Ich bin ja ein Fan von Entschleunigung und davon, alles mit etwas Abstand zu betrachten (zur Begründung siehe https://kraftwort.wordpress.com/2009/07/25/95-thesen-zur-gegenwartigen-und-kunftigen-religiositat/ vor allem Thesen 3 und 4).

So ist es auch nicht verwunderlich, dass mein Fußballkommentar anlässlich der WM erst jetzt kommt, wo sich fast niemand mehr für Fußball interessiert (Die Menschen reden tatsächlich schon über andere Themen, z.B. über das Wetter – fast 40 Grad bei uns im Odenwald …). Und natürlich ist der Kommentar auch kein sportlicher, davon habe ich nämlich fast keine Ahnung. Also: eine Alltagserfahrung aus der Zeit der WM.

Bevor’s losging in Südafrika habe ich mir bei meinem VW-Fritzen einen WM-Planer mitgenommen und ihn dazu benutzt, Ergebnisse zu tippen. Ich ließ mich dabei von meinen – wenn auch geringen – Kenntnissen leiten und wollte „so objektiv wie möglich“ tippen. Ich überlegte also Spiel für Spiel, welches Ergebnis wahrscheinlich sein könnte, errechnete daraus, wer weiterkommt und tippte dann auch die von mir erwarteten Viertel- und Halbfinalbegegnungen. Und siehe da: Das „völlig objektiv“ vermutete Endspiel lautete „Deutschland gegen Südafrika“. Als ich bei diesem Finale angekommen war, wurde mir klar, dass aller angestrebten Objektivität zum Trotz der Wunsch der Vater des Gedankens war. Was mich zu der Vermutung führt, dass wir Menschen auch sonst wahrscheinlich uns sehr viel öfter als wir es wahrhaben wollen, von unseren Wünschen leiten lassen. Vielleicht (wahrscheinlich) gilt das sogar für den Bereich des Glaubens und Unglaubens. Der Religiöse glaubt an Gott, weil er will, dass ein Gott ist und glaubt ihn auch so, wie er ihn sich wünscht. Der Atheist glaubt nicht an Gott, weil, er sich wünscht, dass da niemand ist, der ihm vielleicht reinredet, der seine (ohnehin nur scheinbar vollkommene) Autonomie in Frage stellt.

Was schützt uns davor, unser Wunschdenken für Erkenntnis zu halten? Zum einen sicher schon einmal die Einsicht in diesen Zusammenhang (übrigens eigentlich eine Alltagsversion von Jürgen Habermas‘ „Erkenntnis und Interesse“) Zum anderen die Überprüfung unserer „Erkenntnisse“ (auch derer ohne Anführungsstriche) an der Erfahrung. Und die Anerkennung von Kriterien außerhalb von mir, das In-Distanz-treten zum eigenen Ich, womit ich wieder bei meinen o.g. Thesen bin – oder, wenn man es anders ausdrücken wollte: Das Gebet „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe“ …

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