Bei einer Trauerfeier für einen US-Senator hat der Präsident „Amazing grace“ angestimmt. Würden Angela Merkel oder Joachim Gauck so etwas auch tun?

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Es ist kein Liederbuch und kann deshalb auch im Rahmen meiner Aktion zum Jahr der Kirchenmusik auch kein „Liederbuch des Monats“ werden. Aber es ist ein Buch, das viel mit Liedern zu tun hat und das man gut gemeinsam mit dem „Gospelliederbuch“ verwenden, das ich in meiner Reihe bereits vorgestellt habe (siehe https://kraftwort.wordpress.com/2012/06/29/oh-happy-day-und-etwas-in-mir-mein-gospelliederbuch-liederbuch-des-monats-juli-28/).

Ich spreche von einem Buch, das zum Sprechen über Lieder und damit zum Sprechen über den Glauben einlädt: „GospelTalk – Chormitglieder sprechen über ihren Glauben“, herausgegeben von Hermann Brünjes, unter Mitarbeit von Peter Hamburger, Lars-Uwe Kremer und Christine Tergau-Harms, erschienen im Gütersloher Verlagshaus.

Beim ersten Durchblättern kann man den Eindruck bekommen, das Buch sei chaotisch gegliedert. Da findet man auf Seite 59 Erläuterungen zum Lied „Amazing grace“, auf Seite 124 noch einmal und kurze Hinweise zum gleichen Lied auch noch einmal auf Seite 173. Deshalb lohnt es sich, das Buch erst einmal ganz ruhig von vorne an zu lesen, auch wenn man beim späteren Benutzen, evtl. sogar durchführen des vorgestellten Gospel-Talk-Projektes auch kreuz und quer benutzen muss und benutzen wird. Das Projekt selbst jedenfalls scheint mir interessant und lohnend zu sein „ein Glaubenskurs, der keiner ist“ heißt es auf Seite 13. Ein „Glaubenskurs“, der zwar (wie im letzten Teil deutlich wird) ganz klassisch die Themen des Glaubensbekenntnisses abhandeln soll (alternativ kann man sich auch am Gotetsdienstablauf orientieren), der aber auf einen „Star-Referenten“ verzichtet, sondern von Anfang an darauf abzielt, Menschen selbst über ihren Glauben (auch ihren unfertigen Glauben oder ihre Zweifel) sprechen zu lassen – spannend, wenn man weiß, dass Mitglieder von Gospelchören ja keineswegs immer Menschen sind, die im Glauben und in der Kirche zuhause sind. Nach der Untersuchung des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD über die Gospelbewegung kommen sie oft gerade aus dem weitgehend unkirchlichen „Selbstverwirklichungsmilieu“ und damit aus der in anderen kirchlichen Gruppen unterrepräsentierten Generation des „Mittelalters“. Deshalb ist ein solches Projekt wie „GospelTalk“ besonders wichtig und besonders spannend.

Wer das Buch von vorne liest, dem erschließt sich auch die Gliederung des Buches, bei der zunächst das Projekt als Ganzes vorgestellt wird, dann die aus dem Gospelliederbuch vorgestellt werden (mit Übersetzung und Gesprächsanregungen). Dann gibt es Beispiele für einführende Liedandachten („Intros“) genannt, was manche Doppelungen erklärt. Und schließlich gibt es Anregungen für den konkreten Aufbau eines „Kurses“ inklusive ausführlicherer theologischer Anmerkungen zu den Themen (was die Vermutung nahelegt oder die Möglichkeit eröffnet, dass es doch sinnvoll sein kann, einen „Referenten“ oder „theologischen Profi“ an irgendeiner Stelle einzubeziehen …)

Zwei Wünsche habe ich für eine zweite Auflage des Buches (die ich dem Buch auf alle Fälle wünsche):

– ein besseres Inhaltsverzeichnis (zum Beispiel ein Register nach den Liedanfängen, das mich sofort an alle Stellen führt, an denen das Lied erwähnt, erklärt oder für einen bestimmten Zusammenhang empfohlen wird)

– evtl. auch einen Erfahrungsbericht aus einem Gospelchor, der kurz darstellt, wie er es wirklich gemacht und durchgeführt hat (es gibt zwar schon viele Andeutungen von Möglichkeiten – „Man könnte auf einem Wochenende, man könnte eine solchen Gottesdienst …usw.) aber gerade deshalb wäre ein möglichst konkreter, aber trotzdem nicht allzu langer Beispiel-Bericht eine sinnvolle Anregung (wobei solche Berichte natürlich auch auf der Internetseite Gospeltalk.de sinnvoll sind. Aber ein Beispiel im Buch wäre m.E. nicht verkehrt).

Die Idee, das Projekt „gottesdienstlich“ zu verankern, finde ich interessant. Hier könnte man aber sicher noch viel weiter denken. Insgesamt scheint mir bei den Autoren doch der klassische Glaubenskurs als Ausgangspunkt (von dem man sich dann auch sehr sinnvoll unterscheidet) im Hintergrund zu stehen. Das Thema Gospel und Gottesdienst ist auf alle Fälle noch einmal eine eigene Behandlung, z.B. ein eigenes Buch wert. Das oben bereits angeregte Liedregister wäre jedoch schon mal eine Hilfe, das Buch auch über das Projekt hinaus, zum Beispiel für Gospel-Liedpredigten, zu benutzen.

Im Buch erzählt eine „Intro-Autorin“, auf ihrer Hochzeitskarte habe der Satz gestanden „Wenn du etwas erleben willst, was du noch nie erlebt hast, dann tu etwas, was du noch nie getan hast“ – das kann auch eine gute Aufforderung sein, einmal dieses Projekt, einen „GospelTalk -Kursus“, durchzuführen …

Zum „Jahr der Kirchenmusik“ stelle ich jeweils ein „Liederbuch des Monats“ vor – für Juli eines, das auf alle Fälle leicht erhältlich ist, da die zweite Auflage gerade erst vor wenigen Wochen herausgekommen ist.

Als ich zum ersten Mal von dem Projekt gehört habe, ein „Gesangbuch“ für die Gospelszene herauszubringen, war ich skeptisch: Ist der Bereich der neuen Musik in der Kirche nicht viel zu schnelllebig und sind die Arrangements und Variationen der Gospelsongs nicht viel zu vielfältig?

Aber nun gibt es dieses  „Gospelgesangbuch“, auch wenn es letztendlich den Titel „Mein Gospel-Liederbuch“ bekommen hat; es wird in manchen Gospelkirchen (ja, so etwas gibt es schon mehrfach in Deutschland!) tatsächlich als Gemeindegesangbuch benutzt und die zweite Auflage ist gerade herausgekommen. Grund genug, es sich etwas näher anzusehen.

Tatsächlich ist ein breiter Querschnitt von dem enthalten, was in der Gospelszene, in Gospelgottesdiensten und in den Gospelchören derzeit so gesungen wird. Das sind, wenn man es musikstilistisch streng betrachtet, ja längst nicht alles Gospels, selbst wenn man die Spirituals als Vorläufer und Ursprung der Gospelmusik mit unter diesen Begriff fassen will. Deshalb trägt das Buch zu Recht auch den Untertitel „Gospel-, Praise- und Worshipsongs für Gospelchor, Gemeinde und zuhause“  So sind neben den unvermeidlichen  „Oh happy day“, „He’s got the whole world“ und „Amazing grace“ und moderneren Gospels wie Kirk Franklins „My life is in your hands“ auch Anbetungslieder (oft deutschsprachig) wie „Etwas in mir“, „Bist zu uns wie ein Vater“ oder „Mercy is falling / Herr deine Gnade“ enthalten, außerdem african songs wie „Masithi“ oder „Nkosi sikhelele Africa“. Der Trend, auch Gospels bisweilen auf deutsch zu singen, ist an etlichen Stellen berücksichtigt – so ist Andrae Crouchs Klassiker „Jesus is the answer“ auch mit deutschem Text vertreten und Helmut Jost und Ruthild Wilson haben viele ihrer Lieder (wie das bekannte „May the Lord send angels“) inzwischen auch mit deutschen Texten versehen. Das ist m.E: auch gut gelungen (englische Lieder deutsch zu textieren hat ja immer mit dem Problem zu kämpfen, dass das Deustche meistens mehr Silben für den gleichen Satz benötigt. Eine möglichst wörtliche Übersetzung ist meistens unsingbar)

Für die Verwendung im Gottesdienst ist erfreulich, dass viele Lieder zu den liturgischen Stücken passen oder sogar ausdrücklich liturgische Stücke vertonen – hier sind vor allem die Kompositionen von Marc Nelson, Joachim Dierks und Christine Hamburger aus der Gospelkirche Hannover zu nennen oder die Stücke von Reinhard Pikora, aber auch Lieder wie das Spiritual „If we ever need the Lord before“ (zum Glaubensbekenntnis) oder „Holy is the lamb“ als „Agnus Dei“ (Christe du Lamm Gottes). Auch aus der Gospelmnesse von Helmut Jost / Ruthild Wilson sind eine ganze Reihe Lieder enthalten (wegen der alphabetischen Anordnung der Lieder übers Buch verteilt).

Schade, dass es nur die alphabetische Anordnung der Lieder und ein alphabetisches Inhaltsverzeichnis gibt, aber kein Verzeichnis zum Beispiel nach liturgischer Verwendung, nach  thematischen Stichworten und Bibelstellen oder auch nach den Autoren. Das könnte man in der dritten Auflage (die vermutlich auch nur eine Frage der Zeit sein wird) vielleicht noch verbessern.

Und wenn wir damit dann auch bei den kritischen Anmerkungen angekommen sind: Wenn Deutsche englische Texte schreiben, gibt es nach meinem Eindruck ein paar Fallen, in die auch die im Gospelliederbuch vertretenen Autoren bisweilen hineingetappt sind. So sprechen Deutsche das englische Wörtchen „Our“ oft „Auer“ aus, machen daraus also zwei Silben. Für native speakers hat es aber nur eine. In mehreren Liedern ist spürbar, dass die Autoren das so „deutsch“ empfunden haben (Bei „Ou- r Father“ steht das r sogar unter einem eigenen Ton – wobei hier nicht völlig auszuschließen ist, dass es bei diesem african song in Namibia tatsächlich so ähnlich klingt – afrikanisches Englisch unterscheidet sich vom Original ja bisweilen). Ähnliches ist auch beim Umgang mit dem Wort „Power“ zu beobachten.

Bei der  Liedauswahl gibt es für mich nur ein einziges Defizit – das ist aber inhaltlich m.E. gravierend: Es ist kein einziges „Passionslied“ enthalten. Das ist vermutlich weniger den Herausgebern vorzuwerfen, denn als Anfrage an die Gospelbewegung insgesamt und an die kirchlich-theologische Zeitsituation zu sehen. Allerdings hätte man m.E. schon das Spiritual „Were you there“ aufnehmen können oder auch Peter Strauchs „Jesus Christus starb für mich“ Und dass es bei den neueren Gospelmusikern überhaupt keine Berücksictigung des Kreuzes Jesu gibt, stimmt so auch nicht; Tore W. Aas, der ja ohnehin mit einigen Liedern vertreten ist, hat z.B. „On the cross of Calvary“ sowie „He loves me“ (mit der Textzeile „Jesus died for me“) – diese beide Lieder hätte man mit aufehmen können, um diese Lücke ebenfalls ein wenig zu füllen.

Bisweilen wird kritisiert, es sei nicht erkennbar, nach welchen Kriterien Lieder mit oder ohne Chorsatz also mehrstimmig oder einstimmig abgedruckt sind:  man hätte doch eine durchgängige Mehrstimmigkeit vorsehen können  –  z.B. im contemporary-gospel-typischen dreistimmigen Satz, den man gut auch in einem Notensystem notieren kann, so dass das Buch nicht dicker geworden wäre. Diese Kritik kann ich zwar nachvollziehen, finde sie aber nicht sehr gravierend. Die Arbeit des „Arrangements“ bleibt der Band oder dem Kirchenmusiker / Pianisten gerade für die Verwendung für den Gemeindegesang ohnehin nicht erspart.

Insgesamt also ist das Buch eine lohnende Anschaffung sowohl für Chöre als auch für Gemeinden. Zum Schluss deshalb die bibliographischen Angaben:

Mein Gospelliederbuch hg. von Martin Barthelworth Gütersloher Verlagshaus 2. Auflage 2012

P.S.: Nachtrag 2014: Die ideale Ergänzung zum Gospelliederbuch für alle, die mit Gospels Gemeindearbeit machen wollen (und die zB auch die fehlenden Passionslieder ergänzen wollen) ist das Buch „GOSPELIMPULS“, zu dem es inzwische sogar ein eigenes Blog gibt – guckst Du hier: http://gospelimpuls.wordpress.com.
Hier in diesem Blog ist es vorgestellt unter
https://kraftwort.wordpress.com/2012/12/02/liederbuch-des-monats-gospelimpuls/