Ein Blick ins Gästebuch des Bundespräsidialamtes lohnt sich in diesen Tagen: http://195.43.52.103/gaestebuch.php Es ist schier unglaublich, wie nahezu einstimmig dort Menschen aus dem In- und Ausland, Männerund Frauen, Jüngere und Ältere (soweit erkennbar) den Rücktritt von Horst Köhler bedauern und wie sehr, anders als bei Politikern und Journalisten dort auch Verständnis für seinen Schritt laut wird. Vor allem dieser Unterschied zwischen den veröffentlichten Kommentaren aus der politischen Klasse und dem Bereich des Journalismus und den dort und in vielen Alltagsgesprächen zu erlebenden Äußerungen gibt mir zu denken. Es scheint mir eine zunehmende Entfremdung zwischen dem „Souverän“, also dem Volk auf der einen Seite und der „politischen Klasse“ auf der anderen Seite zu geben – wobei es schon ein Negativ-Indiz ist, dass ein solcher Begriff heute teilweise auch ohne Anführungsstriche benutzt wird, denn eigentlich ist eine Demokratie ja eine klassenlose Gesellschaft …

Während Politiker vor allem auf Erfolg ausgerichtet sind, und zwar  zunächst auf den eigenen Erfolg bei Wahlen und dann, das will ich positiv unterstellen, auch auf den Erfolg der von ihnen beschlossenen Maßnahmen, geht es für viele Menschen heute in erster Linie um etwas anderes: Es gibt m.E. ein großes Bedürfnis nach Authentizität. Die ist im Zweifelsfall für die Menschen wichtiger als der Erfolg. Margot Käßmann und Horst Köhler wurden und werden da wohl als Positivbeispiele gesehen, von denen es nicht so viele gibt zur Zeit. Und – jetzt kommt die Kurve zum Eurovision Song Contest – auch Lenas Sieg in Oslo, der ohne riesige Bühneneffekte oder Windmaschine auskam, hat vermutlich etwas damit zu tun, dass ihr Auftreten als „authentisch“ empfunden wurde.

Wenn man als Trendscout heute also vor allem die „Authentizität“ als Wert entdeckt – wie sollten Politiker, die doch gerne auf Trends eingehen, damit umgehen?

Vor allem müssten sie zwei Attitüden ablegen

– die Attitüde der Allmacht: Bis vor kurzem äußerte sie sich in den regelmäßigen Wahlversprechen, man werde „Arbeitsplätze schaffen“ oder die „Arbeitslosigkeit halbieren“; Dinge, die in unserem System die Politiker gar nicht tun können. Auch die vorsichtigere Variante davon, man werde „die Rahmenbedingungen dafür schaffen“ ist Unsinn. Der Rahmen, in dem auch Politiker sich bewegen und agieren, ist von ganz anderen Dingen gesetzt (Klimawandel, demografische und Bevölkerungs-Entwicklung, Globalisierung, Endlichkeit von Ressourcen …)  und es geht sehr wohl auch für Politiker darum, innerhalb dieses Rahmens ein einigermaßen sinnvolles Bild zu malen bzw. dazu beizutragen.

– die Attitüde der „Alternativlosigkeit“. Der Satz „Es gibt zu (dieser oder jener Maßnahme) keine Alternative“ ist in einer Demokratie verfassungswidrig! Es ist das Axiom der Demokratie, dass es immer Alternativen gibt. Die können relativ besser oder schlechter sein und auf Grund der begrenzten menschlichen Erkenntnis (die auch zum Menschenbild der Demokratie gehört) kann man selbst das, was relativ besser ist, nicht zweifelsfrei sagen, sondern es muss darum diskutiert und gerungen und schließlich für eine Möglichkeit eine möglichst große Zustimmung gefunden werden. Wer dieses zugegeben mühsame Vorgehen nicht akzeptieren will und sich auf eine angebliche Alternativlosigkeit und damit auf eine vor allem bei ihm selbst angeblich vorhandene absolute Erkenntnis zurückzieht, ist kein Demokrat, denn er bräuchte ja keine Wahlen und Abstimmungen mehr.

Wer als Politiker ehrlich sagt, dass er nicht alle Probleme lösen kann, dass er sich aber gemeinsam ehrlich mit anderen darum bemüht (und sich auch erkennbar so verhält), wer seine Ideen nicht absolut setzt, aber engagiert in einer Diksussion mit Argumenten vertritt, ohne für sich die absolute Erkenntnis zu beanspruchen – der oder die könnte dazu beitragen, die Vertrauenskrise, die Entfremdung zwischen „denen da oben“ (die eigentlich „die dazwischen“ sein müssten) und dem Souverän zu überwinden.

P.S.: Meine Kandidatenvorschläge für die Nachfolge von Horst Köhler:

Klaus Töpfer

Rita Süßmuth

Wolfgang Huber

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