Schade, dass evangelische und katholische Kirche sich hier nicht einig sind! (Obwohl sie beim Versöhnungsgottesdienst zum Reformationsjubiläum sich die Verpflichtung auferlegt haben, in ethischen Fragen die Einigkeit zu suchen!) Ich stimme an dieser Stelle der katholischen Kirche zu. Kardinal Marx hat in einer Pressemitteilung der Deutschen Bischofskonferenz sich kurz und gut dazu geäußer (noch vor der Budnestagsentscheidung). Sein Statement im Wortlaut:

Kardinal Marx zur Debatte um die „Ehe für alle“

Zur aktuell in der Öffentlichkeit geführten Debatte um die Einführung der „Ehe für alle“ erklärt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx:

„Die Deutsche Bischofskonferenz betont, dass die Ehe – nicht nur aus christlicher Überzeugung – die Lebens- und Liebesgemeinschaft von Frau und Mann als prinzipiell lebenslange Verbindung mit der grundsätzlichen Offenheit für die Weitergabe von Leben ist.

Wir sind der Auffassung, dass der Staat auch weiterhin die Ehe in dieser Form schützen und fördern muss.

Wir bedauern, wenn dieser Ehebegriff aufgelöst werden soll und damit die christliche Auffassung von Ehe und das staatliche Konzept weiter auseinandergehen. Es ist auch wegen der von vielen Seiten geäußerten erheblichen verfassungsrechtlichen Bedenken völlig unangemessen, eine solche gesellschaftspolitische Grundentscheidung in diesem überstürzten Verfahren zu fällen.

Die Deutsche Bischofskonferenz hat in ihren Stellungnahmen zum Lebenspartnerschaftsrecht betont, dass es ein Missverständnis wäre, die hervorgehobene Rechtsstellung der Ehe und ihren bleibenden besonderen Schutz als Diskriminierung homosexuell veranlagter Männer und Frauen zu verstehen.“

(http://www.dbk.de/presse/details/?suchbegriff=Marx&presseid=3424&cHash=f1fee24350fe86d4cf83c4581f9b57c1)

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Das hat der Europäische Gerichtshof zwar bereits so formuliert (siehe HIER), aber in vielen EU-Staaten gibt es Bestrebungen, die Ehe anders zu definieren und eine „Ehe für alle“ einzuführen. Deshalb gibt es eine Petition an das Europaparlament, die eine europaweit gültige klare Definition der Ehe fordert. Die Initiative, die u.a. von der katholischen Bischofskonferenz unterstützt wird, braucht in den nächsten Tagen noch 50.000 Unterschriften aus Deutschland. Hier ist die Seite der Initiative:

http://www.mumdadandkids.eu/de

Eine Meldung, die nicht ohne Brisanz ist – aber merkwürdigerweise in meiner Tageszeitung und in den Fernsehnachrichten m.W. nicht vorkam:

Straßburg (kath.net/pm) In einem aktuellen Fall hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGhMR) einstimmig bestätigt, dass der Begriff „Ehe“ einzig die Verbindung zwischen einem Mann und einer Frau bezeichnet. …
Stéphane Chapin und Bertrand Charpentier aus Frankreich hatten 2004 entgegen der damaligen Rechtslage vor dem Bürgermeister einer französischen Kleinstadt eine sog. „gleichgeschlechtliche Ehe“ geschlossen. Die Ehe wurde auf Antrag der Staatsanwaltschaft vom zuständigen Gericht in Bordeaux für nichtig erklärt. Chapin und Charpentier sahen in dieser Entscheidung ihr Menschenrecht auf Eheschließung und Familiengründung gem. Artikel 12 sowie ihr Recht auf Achtung ihres Familienlebens gem. Art. 8 der Menschenrechtskonvention verletzt. Der EGhMR wies diesen Antrag diese Woche zurück und bestätigte in seinem Urteil, dass der Begriff „Ehe“ in Artikel 12 eine klare und eindeutige Bedeutung hat: eine Verbindung zwischen einem Mann und einer Frau.
(Quelle: http://kath.net/news/55535)

Was bedeutet das für die Kirchen? Der vorauseilende Gehorsam gegenüber einer vermuteten künftigen political correctness, nach der „Ehe“ jede Verbindung von zwei Menschen, unabhängig vom Geschlecht, sein könne, hat in manchen Landeskirchen unter dem Motto „Gleiche Liebe – gleicher Segen“ zu einer Einführung von „kirchlichen Trauungen“ für gleichgeschlechtliche Paare geführt (und dazu, denen, die das ablehnen, „Diskriminierung“ vorzuwerfen.) Und das, obwohl es in Deutschland staatlicherseits zwar eine „eingetragene Lebenspartnerschaft“, aber keine „Eheschließung“ für gleichgeschlechtliche Paare gibt. Vielleicht hilft das europäische Urteil ja dazu, auf dem Teppich zu bleiben: Ich kann sehr wohl für die Toleranz verschiedener Formen des Zusammenlebens eintreten, ohne alles für eine Ehe zu halten. Soll ich wirklich einem gleichgeschlechtlichen Paar den Satz „Seid fruchtbar und mehret euch“ vorlesen, nur damit ihre Segnung eine „echte Trauung“ ist (zu der gehört er nämlich nach unserer Agende dazu)? Also: Schluss mit der „Diskriminierung!“s-Keule gegen die, die zwischen einer gleichgeschlechtlichen Beziehung und einer Ehe einen Unterschied sehen. Das wünsche ich mir von den Kirchenleitungen. Von manchen frommen Kreisen wünsche ich mir natürlich genauso, dass sie erkennen, dass Homosexualität weder geheilt werden kann, noch geheilt werden muss, weil sie weder als Veranlagung noch als Praxis krankhaft oder sündig ist, auch wenn sie nicht in eine Gemeinschaft führen kann, die die Berufung zur Lebensweitergabe hat.

Die Beziehungen, in denen Menschen leben, lassen sich grundsätzlich in zwei fundamental unterschiedliche Kategorien einteilen:

Es gibt Beziehungen, in denen ich lebe, ohne, dass ich mir den / die anderen selber ausgesucht haben – vorgegebene Beziehungen, die ich kurz „V“-Beziehungen nenne

Und es gibt Beziehungen, in denen ich lebe, weil ich sie mir selbst ausgesucht habe – die Wahlbeziehungen oder kurz „W“-Beziehungen.

Aus diesen beiden Abkürzungen ergibt sich er Begriff „VW-Modell“.

Das VW-Modell untersucht den unterschiedlichen Charakter dieser beiden Beziehungsarten und ermöglicht interessante Einblicke und Erklärungen für alltägliche Kommunkationsprobleme.

V-Beziehungen sind zum Beispiel Eltern-Kind-Beziehungen, die Beziehungen am Arbeitsplatz oder in der Schule, Nachbarschaft usw.

W-Beziehungen sind vor allem Liebesbeziehungen und Freundschaften.

Der Unterschied von V- und W-Beziehungen entspricht der Spannung von Sicherheit und Freiheit. In V-Beziehungen können Menschen Sicherheit erfahren , in W-Beziehungen wird Freiheit verwirklicht. Die „Tugend“ einer V-Beziehung ist die Treue, die Tugend der W-Beziehung die Liebe. In der V-Beziehung folgt aus der Nähe im Idealfall die Akzeptanz und Wertschätzung des anderen; in der W-Beziehung folgt aus der Wertschätzung des anderen die Nähe.

Wenn Menschen sich bei der Hochzeit versprechen, einander treu zu bleiben, bis der Tod sie scheidet, dann machen sie aus freien Stücken aus einer W-Beziehung auch eine V-Beziehung. Vermutlich folgen viele Probleme, die Ehepartner miteinander haben, genau aus diesem Wechsel – und daraus, dass sich die Beteiligten nicht klar machen, welchen hohen Anspruch sie mit diesem Schritt an sich selbst stellen; nämlich in ein und derselben Beziehung Freiheit und Sicherheit zu verwirklichen, Liebe und Treue zu üben.

Das VW-Modell macht auch deutlich, dass Liebe und Hass bzw. Freundschaft und Feindschaft keine symmetrischen Gegensätze sind: Liebe bzw. Freundschaft kennzeichnen eine positiv qualifizierte W-Beziehung, Hass bzw. Feindschaft kennzeichnen eine negativ qualifizierte V-Beziehung. Anders ausgedrückt: Menschen haben das Bedürfnis nach Liebe und Freundschaft und suchen sich Menschen, mit denen sie dies erleben und verwirklichen können. Einen Freund sucht man sich aus. Einen Feind sucht man sich aber nicht aus. Ein Feind ist ein Mensch, der schon da ist, zu dem bereits eine V-Beziehung besteht (zB der Kollege, mit dem man um einen Aufstieg konkurriert, der Nachbar, der andere Vorstellungen von Gartengestaltung oder Nachtruhe hat als man selbst usw.). Diese V-Beziehung wird auf Grund von objektiven Interessenskonflikten und / oder persönlicher Abneigung zu Feindschaft; aber eben nur, weil man sich nicht aus dem Wege gehen kann. Der Gegensatz zur Liebe (der andere ist mir wichtig und wertvoll) ist daher eigentlich die Gleichgültigkeit (der andere bedeutet mir nichts). Wird Hass als aktive Ablehnung verstanden, dann ist er letztlich das Gegenteil von Annahme bzw. von Treue (die ja die V-Beziehung positiv qualifiziert).