Gerade habe ich im vorigen Post schon darauf hingewiesen, dass auf evangelisch.de behauptet wird, die Mäkeligkeit der wissenschaftlichen Theologie verderbe den Protestanten die Feierlaune.

Warum aber klappt das mit dem unbeschwerten Feiern bei den Protestanten tatsächlich nicht? Ich glaube nicht, dass die wissenschaftliche Theologie schuld ist (auch wenn an manchen Fakultäten fernab von der kirchlichen Realität der Menschen und der spirituellen Realität in unserer Gesellschaft auch mancher Unsinn verzapft wird). Ich denke vielmer, eine Kirche kann nicht ihr Evangelisch-sein feiern, wenn sie selber zugibt, dass sie in manchen Dingen gar nicht mehr evangelisch sein will.

Und genau das hat sie z.B. im Impulspapier „Kirche der Freiheit“ getan. Das fragwürdigste daran ist nicht einmal, dass man da die Seelsorge als kirchliche Lebens- und Wesensäußerung schlicht vergessen hat oder dass man, schlimm genug, einer Normativen Kraft des errechnet im Jahr 2030 Faktischen das Wort geredet hat. Das Problematischste ist für mich folgendes versteckte Zitat, mit dem man den Abschied vom Priestertum aller Gläubigen und das Ausreißen des zarten Pflänzchens innerkirchlicher Demokratie mit wohlfeilen Worten so rechtfertigt:

„Für eine klare Zuordnung von Leitungsverantwortung in der Kirche, eine Öffnung für moderne, schnelle Entscheidungswege, eine deutliche Unterscheidung zwischen Geschäftsführung und geistlicher Aufsicht können sich auch kirchliche Institutionen Elemente einer modernen Führungskultur zu Nutze machen. Die jetzigen synodalen Strukturen, die ganz überwiegend den Gedanken der Partizipation und Beteiligung in die Mitte stellen, sind in bewusster Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Umwelt entstanden und bedürfen – wie andere kirchliche Handlungsfelder auch –einer kritischen Prüfung im Blick auf ihre Zielorientierung und Effektivität.“ (Impulspapier S. 27f.)

Synodale Strukturen? Partizipation? Beteiligung? Alles uneffketiver Schnee von gestern, der „moderner Führungskultur“ Platz machen soll? Wer so etwas ernst meint, KANN gar nicht guten Gewissens Reformationsjubiläum feiern …

Ganz einfach: Peinliche Eiferer gegen Intelligenz, Demokratie und Anstand.

BTW: Hier findet man ein gutes Interview mit Wolfgang Thierse zu PEGIDA und Christentum!

Auch wenn das Argumentieren bei vielen Verblendeten wenig hilft – vielleicht kann man mit diesen guten Argumenten doch den einen oder die andere ins Nachdenken bringen und Vorurteile über Flüchtlinge beseitigen. Hier gibt es eine gute Zusammenstellung von „pro asyl“:

http://www.proasyl.de/de/home/gemeinsam-gegen-rassismus/fakten-gegen-vorurteile/

… jedenfalls nicht in der Suchfunktion! Aber von vorn:

Endlich: Dieses Jahr fahre ich mal wieder zum Kirchentag. Dieses Mal findet er Stuttgart statt. Im Internet kann man das ganze Programm durchsuchen – heißt es. Ich wusste, dass Nadia Bolz-Weber eine Bibelarbeit halten wird – sie ist Leiterin eines erstaunlichen Projektes, eines „Zentrums für alle Sünder und Heiligen“ in Denver und ich wollte diese Bibelarbeit in der Datenbank finden. Also habe ich „Bibelarbeit“ eingegeben – da meinte die Suchfunktion, so etwas gäbe es nicht. Unter den Namen „Bolz-Weber“ oder auch „Nadia“ ergab die Suche auch nichts. Also half doch nur Blättern im Buch: Die Bibelarbeit findet am Samstag, um 9.30 Uhr in den Gloria-Lichtspielen Kino 1 statt … (Beim Blättern ganz hinten angekommen habe übrigens gemerkT: Die Duchfunktion im Buch ist besser – da gibt es ein Register, in dem Nadia Bolz Weber aufgeführt ist mit Seitenzahl ihrer Veranstaltung!)

Gegen eine andere Kritik muss ich den Kirchentag in Schutz nehmen: Die Atheisten-Fundis ziehen ja gerade mächtig gegen die öffentlichen Zuschüsse für ein solches Event zu Felde. 7 Millionen (wenn ich es richtig weiß) sind ja auch nicht wenig. Aber, was sie verschweigen: Für das deutsche Turnfest, eine Veranstaltung ähnlicher Größenordnung fließt mehr als das Dreifache (25 Millionen) Ich gönne das den Turnern – und bin überzeugt, dass das Geld für den Kirchentag eine superlohnende Investition in unsere Demokratie und – nebenbei – auch in die Wirtschaftsförderung der jeweiligen Region ist.

Ein lesenswerter „Stern“-Artikel über einen Besuch von Frank-Walter-.Steinmeier in Tunesien. Dort hat er sich zu seinem christlichen Glauben bekannt und gleichzeitig aus dem Koran zitiert

http://www.stern.de/politik/ausland/frank-walter-steinmeier-bekennt-sich-in-tunis-zum-christentum-2168557.html

Ich zitiere die letzten Sätze des Artikels:

Es ist so etwas wie die Menschheitsfrage dieser Tage: Verträgt sich die Demokratie mit der Religion? Steinmeier verbreitet Zuversicht: „Ich persönlich glaube, dass Religion sich mit dem Alltag der Demokratie nicht nur vertragen, sondern dass sie ihn sogar fördern kann.“

Es ist ja eher selten, dass ich unseren Politikern recht gebe – aber hier hat Steinmeier etwas Gutes und Wichtiges gesagt.

Wer etwas mehr dazu lesen möchte, dem empfehle ich die immer nch aktuelle Demokratie-Denkschrift der EKD von 1985: http://ekd.de/download/evangelische_kirche_und_freiheitliche_demokratie_1985.pdf

Der Bundespräsident hat sich besorgt über die große Zahl von Nichtwählenden geäußert – völlig zu Recht. Das hat mich auf eine Idee gebracht.

Mein Vorschlag: Die Anzahl der Sitze eines Parlaments richtet sich nach der Wahlbeteiligung (also z.B. pro einer festgelegten Wählerzahl hat das Parlament einen Sitz oder: die vorgesehene Sitzzahl wird nur bei einer Wahlbeteiligung von 80 % und mehr vergeben und schrumpft prozentual))
Dann hätten nämlich alle Kandidierenden und alle Parteien ein Interesse daran, dass die Wahlbeteiligung hoch ist – das ist zur Zeit noch nicht unbedingt der Fall (vor allem kleine Parteien profitieren von einer niedrigen Beteiligung, weil sie dann die 5 %-Hürde leichter überspringen …). Auch ist es zur Zeit für die Parteien ja angenehmer, wenn die Unzufriedenen gar nicht wählen gehen, als wenn sie unbequeme Protestparteien ins Parlament bringen, was ebenfalls die Versuchung erhöht, eine niedrige Wahlbeteiligung zu akzeptieren …

Nicht ohne eine gewisse Genugtuung kann ich darauf hinweisen, dass ich schon bei der vorigen Bundespräsidentenwahl nicht nur Klaus Töpfer schon vorgeschlagen hatte, bevor er damals kurzzeitig in der öffentlichen Debatte genannt wurde. Sondern ich habe auch damals schon Wolfgang Huber als einen Bundespräsidenten, wie ich ihn mir wünsche, bezeichnet (https://kraftwort.wordpress.com/2010/06/02/was-sagt-der-trendscout-zu-kasmann-kohler-und-lenas-sieg/) – Inzwischen ist er bei der  bevorstehenden Wahl ernsthaft im Gespräch. Der Sohn des geistigen Mentors der Weißen Rose Professor Kurt Huber und ehemalige EKD-Ratsvorsitzende hat in einer Kurzdarstellung zu einem EKD-Text sehr Gutes zum Verhältnis von Christentum und Demokratie gesagt – guckst Du hier:

Klicke, um auf 2006_099ba_demokratie_braucht_tugenden_huber.pdf zuzugreifen

Ebenfalls lesenswert, ebenfalls zum Theme Kirche und Demokratie:

http://www.ekd.de/vortraege/huber/051024_huber_muenchen.html

Auch wenn hier immer kirchliche Themen im Blick sind: Selbst Nichtchristen müssten an diesen Texten erkennen können, dass wir mit ihm einen glaubwürdigen, authentischen und tugendhaften Demokraten an der Spitze unseres Staates hätten – und das brauchen wir zu allererst. Klug und belesen sowie persönlich sympathisch ist er außerdem, was auch nicht von Nachteil ist …

(Sollte ich für die Bundesversammlung nominiert werden – warum eigentlich nicht? – würde ich ihm meine Stimme bestimmt geben)

In diesem Monat kommt das Barth-Zitat einmal nicht aus seiner Kirchlichen Dogmatik, sondern aus dem etwas dünneren Büchlein „Christengemeinde und Bürgergemeinde“ (das ich, anders als die KD, komplett gelesen habe …). Was mich daran fasziniert, ist, dass Barth ein „Gefälle“ vom christlichen Glauben hin zur Demokratie entdeckt. Leider wurde zu lange in der Kirchengeschichte dieses Gefälle nicht gesehen, und noch bei meinem 1. Theologischen Examen, in dem ich das Thema „Demokratie“ im Fach Ethik gewählt hatte, wurde mir von einem Mitglied meiner Prüfungskommission entgegengehalten: „Was wollen Sie dazu eine Viertelstunde lang erzählen? Man kann in jeder Staatsform Christsein. Mehr gibt es dazu doch wohl nicht zu sagen.“  Irrtum! Auch wenn Barths Schrift für seine Verhältnbisse relativ kurz ist, mehr (und auch noch anderes) als diesen einen Satz enthält sie schon. Karl Barth schreibt  unter Punkt 24:

„In der Christengemeinde wird in der Nachfolge Christi .. nicht geherrscht, sondern gedient. Sie kann darum auch in der Bürgergemeinde alles Herrschen, das nicht als solches ein Dienen ist, nur als einen Krankheits- und nie und nimmer als den Normalzustand anerkennen. Es gibt keinen Staat ohne Staatsgewalt. Aber die Gewalt des rechten Staates unterschiedet sich von  der des unrechten wie potestas und potentia. Potestas ist die dem Recht folgende und dienende, potentia ist die dem Recht vorangehende, das Recht beugende und brechende Gewalt, die „Macht an sich“, die als solche schlechthin böse ist. Bismarck – von Hitler gar nicht zu reden – war (trotz des Losungsbüchleins auf seinem Nachttisch) kein vorbildlicher Staatsmann, weil er den Staat grundsätzlich von oben nach unten, weil er sein Werk auf die „Macht an sich“ aufbauen und begründen wollte. … Hier gilt: „Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen“ Die christliche Staatsraison weist genau in die entgegengesetzte Richtung“

(zitiert nach: Theologische Studien Bd. 104, Zürich 1970 (2. Aufl.) – S. 72)

guckst Du hier (und klickst dort auf „like“ …) :

http://solidaritaetaegypten.wordpress.com/2011/02/08/erklarung-von-christinnen-und-christen-zum-umbruch-in-agypten/

Jesaja 19,19-23:

Zu der Zeit wird für den HERRN ein Altar mitten in Ägyptenland sein und ein Steinmal für den HERRN an seiner Grenze; das wird ein Zeichen und Zeugnis sein für den HERRN Zebaoth in Ägyptenland. Wenn sie zum HERRN schreien vor den Bedrängern, so wird er ihnen einen Retter senden; der wird ihre Sache führen und sie erretten. Denn der HERR wird den Ägyptern bekannt werden, und die Ägypter werden den HERRN erkennen zu der Zeit und werden ihm dienen mit Schlachtopfern und Speisopfern und werden dem HERRN Gelübde tun und sie halten. Und der HERR wird die Ägypter schlagen und heilen; und sie werden sich bekehren zum HERRN, und er wird sich erbitten lassen und sie heilen. Zu der Zeit wird eine Straße sein von Ägypten nach Assyrien, dass die Assyrer nach Ägypten und die Ägypter nach Assyrien kommen und die Ägypter samt den Assyrern Gott dienen. Zu der Zeit wird Israel der Dritte sein mit den Ägyptern und Assyrern, ein Segen mitten auf Erden; denn der HERR Zebaoth wird sie segnen und sprechen: Gesegnet bist du, Ägypten, mein Volk, und du, Assur, meiner Hände Werk, und du, Israel, mein Erbe!

Was mir diese Worte in diesen Tagen bedeuten:

Ägypten war für die Israeliten in biblischer Zeit das Land ihrer Unterdrückung, aus dem sie durch Mose befreit und herausgeführt wurden. Dennoch wird von Ägypten in der hebräischen Bibel aufs Ganze gesehen erstaunlich positiv gesprochen – bis hin zu dieser Verheißung, dass eines Tages Ägypten, Israel und Assyrien (Irak) gemeinsam ein Segen für die Erde sein werden …

Ich glaube, Gott liebt Ägypten. Das sollten wir auch tun,  für einen friedlichen Ausgang der dortigen Revolution beten und auch unsere Politiker dazu drängen, sich konsequent auf die Seite der protestierenden Bevölkerung zu stellen. Das taktisch scheinbar so kluge Unterstützen von Diktatoren hat sich letztlich noch nie ausgezahlt. Beim Schah ist es sogar im Endergebnis ganz fürchterlich schief gegangen, auch Saddam Hussein war lange ein Freund des Westens, und, solange es die Sowjetunion noch gab, unterstützte man aus dem Westen auch gerne die Taliban … Die „westlichen Werte“ kann man nur dadurch verteidigen, dass man sich dran hält.

Zurück zum Bibeltext: Ich bin weit davon entfernt zu behaupten, dass sich diese Verheißung aus Jesaja 19 nun gerade heute erfüllt oder in naher Zukunft erfüllen muss – die Worte der biblischen Propheten verstehe ich ohnehin nicht einfach als „vorweggenommene Geschichtsschreibung“, wie es vielleicht in biblizistischen Kreisen üblich ist.

Aber dass Propheten Mut machen, auch das scheinbar Unmögliche für möglich zu halten – das, finde ich, gilt auch heute.

Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.