Was bisher geschah:

Die Rödelkirche Fruststadt hat ihre Kirchenmusikerstelle (49,3 %) ausgeschrieben. Dabei hat sie versehentlich (?) den gleichen Text verwendet wie drei Jahre zuvor, als es sich noch um eine 75 % -Stelle handelte, ergänzt um die Erwartung der Mitarbeit bei einem Ganztagsschulprojekt und in der Regionalisierung. Der einzige Bewerber ist Berufsanfänger Gregor-Yannick Gospelbach, der die Stelle auch erhält und mit einem festlichen Gottesdienst, (in dem er selbst die Orgel spielen und alle mitwirkenden Chöre leiten darf) sowie einem anschließenden Empfang eingeführt wird.

Und so geht es weiter:

Nach dem Empfang zu seiner Einführung sitzt Gregor in seiner von einem „sowjetischen Kronleuchter“ (also einer nackten Glühbirne) beleuchteten Küche bei einem alkoholfreien Weizenbier und einem Stück Elsässer Flammkuchen aus der Tiefkühltruhe und lässt die Eindrücke des Tages Revue passieren. Dr. Gutverdien hat ihn gleich nach den offiziellen Grußworten mit neuen Einzelheiten seiner Idee bombardiert, einen „Förderverein für die Kirchenmusik“ zu gründen und ihn selbst auf die Frage „Ich darf Sie doch Greg nennen, nicht wahr?“ überhaupt nicht zu Wort kommen lassen. Außerdem hat er angekündigt, dass seine Tochter Viola (die mit dem gleichnamigen Instrument) bereits am ersten Adventswochenende nach Hause käme und sich darauf freue, mit ihm gemeinsam in der Adventsandacht das „Hair von Bach“ zu musizieren. Gertrud Kanzel-Schwalbe hat sich als Mitglied in sämtlichen existierenden Chören und Singgruppen vorgestellt („auch beim Kinderchor hab ich schon mal mitgeholfen, die Kleinen können ja heute keine Melodie mehr alleine halten, finden Sie nicht auch“) und mit schnippischem Blick erzählt, dass sie beim Vor-Vorgänger manchmal mit auf der Orgelbank gesessen und die Register gezogen habe, die Vorgängerin aber sei ja eine entsetzliche Person und zum Glück auch nur drei Jahre dagewesen, aber auch der Vor-Vorgänger habe sich ja leider die Apothekerin des Nachbarortes geangelt und sei nun als freiberuflicher Musiker tätig, der fast sämtliche Männerchöre und Feuerwehrkapellen im Landkreis leite, „den werden Sie sicher noch kennenlernen, er hat mich wirklich sehr enttäuscht“), aber eines wolle sie gleich sagen, dieses moderne englische Zeug wollten sie hier alle nicht haben und dass in der Ausschreibung etwas von „Gospelchor“ stand, möge er bitte schnellstens vergessen, das habe in den beiden vorigen Anzeigen auch schon gestanden und keiner habe sich darum gekümmert.

Auch sonst scheint sich der Arbeitsumfang gegenüber den Wünschen in der Anzeige doch noch etwas zu reduzieren. Den Taize-Singkreis, hat er erfahren, gibt es schon seit vier Jahren nicht mehr, was bisher aber vom Kirchenvorstand niemand gemerkt hat. Die katholische Gemeinde ist mit drei anderen zu einer Seelsorgeeinheit mit nur noch einem Priester zusammengelegt worden. Der Monsignore tauchte für zehn Minuten beim Empfang auf und schlug vor, man solle doch die „Gebetswoche für die Einheit der Christen“ und die „Woche für das Leben“ wieder abschaffen, die Beteiligung sei ohnehin nicht so doll gewesen. Dafür seien die evangelischen Kinder aber in diesem Jahr herzlich im November zum Martinsumzug eingeladen und ob dafür Gregor mit seinem Posaunenchor …? Die Vorsitzende der örtlichen Arbeiterwohlfahrt teilte ihm den Termin der Adventsfeier mit. Bisher sei da immer einer der Pfarrer gekommen, die hätten aber abgesagt wegen der Stellenkürzung und die alten Leute würden ja doch lieber singen als eine Predigt hören, am liebsten die alten Kirchenlieder aus der Kindheit wie „Schneeflöckchen, Weißröckchen“ oder „Kling, Glöckchen klingelingeling“ …

Gregor hat zum Glück gerade schon erfahren, dass von den 5 Pfarrstellen, die im Text der Anzeige noch erwähnt waren, seit der letzten Stellenkürzung nur noch 2 ½ existieren („ein Versehen, weil wir den Text von vor drei Jahren verwendet haben“). Deshalb könne man sich auch gut vorstellen, dass er in die leerstehende Pfarrwohnung im Neubaugebiet einziehe, die sei zwar im Moment noch etwas groß, aber vielleicht werde sich seine Familiensituation (oder sagen wir erst mal: Beziehungssituation) ja auch einmal ändern, es gebe ja viele nette Menschen in Fruststadt, man gönne es ihm jedenfalls.

Gregor will gerade zu Bett gehen – der Fernseher ist noch nicht angeschlossen, es ist kurz nach zehn, den restlichen Flammkuchen schafft er nicht mehr, es gab zwar nur winzige Stücke „Freud- und Leid-Kuchen“ bei seinem Empfang, aber er hat doch eine ganze Menge davon verdrückt (er musste ja in allen Gesprächen fast nur zuhören) und so ist er doch pappsatt und auch kaputt von diesem Tag.

Da klingelt es an seiner Wohnungstür. Gregor sieht ein verheultes Gesicht vor sich – es ist Pfarrerin Gunhilde Gleich-Gültig. „Darf ich reinkommen?“ Gregor ist zwar verwundert, aber er lässt sie natürlich eintreten. „Sie haben sicher gesehen, dass mein Mann vorhin zu diesem Flittchen ins Auto gestiegen ist! Das ist seine Sprechstundenhilfe aus der Zahnarztpraxis. Den Audi hat er ihr schon vor ein paar Wochen geschenkt, habe ich heute erfahren! Ich hab’s ja alles irgendwie geahnt, aber jetzt ist es klar: Wir lassen uns scheiden. Sie ahnen ja gar nicht, wie mich das mitnimmt, aber zum Glück habe ich gleich einen Platz bekommen, morgen beginnt meine Therapie und deshalb wollte ich Sie bitten, dass Sie meinen Konfirmandenunterricht übernehmen, Sie sind jung, Sie können bestimmt mit den Jugendlichen gut umgehen und Sie können ja ruhig hauptsächlich mit denen singen, es ist ja nur für acht Wochen, ja Sie müssten morgen schon anfangen, ich kann denen ja nicht allen abtelefonieren, dass es morgen ausfallen soll, das dauert ja, bei 40 Familien! …“

Ob Gregor mit den Konfirmanden und Konfirmandinnen zurecht kommt, wie es zu dem Gerücht kommt, dass er schwul sei und vieles mehr erfahren Sie schon bald in den nächsten Folgen!

Weiterlesen? Dann hier entlang: https://kraftwort.wordpress.com/2009/11/03/fruststadt-soap-gegendarstellung/

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