. Sie schreibt: „Es ist nicht wahr, dass es für alles Worte gibt. Auch dass man immer in Worten denkt, ist nicht wahr … Die inneren Bereiche decken sich nicht mit der Sprache, sie zerren einen dorthin, wo sich die Wörter nicht aufhalten können“ (aus dem schon genannten Essay S. 14). Und das ist kein Mangel für Poesie und Prosa, sondern: „Jeder gute Satz mündet im Kopf dorthin, wo das, was er auslöst, anders mit sich spricht als mit Worten“

Advertisements