Das „Zentrum für Predigtkultur“ in Wittenberg hat eine ungewöhnliche Fastenaktion vorgeschlagen – „Sieben Wochen ohne Große Worte“. Interessierte Pfarrerinnen und Pfarrer (also auch ich) konnten sich eine Postkarte mit 49 Begriffen zusenden lassen, auf die – so die Empfehlung – in den Predigten der Fastenzeit verzichtet werden soll. Das schlug ziemliche Wellen, zumal unter den 49 Begriffen auch die Worte „Gott“ und „Jesus“ sind. Auf evangelisch.de gab es jetzt eine Diskussion mit der Initiatorin, Kathrin Oxen (guckst Du hier: http://aktuell.evangelisch.de/artikel/92606/haben-sie-fragen-zur-predigtaktion-ohne-grosse-worte). Meinen dortigen Diskussionsbeitrag übernehme ich hier an dieser Stelle

Liebe Frau Oxen,
1. Prinzipiell finde ich den Gedanken gut, den eigenen Sprachgebrauch in Fastenüberlegungen einzubeziehen. Ich werde mich an Ihrer Aktion auch in dem Sinne beteiligen, dass ich die Karte bei der Predigtvorbereitung vor mir habe und die Notwendigkeit der Verwendung dieser Worte überprüfe. Ich weiß aber schon jetzt, dass ich die – nicht zufällig in der Debatte sofort aufgestoßenen – Worte „Gott“ und „Jesus“ nicht unter ein Tabu stellen werde; denn sie sind schlicht nicht ersetzbar und markieren den Ursprung meines Auftrages. Würde man das Wort „Gott“ ersetzen wollen, könnte m.E. nur so etwas herauskommen wie in der Erzählung von Heinrich Böll „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“, wo „Gott“ immer ersetzt wird durch „jenes höhere Wesen, das wir verehren“. Das ist ja nun nicht weniger „geschwurbelt“, sondern mehr. Frage also: Wie wollen Sie auf „Gott“ in der Predigt verzichten, ohne auf Gott zu verzichten? Können so nicht nur Predigten entstehen, die das „Seid nett zueinander“ eines 80er-Jahre-Kirchentages transportieren? Wie wollen Sie das vermeiden? (Immer „der Herr“ zu sagen, wäre zwar seriöser als das „höhere Wesen“, aber auch nicht verständlicher, wie die überzogene feministische Kritik daran verdeutlicht. „Adonai“ oder „JHWH“ zu sagen ist erst recht völliger Unfug, da absolutes Insider-Gerede)
2. Ich bin gespannt auf die Erfahrungen, die ich mit meiner „reduzierten Version“ Ihres Tabu-Kataloges mache. Auch hier habe ich noch die – offene – Frage, ob Worte beliebig austauschbar, verzichtbar sind. Sprache ist ja der Ort der Erfahrung. Vielleicht können Menschen mit den Worten „Gnade“ und „Barmherzigkeit“ heute deshalb nichts anfangen, weil ihre Lebenswelt so gnadenlos und unbarmherzig ist und nicht, weil wir Christen gar nicht mehr wissen, was wir meinen. Erster Impuls wäre natürlich: „Wir müssen den Menschen Erfahrungen von Barmherzigkeit vermitteln“. Das ist als Imperativ, absolut genommen, aber eine Überforderung. Wir müssen sehr wohl die Gnade verkündigen, auch wenn sie nicht einfach alltagskompatibel ist, ihre Wahrheit (sorry, auch ein großes Wort) bezeugen gegen die Erfahrung und darauf vertrauen, dass das Wort Kraft hat, sich auch einen Erfahrungsraum zu schaffen, in Erzählungen, im Vertrauen gegen den Augenschein, letztlich dadurch, dass Gott ja tatsächlich wirkt …. Frage also: Ist bei der Aktion wirklich das Wort als „Dabar“ im Blick, das Kraft hat, Wirklichkeiten zu schaffen oder wird im Hintergrund, dem theoretischen Background der Aktion das Wort doch nur als austauschbare Bezeichnung für eine Sache verstanden, die außerhalb von ihr liegt? (was mehr griechisches als biblisches Denken wäre) vgl. dazu: https://kraftwort.wordpress.com/2009/06/04/dabar-und-logos/
3. Könnte ein „Sprach-Fasten“ nicht auch ganz andere Formen annehmen? Zwei Erfahrungen von mir:
– Meine erste Sprachfastenaktion hieß „Vielleicht sollte man niemals ‚vielleicht‘, ‚man‘ und ’niemals‘ sagen“, bestand also im (weitgehenden) Verzicht auf diese drei Begriffe. Das bringt schon eine Menge Konkretion und weniger Vollmundigkeit.
– Ein besonders interessanter Versuch bezog sich zunächst gar nicht auf die Predigt, sondern gerade primär auf den alltäglichen Sprachgebrauch. Mir fiel auf, dass unsere Alltagssprache oft „gewaltgetränkt“ ist. Da ist irgendetwas „eine schallende Ohrfeige“ oder ein „Schlag ins Gesicht“, jemand (vielleicht sogar man selbst) bräuchte mal „einen Tritt in den Hintern“, man setzt jemandem „die Pistole auf die Brust“ oder eine Aktion wird als „Harakiri“, irgendetwas (vielelicht sogar nur das Wetter) als „mörderisch“ bezeichnet. Ich hatte mir also vorgenommen, einmal in der Passionszeit auf alle Gewaltbegriffe zu verzichten. Und dann kam die erste Predigtvorbereitung und ich merkte, dass das gar nicht geht, weil die Passionsgeschichte natürlich eine Geschichte voller realer Gewalt ist. Ich habe mein Fasten dann dahingehend modifiziert, dass Bibelzitate und -paraphrasen erlaubt sind, aber nur die. Und das brachte eine ganze Reihe spannender Entdeckungen mit sich, auch eine ganz neue Sensibilität für die reale Gewalt …
4. Geht es vielleicht hauptsächlich, und ganz schlicht darum, Substantive durch Verben zu ersetzen? Das ist ein löbliches Unterfangen und lohnt sich bestimmt. Wenn das aber der Grundsatz ist, dann wird auch deutlich, warum „Gott“ und „Jesus“ gerade wieder nicht in die Liste passen. Oder wie lautet das Verb für Gott?

Schöne Grüße!
Barnabas

Die Antwort von Kathrin Oxen war zwar positiv, aber leider recht kurz und weitgehend ohen konkretes Eingehen auf die konkreten Fragen. Wer sie nachlesen möchte, findet sie unter dem o.g. Link.

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