Der äußerst lange § 55 der KD ist ein besonders spannender Paragraph. Karl Barth übernimmt eine zentrale Formulierung von Albert Schweitzer – die „Ehrfurcht vor dem Leben“. Er tut das, obwohl er sich gleichzeitig fundamental gegen ihn abgrenzt. Dass für Schweizer das Leben „trotz Schiller der Güter höchstes“ und so Kriterium aller Tugend ist, lehnt er vehement ab. (S. 366) Er zitiert Schweitzers Satz „Gut ist, Leben erhalten und fördern, böse ist, Leben vernichten und Leben hindern“ um sich gleich anschließend zu den Satz zu versteigen: „Es ist selbstverständlich, dass eine theologische Ethik das nicht mitmachen kann.“  (Warum eigentlich nicht?) (S. 367)
Spannend ist nun, dass in den Konsequenzen, die Barth aus dem – für ihn an der Stelle des Lebens stehenden – Gebot Gottes zieht, wieder ganz bei der Zentralität des Lebens landet und bei der Förderung und dem Schutz der Kräfte, dieses Leben zu entfalten, so dass er ausführlich Hygiene, Sport, Medizin, Psychosomatik und Prophylaxe würdigt. Am Schluss führt er dies aus der individuellen Engführung heraus und sagt:
Die Grundfrage nach der Kraft zum Menschsein und auch der Wille zu dieser Kraft und also der eigentlichen Gesundheit … ist eine nicht nur einzeln, sondern immer auch gemeinsam zu stellende und zu beantwortende, eine soziale Frage. Hygiene, Sport und Medizin kommen ja zu spät, können ja nur noch die Rolle von … ohnmächtigen Palliativmitteln spielen, wenn die allgemeinen Lebensbedingungen: der Arbeitslohn und damit der Lebensstandard, die Arbeitszeit und ihre notwendigen Unterbrechungen, wenn vor allem die Wohnungsverhältnisse der Menschen so geordnet oder vielmehr ungeordnet sind, dass sie die Krankheit und also die äußere Beeinträchtigung des Willens zum Leben und zur Gesundheit … fördern, vielleicht geradezu hervorrufen müssen.  Ehrfurcht vor dem Leben … schließt also notwendig auch die Verantwortlichkeit für den Stand der allgemeinen Lebensbedingungen in sich – und das für diejenigen am meisten, für die diese persönlich kein Problem bedeuten, weil sie … von ihrem Einkommen und ihrer Ernährung, ihrer Arbeitszeit und Arbeitsruhe, ihren äußeren Lebensraum her die Möglichkeit haben, gesund zu sein und zum Schutz und zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit einigermaßen wirksame Maßnahmen zu ergreifen. Der Wille zur Gesundheit … muss also auch die Gestalt des Willens zur Besserung … vielleicht zur radikalen Umgestaltung der allgemeinen Lebensbedingungen Aller annehmen.  Wo die Einen krank werden müssen, da können auch die Anderen nicht guten Gewissens gesund sein wollen. Sie werden es, wenn sie es unbekümmert um den kranken … Nachbarn sein wollen auch nicht einmal können. … Gerade im Kampf gegen die Krankheit wird nicht Absonderung, sondern nur Gemeinschaft das letzte menschliche Wort sein können.

(Kirchliche Dogmatik  III,4 S. 413  Auszug aus  § 55 „Freiheit zum Leben – 1. Die Ehrfurcht vor dem Leben“)

P.S.  Gerade an dieser Stelle könnte der schon mehrfach hergstellte Zusammenhang zu Coca-Cola, das wie Karl Barth in diesem Jahr 125 Jahre alt wird noch einmal aufgegriffen werden. Vermutlich ist der Genuss von Karl Barth (ja, seine Sprache kann man genießen, selbst wenn man – wie ich in der Wertung von Alberst Schweitzer – mit ihm nicht immer d’accord geht) der Gesundheit zuträglicher als der von Coca Cola, obwohl es vor 125 Jahren bei seinem Erstverkauf als Medizin über die Ladentheke einer Apotheke wanderte 

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