Wenn meine Großmutter ihre Mutter besuchen wollte, brauchte sie dazu drei Tage:

Am ersten Tag fuhr sie hin – mit der Kutsche.

Am zweiten Tag war sie da. Sie half in Haus und Garten und beide erzählten sich das Neueste.

Am dritten Tag ging es wieder nachhause.

Wenn meine Mutter ihre Mutter besuchen wollte, brauchte sie dazu zwei Tage. Sie fuhr mit dem Zug. Am ersten Tag fuhr sie hin. Abends saßen beide lange zusammen und erzählten sich das Neueste. Am nächsten Tag ging es wieder nachhause.

Wenn wir meine Mutter besuchen wollen, dann brauchen wir dazu eine halbe Stunde. Mehr Zeit haben wir nicht, denn wir müssen noch die alte Standuhr vom Uhrmacher abholen, das Auto muss zum Tanken und die Kinder müssen wir rechtzeitig zur Gymnastik bringen.

Manchmal frage ich mich: Was ist eigentlich, wenn meine Kinder mich besuchen wollen?

Diesen Tagebucheintrag habe ich bereits vor 25 Jahren geschrieben. Inzwischen kann ich meine Frage beantworten:
Meine Tochter ruft einmal im Jahr aus Australien an, meistens drei Tage nach meinem Geburtstag. Den Schwiegersohn habe ich nie kennengelernt, inzwischen sind sie geschieden. Von meinem Enkel in downunder habe ich immerhin mal ein Foto bekommen, es steht auf meinem Nachttisch und neulich quäkte er auf Englisch „Hello Grandma“ ins Telefon. Mein Sohn lebt zwar nicht weit entfernt, aber auch er besucht mich überhaupt nicht, sondern ich besuche ab und zu ihn – in der Psychiatrie, er ist durch seinen Haschischkonsum schizophren geworden, dabei war er bis kurz vorm Abitur der Klassenbeste …
 
 

 

 

Das vierte Gebot richtet sich übrigens nicht an Kinder, sondern an Erwachsene:

„Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass es dir wohlergehe und du lange lebest auf Erden“

P.S.: Die Geschichte ist natürlich fiktiv,  Ähnlichkeiten mit real existierenden Familien sind zufällig. Sie geht im ersten Teil auf ein tatsächlich vor ca. 20 Jahren im Umlauf  befindliches Predigtbeispiel zurück, dessen Autor mir nicht bekannt ist.

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