Martin Bubers Übersetzung der Psalmen (Das Buch der Preisungen) ziehe ich schon seit Jahren immer wieder heran, wenn ich mich mit dem Wortlaut und dem Sinn von Bibeltexten befasse. Jetzt habe ich eine weitere jüdische Übersetzung von Bibeltexten entdeckt, die mich fasziniert und die mir hilft, auch selbst ein wenig am Hebräiuschen dranzubleiben (vor allem, weil es sich nicht einfach um eien Übersetzung, sondenr um eine zweisprachige Ausgabe handelt). Ich meine damit folgende Veröffentlichung aus diesem Jahr:

Die Tora – Die Fünf Bücher Mose und die Prophetenlesungen (hebräisch-deutsch) in der revidierten Übersetzung von Rabbiner Ludwig Philippson hg von Walter Homolka, Hanna Liss und Rüdiger Liwak unter Mitarbeit von Susanne Gräbner und Daniel Vorpahl Herder Verlag Freiburg 2015 bzw. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 2015

Als kleinen Einblick zitiere ich hier Micha 6,1-8
Hört doch, was der Ewige spricht:
Auf, rechte vor den Bergen und die Hügel sollen deine Stimme hören! Hört ihr Berge den Rechtsstreit des Ewigen, ihr starken Grundfesten der Erde: Denn dem Ewigen ist ein Rechtsstreit mit seinem Volk und mit Israel rechtet er.
„Mein  Volk, was hab ich dir getan? Und was ist dir auferlegt? Antworte mir! Denn dich führte ich herauf aus dem Lande Mizrajim (Ägypten) und aus der Knechte Haus befreite ich dich, da sandte ich Mose, Aaron und Mirjam vor dir her. Mein Volk, bedenke doch, was Moabs König Balak sann und was ihm Bileam, Beors Sohn erwiderte – von Schiitim bis nach Gilgal – um des Ewigen gerechte Taten zu erkennen!
„Womit soll ich vor den Ewigen treten, mich beugen vor dem Gott der Höhe? Soll ich mit Opfern vor ihn treten, mit Kälbern, einjährigen? Hat der Ewige an Tausenden von Widdern Wohlgefallen, an Myriaden Strömen Öles? Soll meinen Erstgeborenen ich für meine Schuld geben, meines Leibes Frucht für meine Sünde?“
Verkündet hat er dir, o Mensch, was gut ist und was der Ewige von dir fordert: nämlich Recht zu üben und Huld zu lieben und demütig zu wandeln mit deinem Gott

(nach der revidierten Übersetzung von Rabbiner Ludwig Philippson aus dem o.g. Buch; Schreibweise der Namen angepasst, damit diese Übersetzung auch in einem evangelischen Gottesdienst verwendet werden kann – ich werde das am kommenden Sonntag tun …)

Vor einigen Wochen habe ich zum ersten Mal eine „Bibel-Erzählnacht“ miterlebt (als Zuhörer): ein tolles, berührendes Erlebnis. „Bibel erzählen“ ist inzwischen eine eigene Ausbildung in verschiedenen Landeskirchen, meistens angesiedelt bei der Kindergottesdienstarbeit, obwohl die Bibel-Erzählnacht nach meinem Eindruck eher etwas für Erwachsene ist.

Ich habe mich mal umgesehen, wann und wo es in diesem Jahr weitere Bibel-Erzählnächte in Deutschland gibt. Gefunden habe ich bisher nur zwei (wer mehr weiß – gerne als Kommentar posten!)

04.07. 2015         19.30 h Bibel-Erzählnacht „So hab ich das noch nie gehört“ in der St. Matthäi-Kirche in Gronau (Leine)

03.10.  2015         20.00 h    Bibel-Erzählnacht Dreifaltigkeitskapelle Bergkloster Bestwig in Velmede-Bestwig

„Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob“ Die Jahreslosung 2015 ist viel zu schön, um im März schon vergessen zu sein. Hier ist ein schönes Lied dazu!

Eine der am häufigsten zitierten Formulierungen Martin Luthers ist sein „Was Christum treibet“. Doch in welchem Zusammenhang hat er das gesagt? Er wollte damit seine unterschiedliche Bewertung verschiedener neutestamentlicher Schriften begründen, insbesondere seine Zweifel daran, dass der Jakobusbrief tatsächlich von einem Apostel stammen könne (deshalb steht er, anders als im griechischen Neuen Testament, in unseren Bibeln – den Luther-Ausgaben – fast ganz hinten) Hier ist der Abschnitt aus seiner Vorrede zu den Briefen von Jakobus und Judas:

„Darin stimmen alle rechtschaffenen Bücher überein, dass sie allesamt Christus predigen und treiben. Auch ist das der rechte Prüfstein, alle Bücher zu tadeln, wenn man sieht, ob sie Christum treiben oder nicht. Sintemal alle Schrift Christum zeiget und S. Paulus nichts denn Christum wissen will. Was Christum nicht lehret, das ist nicht apostolisch, wenns gleich S. Petrus oder Paulus leret. Widerum, was Christum prediget, das wäre apostolisch, wenns gleich Judas, Hannas,. Pilatus oder Herodes lehrt.“

Martin Luther in der „Vorrede auf die Epistel S Jacobi und Juede“ (1546) in WA, DB VII 385
hier sprachlich geglättet, zitiert nach Clemens Hägele Was Christum treibet in: „ichthys“ 30. Jahrgang Heft 2 (2014) S. 115-121, hier S. 116

Was steht wirklich in der Weihnachtsgeschichte?
Einige der folgenden Begriffe kommen in der biblischen Weihnachtsgeschichte wörtlich oder der Sache nach vor, andere nicht. Grundlage ist die „eigentliche“ Weihnachtsgeschichte aus Lukas 2,1-20. Dieser Text wird auch alljährlich am Heiligabend in den Kirchen als Weihnachtsevangelium gelesen. Außerdem ist berücksichtigt die Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland (Matthäus 2,1-12) Dieser Text ist das Evamgelium zum Erscheinungsfest (6. Januar) und gehört so im weiteren Sinn zur Weihnachtsgeschichte dazu. Hier nun die Liste:
1 Kaiser Augustus
2 Lametta
3 Weihnachtsmann
4 Schätzung (Volkszählung)
5 Lebkuchen
6 Statthalter / Gouverneur
7 Bundestag / Parlament
8 Bethlehem
9 Geburt
10 Stall
11 Tannenbaum
12 Krippe
13 Ochse und Esel
14 Kerzen
15 Windeln
16 kein Platz
17 Wirt
18 Hirten
19 Nachtarbeit
20 Schafe
21 Furcht / Angst
22 Wut / Trauer
23 Verkündigung der guten Nachricht
24 Freude
25 Heiland
26 Lob Gottes
27 Ehre
28 Äpfel und Nüsse
29 Friede auf Erden
30 Schnee
31 Einkaufen
32 Eile
33 Herz
34 Plätzchen backen
35 Herodes
36 Heilige drei Könige
37 Stern
38 Glöckchen
39 Anbetung
40 Prophet
41 Sternsinger
42 Caspar
43 Melchior
44 Emil
45 Heimlichkeit
46 Schätze
47 Geschenke
48 Geschenkpapier
49 Kamele
50 Orgelmusik
51 Weihrauch
Richtig sind: gemäß Lukas 2: 1 – 4 – 6 – 8 – 9 -12 – 15 (Konfirmanden meinen oft, Windel seien immer „Pampers“, die es damals natürlich nicht gab. Aber gekackt haben Kinder damals auch schon und wurden deshalb auch gewindelt) – 16 – 18 -19 („sie hüteten des Nachts ihre Herde!“) – 21 – 23 – 24 – 25 -26 – 27 – 29 – 32 („sie kamen eilend“!) – 33 („Maria bewahrte diese Worte in ihrem Herzen“) – gemäß Matthäus 2: 35 – 37 – 39 – 40 – 45 (Herodes erforschte „heimlich“ von den Weisen, wann der Stern erschienen ist) – 46 – 47 – 51
Falsch sind: 2 – 3 – 5 – 7 – 10 (erwähnt wird nur die Krippe. Ob sie in einem Stall gestanden hat, oder in einer Höhle oder im Freien – das bleibt offen! Es gibt allerdings Übersetzungen – die „Gute Nachricht“ zum Beispiel – die den Stall einfach dazugeschrieben haben. Im Urtext und beim hier korrekten Luther kommt er aber nicht vor!) – 11 – 13 (auch Ochs und Esel sind nirgends erwähnt. Sie sind aber „aus theologischen Gründen“ eingewandert: In Jesaja 1,3 sagt der Prophet: „Ein Ochse kennt sienen Herrn und ein Esel kennt die Krippe seines Herrn, aber mein Volk kennt seinen Herrn nicht“) – 14 – 17 (zwar wird erwähnt, sie hatten „keinen Raum in der Herberge“ Ein Wirt, der Maria und Josef wegschickt, kommt aber nicht vor) – 20 (Ob die „Herde“, die die Hirten hüteten aus Schafen bestand oder aus anderen Tieren wissen wir nicht) – 22 – 28 – 30 – 31 – 34 – 36 (Die Weisen aus dem Morgenland werden nirgends als Könige bezeichnet. Wahrscheinlich waren sie heidnische Priester bzw. Astrologen – „Magier“ müsste man das Wort wörtlich übersetzen. Von daher waren sie auch nicht besonders heilig. Und ihre Zahl wird auch nicht erwähnt: Es gibt alte Darstellungen, auf denen zwei oder vier oder sogar vierzehn Weise zu sehen sind … Das heißt: Die „heiligen drei Könige“ gibt es nicht, denn die Weisen waren weder heilig, noch waren sie Könige, noch waren es notwendig drei …) – 38 – 41 – 42 (Die Namen der Weisen werden nicht erwähnt. Wenn Sternsinger an die Haustüren mit Kreide „C-M-B“ schreiben, bedeutet das übrigens auch nicht „Caspar, Melchior und Balthasar waren hier“ sondern es ist eine Abkürzung für „Christus mansionem benedicat – Christus segne dieses Haus“) – 43 – 44 – 48 – 49 – 50
Verblüfft? Nun: Bibellesen lohnt sich. Man sollte allerdings wirklich genau hinschauen!

Karl Barth über das „Geschriebene Wort Gottes“
(KD I,1 S. 110 und 111 – § 4 Das Wort Gottes in seiner dreifachen Gestalt)

Immer noch ist das „Jubiläumsjahr 125 Jahre Karl Barth und Coca Cola“, und deshalb gibt es auch in diesem Monat ein paar Gedanken von Barth zum Nach-denken. Ausgesucht habe ich diesen Abschnitt, weil der Oktober der Monat ist, der auf das Reformationsfest zuläuft. Zugegeben: Barths langer und komplizierter Satzbau ist hier besonders stark ausgeprägt. Langsam und laut lesen hilft!

Warum muss die Erinnerung der Kirche an Gottes geschehene Offenbarung immer wieder gerade die Bibel zum konkreten Gegenstand haben? … Die Bibel macht sich selbst zum Kanon. Die Bibel ist Kanon, weil sie sich als solcher der Kirche imponiert hat und immer wieder imponiert. … Wir müssen hier schon im Voraus auf den Inhalt der Heiligen Schrift verweisen. Das prophetisch-apostolische Wort  ist Wort, Zeugnis, Verkündigung und Predigt von  Jesus  Christus … Kraft dieses Inhalts imponiert sich die Schrift. …
Das große geschichtliche Paradigma für diese Entdeckung des in der Bibel kraft ihres Inhalts der Kirche gegebenen Kanons  ist die Anfangszeit der Reformation. Was sich in Wittenberg und Zürich in den zwanziger, in Genf in den dreißiger Jahren des 16. Jahrhunderts abgespielt hat, ist wie ein Bilderbuch zu dem eben Ausgeführten: Die Kirche sieht wieder, daß sie Christus mit seinen Gaben nicht in sich selbst hat, sondern von seinem, von außen zu ihr kommenden Wort gefunden werden muß. Sie sieht dies aber darum, weil sein Wort und eben in seinem Wort er selber sie schon gefunden hat, weil sie schon nicht mehr allein gelassen ist, weil Christus als ihr Gegenspieler und Widerpart eben im biblischen Wort bereits richtend und tröstend auf den Plan getreten ist. D.h. aber konkret: weil das Alte und das Neue Testament bereits zu ihr gesprochen, sich ihr bereits als „Kanon der Wahrheit“ aufgedrängt hat.

Jesaja 19,19-23:

Zu der Zeit wird für den HERRN ein Altar mitten in Ägyptenland sein und ein Steinmal für den HERRN an seiner Grenze; das wird ein Zeichen und Zeugnis sein für den HERRN Zebaoth in Ägyptenland. Wenn sie zum HERRN schreien vor den Bedrängern, so wird er ihnen einen Retter senden; der wird ihre Sache führen und sie erretten. Denn der HERR wird den Ägyptern bekannt werden, und die Ägypter werden den HERRN erkennen zu der Zeit und werden ihm dienen mit Schlachtopfern und Speisopfern und werden dem HERRN Gelübde tun und sie halten. Und der HERR wird die Ägypter schlagen und heilen; und sie werden sich bekehren zum HERRN, und er wird sich erbitten lassen und sie heilen. Zu der Zeit wird eine Straße sein von Ägypten nach Assyrien, dass die Assyrer nach Ägypten und die Ägypter nach Assyrien kommen und die Ägypter samt den Assyrern Gott dienen. Zu der Zeit wird Israel der Dritte sein mit den Ägyptern und Assyrern, ein Segen mitten auf Erden; denn der HERR Zebaoth wird sie segnen und sprechen: Gesegnet bist du, Ägypten, mein Volk, und du, Assur, meiner Hände Werk, und du, Israel, mein Erbe!

Was mir diese Worte in diesen Tagen bedeuten:

Ägypten war für die Israeliten in biblischer Zeit das Land ihrer Unterdrückung, aus dem sie durch Mose befreit und herausgeführt wurden. Dennoch wird von Ägypten in der hebräischen Bibel aufs Ganze gesehen erstaunlich positiv gesprochen – bis hin zu dieser Verheißung, dass eines Tages Ägypten, Israel und Assyrien (Irak) gemeinsam ein Segen für die Erde sein werden …

Ich glaube, Gott liebt Ägypten. Das sollten wir auch tun,  für einen friedlichen Ausgang der dortigen Revolution beten und auch unsere Politiker dazu drängen, sich konsequent auf die Seite der protestierenden Bevölkerung zu stellen. Das taktisch scheinbar so kluge Unterstützen von Diktatoren hat sich letztlich noch nie ausgezahlt. Beim Schah ist es sogar im Endergebnis ganz fürchterlich schief gegangen, auch Saddam Hussein war lange ein Freund des Westens, und, solange es die Sowjetunion noch gab, unterstützte man aus dem Westen auch gerne die Taliban … Die „westlichen Werte“ kann man nur dadurch verteidigen, dass man sich dran hält.

Zurück zum Bibeltext: Ich bin weit davon entfernt zu behaupten, dass sich diese Verheißung aus Jesaja 19 nun gerade heute erfüllt oder in naher Zukunft erfüllen muss – die Worte der biblischen Propheten verstehe ich ohnehin nicht einfach als „vorweggenommene Geschichtsschreibung“, wie es vielleicht in biblizistischen Kreisen üblich ist.

Aber dass Propheten Mut machen, auch das scheinbar Unmögliche für möglich zu halten – das, finde ich, gilt auch heute.

Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.