„Toleranz war kein Kernthema der Reformation. Der Gedanke, andere Haltungen anzuerkennen, kam erst mit der Aufklärung“ – behauptet der „EKD-Vordenker“ Thies Gundlach auf evangelisch.de und in einem Heft zum Themenjahr „Reformation und Toleranz“. Zu lesen ist das Ganze hier:

http://aktuell.evangelisch.de/artikel/21945/toleranz-mussten-die-evangelischen-erst-lernen

Ich denke, das kann man so nicht stehen lassen und habe deshalb darauf folgendes geantwortet:

Lieber Herr Gundlach, das ist mir zu einfach: „Die Reformation hat das mit der Toleranz nicht geschafft und die Kirchen mussten erst von der Aufklärung dazu gezwungen werden.“ (So habe ich den Duktus Ihres Artikels verstanden). Warum ist das zu einfach, ja sogar falsch?
1. Es geht beim Reformationsgedenken doch ohnehin nicht um das „Feiern von Helden“, sondern um die dankbare Erinnerung an die Wiederentdeckung der biblischen Quellen. Das heißt: das Thema Toleranz muss zuerst biblisch durchdacht werden – und dann müssen wir einsetzen mit dem „Dulden“ (Tolerare) das Jesus auf seinem Leidenweg praktiziert hat. Zu erinnern ist auch daran, dass Jesus niemanden zum Glauben gezwungen hat. Im Gegenteil: er hat das als Versuchung des Teufels sogar ausdrücklich zurückgewiesen (Matth 4 und Lukas 4). Jesus hat das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen erzählt und vor dem fanatischen Ausraufen des Unkrauts gewarnt (Matth 13). Und Paulus hat mit seinem genialen Satz „Jeder sei seiner Meinung gewiss“ und dem anschließenden „Nehmt einander an, wie Christus uns angenommen hat“ ein Toleranzmodell entwickelt, das weit tragfähiger ist als das neuzeitlich-aufgeklärte „Das muss jeder selber wissen“ oder ein Ausklammern der wichtigsten Fragen, die Menschen bewegen, unter dem hilflosen Motto „Religion ist Privatsache“
2. Martin Luther hat mit der Zwei-Reiche-Lehre sehr wohl bereits die Basis für eine theologisch reflektierte Toleranz gelegt; denn hier wird streng unterschieden zwischen dem, was mit staatlicher Macht und Gewalt geregelt werden kann, darf, oder sogar muss und was nicht – Glaubensangelegenheiten nämlich. Auch Luthers berühmter Satz „Lasst die Geister aufeinanderplatzen“ darf hier erwähnt werden. Und dass er in der Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ es als albernen Unfug bezeichnet hat, wenn Prediger, statt das Wort Gottes zu verkündigen, auf die Juden schimpfen … – Dass in der Kirchengeschichte sowohl von den biblischen als auch von den reformatorischen Grundlagen immer wieder abgewichen wurde (auch schon von Luther selbst, als der Altersstarrsinn ausbrach), braucht man deshalb nicht zu verschweigen. Aber es ist grundfalsch, das als den „Normalfall“ hinzustellen, von dem sich dann alles, was sich Aufklärung nennt, rein und unschuldig abhebt …
3. Dass die Aufklärung nun den eigentlich entscheidenden und unumkehrbaren Impuls zur Toleranz gebracht hätte. stimmt so einlinig schon deshalb nicht, weil auch die Aufklärungsideale längst nicht von allen, die sich darauf berufen haben, verwirklicht wurden – in der Französischen Revolution wurde die Guillotine erfunden, und die kommunistischen Diktaturen haben sich natürlich als konsequente Verwirklichung der Aufklärung verstanden. Das ist strukturell nichts anderes als das, was – trotz anderer Grundlegung – in der Kirchengeschichte an Versagen zu beklagen ist. Es geht nicht an, die Aufklärung nur nach der hehren Theorie, die Reformation (ohne die es auch keine Aufklärung gegeben hätte) aber nur nach der Praxis – und da auch nur nach den Versagensaspekten derselben – zu beurteilen …
Warum fehlt all das in Ihrem Artikel?

P.S. Das Thema wird fortgesetzt – und zwar hier: https://kraftwort.wordpress.com/2012/11/18/zitate-theologie-und-toleranz-luther-niemanden-zum-glauben-zwingen – und im Anschluss daran mit einer das ganze Toleranzjahr fortlaufenden Zitatensammlung zum Thema. Wer möchte, ist zum Mitdiskutieren herzlich eingeladen!

Advertisements