Karl Barth, Mozartfan und gemeinsam mit dem Auto und Coca-Cola 125jähriges Geburtstagskind denkt keineswegs nur „senkrecht von oben“. Offensichtlich inspiriert von Martin Bubers faszinierender „Ich-Du-Philosophie“ beschreibt er in § 45 der Kirchlichen Dogmatik die Grundform der Menschlichkeit, des Humanum, als „Sein in der Begegnung“. Ein Ausschnitt daraus als Zitat für diesen Monat :

Das „Sein in der Begegnung“ .. ist  .. ein solches Sein, in welchem der Eine dem Anderen in die Augen sieht. Das nämlich ist der humane Sinn des Auges: dass der Mensch dem Menschen Auge in Auge sichtbar werde.

Bürokratie nennt man diejenige Form des Menschen am Mitmenschen, in welcher gerade dieser erste Schritt, der Schritt in die gegenseitige Offenheit verfehlt … wird, weil die Zweisamkeit um der Einfachheit einer allgemeinen Betrachtung und eines allgemeinen Verfahrens willen umgangen wird. Bürokratie ist die Begegnung von Blinden mit solchen, die von diesen als Blinde behandelt werden. Ein Büro ist eine Stelle, wo die Menschen unter gewissen Schemata betrachtet und nach bestimmten Plänen, Grundsätzen und Regeln behandelt, abgefertigt, verarztet werden. Das kann dann wohl dazu führen, dass die Menschen selbst – die Behandelnden und die Behandelten – sich gegenseitig unsichtbar werden. Nicht jedes Büro ist ein Amtsbüro. Es sitzt und wirkt auch mancher, ohne es zu wissen, zeitlebens in seinem Privatbüro, von dem aus er die Menschen … nach seinen Privatplänen zu behandeln und abzufertigen gedenkt, wobei es dann wohl möglich ist, dass ihm die wirklichen Menschen gerade deshalb zeitlebens unsichtbar bleiben, wie er selbst dann vielleicht auch den Anderen zeitlebens unsichtbar bleiben muss.

(Kirchliche Dogmatik Bd. III / 2 S. 299 und 302 – Kapitel „Die Grundform der Menschlichkeit“)

P.S.: Liebe Theologiestudent/inn/en und Doktorand/inn/en, falls Ihr diesen Abschnitt zitiren wollt, kopiert ihn lieber nicht aus meinem Blog, sondern schaut im Original nach! Ich habe nämlich die Rechtschreibung ein wenig den heutigen Gepflogenheiten angepasst – Barth schreibt zum Beispiel noch „Bureauund „Bureaukratie“  , was zugegebenermaßen die von ihm inhaltlich beschriebene Lächerlichkeit des Ernsts der Bureaukraten sinnenfällig machen mag, aber trotzdem das flüssige Lesen m.E. hemmt …

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