Geschafft! Der 49,3%-Kantor von Fruststadt, Gregor-Yannick Gospelbach, Liebhaber von alkoholfreiem Weizenbier und Elsässer Flammkuchen sitzt ausnahmsweise nicht alleine vor seinem Lieblingsmenü. Sein Studienfreund Harrison hat ihm heute beim Umzug geholfen. Der Schimmel in der ersten Wohnung und die „reizende“ Nachbarschaft mit Herrn Nörgel haben ihn dazu gebracht, das Angebot anzunehmen: Er ist ins leerstehende Pfarrhaus im Neubaugebiet gezogen. Nun sitzen die beiden Musikerfreunde auf den Umzugskisten und füllen ihre Weizengläser. Sein Freund sagt: „Hör mal, Greg, ich habe die Anzeige ja auch gelesen und weiß genau, warum ich mich hier nicht beworben habe. Ist es denn nun alles so schlimm gekommen?“ „Kommt drauf an, wie man es sieht. Den Taize-Singkreis gibt’s nicht mehr, seit der einzige Mann – der weggekürzte Pfarrer, der hier drin gewohnt hat – nicht mehr da ist, die Frauen machen jetzt bei der Thomasmesse in der Kreisstadt mit. Und der Jugend-Gospelchor ist praktisch identisch mit den Mädchen aus meiner Konfirmandengruppe, so dass wir uns direkt im Anschluss an meinen Konfer für eine ¾ Stunde treffen können, das ist nicht so wahnsinnig anstrengend und macht eigentlich sogar Spaß.“ -„Wie, Konfer machst du auch?“ „Nur solange Frau Gleich-Gültig in ihrer Nach-Scheidungs-Therapie am Bodensee ist, für die sie allerdings gerade eine Verlängerung bekommen hat. Wenn sie sich auch ausgerechnet den für die Bewilligung zuständigen Facharzt als Kurschatten ausgesucht hat …“ „Und, gibt’s noch mehr, was du machen musst, was nicht in der Anzeige stand?“ „Naja, die monatliche Andacht im Altersheim haben sie vergessen reinzuschreiben. Eff-Eff – das ist der erste Pfarrer, Friedel Freudeeierkuchen ist den Leuten als Name zu lang, Eff-Eff also hat mir angeboten, er könnte da auch seinen alten Kassettenrecorder mitnehmen und ein Band laufen lassen, die Leute seien sowieso schwerhörig. Aber das habe ich dankend abgelehnt. Auch für alte Leute finde ich Konservenmusik beim Gottesdienst unanständig. Und wenn man damit erst mal anfängt, ist man ruckzuck ganz weggekürzt. .. Also mache ich das auch. Ich habe nur durchgesetzt, dass immer höchstens zwei Strophen am Stück gesungen werden: die haben ein Harmonium, bei dem man durch das Treten pro Strophe mit der Orgelbank einen Zentimeter nach hinten rutscht.“ „Ist das das schicke Heim an der Bundesstraße, gleich wenn man reinkommt?“ „Genau, das mit der modernen Kunst davor. Sündhaft teure Plastik vom Neffen des Bürgermeisters. Aber das Harmonium von 1899 haben sie aus dem Altbau mit rübergenommen, da war kein Geld für ein neues Instrument mehr da. – Andererseits: Ich kriege ab nächsten Monat eine Stunde zusätzlich bezahlt. Weil ich jetzt hier im Pfarrhaus wohne kriege ich für Dienstagmorgens von 9 bis 10 Uhr eine Sekretärinnenstunde bezahlt – damit die Leute aus dem Neubaugebiet hier im bisherigen Pfarrbüro weiter ihre Patenscheine abholen und Trauungen anmelden können, außerdem darf ich, wenn gerade kein Publikumsverkehr ist, das alte Archiv aufräumen. Das sind immerhin netto 16,21 € mehr in der Woche.“ „Na toll, dafür kriegst du ja schon eine ganze Kiste Weizen – also mal ehrlich, Greg: Du bist hier nicht nur Kantor, sondern auch Diakon, der Konfer gibt und Pfarramtssekretärin und das bei diesem Gehalt? Wenn deine Mutter dir eines Tages nicht mehr das Auto bezahlt, willst du dann von hier aus die vier Kilometer bis zur Kirche auch bei Glatteis mit dem Fahrrad fahren? Pass auf, eines Tages, sollst du auch noch die Predigt übernehmen!“ „Ich zeig dir mal was“ sagt Greg, steht auf, und öffnet die Kiste, auf der mit Edding „Büro“ steht. „Es müsste eigentlich obendrauf liegen“ sagt er und nimmt ein vergilbtes Blatt heraus. „Das hat mir „Eff-Eff“ neulich gegeben, was ich davon halte“  Harrison liest „Lutherisches Amtsblatt, ausgegeben am 3. Februar 1951 – Bischöfliche Verfügung über die Durchführung von Kantorgottesdiensten in unversorgten Landgemeinden“ Das Singen der Liturgie sei ohnehin Aufgabe des Kantors. Gebete und Lesungen dürften von der Orgelempore gehalten  oder sollten von einem geeigneten Kirchenvorsteher übernommen werden. Lediglich die Predigt solle vom Lesepult aus gehalten werden, die Gemeinde habe sich derhalben in Geduld zu üben, bis der Kantor den Ortswechsel vollzogen habe. Auch der Segen (als Bitte formuliert) könne von der Orgelempore gesprochen werden, das Amen sei dann notfalls ohne Orgelbegleitung zu singen – Harrisons Augen werden immer größer: „Das will der Pfarrer wirklich wieder einführen? Wie kommt der dazu?“ „Nun, er hat Anspruch auf ein freies Wochenende im Monat, der halbe Pfarrer ist immer zwei Wochen im Monat in Berlin auf seiner anderen Halbstelle an seinem komischen Institut und Gunhilde Gleich-Gültig ist bekanntermaßen erst einmal nicht da. Da ist er halt auf diese Idee gekommen.“ „Und was wirst du tun?“ „Meine erster Gottesdienst war gar nicht so schlecht.  Ich habe im Ordner mit den Lesepredigten gleich eine von Pfarrer Redlich gefunden, der mich konfirmiert hat. Da wusste ich, dass die gut ist und habe sie selber auf der Kanzel zum ersten Mal gelesen. (Wegen der sieben Beerdigungen in der Woche davor hatte ich zum Vorbereiten keine Zeit). Nur dass er dauernd Beispiele aus seiner Kindererziehung brachte, passte natürlich nicht so gut …“

Ob Gregor-Yannick Gospelbach auch noch den Küsterdienst übernehmen muss, wie seine erste Begegnung mit Viola Gutverdien verläuft und warum er zum Kreisdekan beordert wird, das erfahren Sie in den nächsten Folgen!

(Und hier geht es weiter: https://kraftwort.wordpress.com/2009/11/16/fruststadt-120-der-brief/)

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