Eine Erfahrung, die schon ein paar Jahre zurückliegt: Ich erzähle dem neuen Diakon etwas über die Konfirmandengruppe, in der er demnächst unterrichten soll und in der ich bisher tätig war. Ich gerate wohl etwas zu sehr in Einzelheiten und er fragt: „Wer ist denn in dieser Gruppe nun Außenseiter?“ Und nach kurzem nachdenken muss ich feststellen: „Eigentlich besteht die Gruppe nur aus Außenseitern“

Dieses Erlebnis fiel mir in der Sarrazin-Debatte wieder ein. Alle gestehen zu, dass wir mit der Integration Probleme haben. Aber alle – Sarrazin genauso wie die Vielzahl seiner politisch korrekten Gegner – haben da ein sehr schlichtes Bild vor Augen: Hier sind die Einheimischen, die Deutschstämmigen, und dort, auf der anderen Seite sind die Zuwanderer, die integriert werden bzw. sich integrieren müssen und die Diskussionspartner unterscheiden sich allenfalls durch den Grad der Differenzierung bei der zweiten Gruppe. manche unterscheiden nur zwischen integrationswilligen und integrationsunwilligen, andere zwischen gut integrierten und nicht gut integrierten, andere zwischen einzelnen Zuwanderergruppen nach Herkunft, Bildungsstand, Aufenthaltsdauer usw. und ziehen von dort Verbindungen zur Frage der gelungenen bzw. gewollten oder misslungenen bzw. verweigerten Integration. Bei der Schuldfrage für die Probleme kann man sich dann auch entscheiden, ob man diese Schuld bei den „Integranden“ (also den zu Integrierenden, den Zuwanderern) oder bei der „Gesellschaft“ bzw. „der Politik“, also bei den Verantwortlichen derer, die schon „drinnen“ sind sucht, oder ob man seine Intelligenz dadurch unter Beweis stellt, dass man auch das wieder differenziert betrachtet.

Das Problem ist aber ein ganz anderes: Auch die, die wir als Mehrheitsgesellschaft betrachten, die Deutschstämmigen, die deutschen Staatsangehörigen oder wie immer wir die, die „drinnen“ sind umreißen wollen, sind eben längst nicht alle „integriert“, weder subjektiv noch objektiv. Dass soviele Menschen Sarrazin blindlings (d.h. ohne das Buch gelesen zu haben) zustimmen, kann ich mir nur so erklären, dass sie sich selbst in irgendeiner Weise innerhalb unserer Gesellschaft nicht zugehörig, also ausgeschlossen fühlen bzw.  tatsächlich von wesentlichen Funktionen im gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen sind.

Das kann mit dem merkwürdigen Gefühl zusammenhängen, wenn in meiner Umgebung fast alle in einer anderen Sprache reden als ich – habe ich neulich beim Elternsprechtag im Gymnasium erlebt: Erfreulich viele Aussiedlerkinder sind hier inzwischen so gut integriert (Mädchen vor allem) dass sie das Gymnasium besuchen. Ihre Mütter, die gemeinsam auf die nächsten Termine warteten, unterhielten sich aber auf dem Flur ganz selbstverständlich laut scherzend auf russisch – ich war der einzige Deutschsprechende (bzw. in diesem Moment auf deutsch schweigende …) auf dem Flur.

Es kann damit zusammenhängen, dass jemand durch Arbeitslosigkeit von einem wichtigen Lebensbereich ausgeschlossen ist und durch die materiellen Einschränkungen zum Beispiel den Kindern der Familie manches verwehrt ist (von den Markenklamotten bis zum Colakauf in der Freistunde), was für andere selbstverständlich ist und als Bedingung für ein Zugehörigkeitsgefühl erlebt wird.

Oder: Ich kann als gebürtiger Großstädter auf dem Dorf nach zehn Jahren noch als Fremder angesehen werden oder bin als Dörfler in der Großstadt erst mal das „Landei“ und und und. Wenn man alle Faktoren zusammenzählt, die Menschen „ausgeschlossen“ sein lassen, dann sind wahrscheinlich von den 80 Millionen Menschen in Deutschland mindestens 50 Millionen in irgendeiner Weise nicht optimal „Integriert“ – alle oder fast alle sind Außenseiter, der Außenseiter ist das Normale. Wenn nun die politisch korrekten Politiker den Bürgern sagen: „Ihr dürft aber nicht so denken und fühlen, wie ihr es von Sarrazin ausgesprochen empfindet!“ verstärken sie das Gefühl der Nichtzugehörigkeit noch … Und selbst wenn sie – bei aller Ablehnung der Sarrazinschen Thesen – noch gutmeinend in der Talkshow sagen: „Wir müssen die Sorgen der Menschen draußen im Lande, die Sarrazin zustimmen, ernstnehmen“ zementieren sie noch Ausgegrenztsein in der Weise, dass die „politische Klasse“ sich als die definiert, die drinnen ist (zum Beispiel drinnen im Fernsehen, drinnen im inneren Kreis der Talkshow, drinnen insgesamt dort, wo man „etwas zu sagen hat“) und die Bürger sind draußen, vor der Mattscheibe, im Zuschauerraum im Studio oder vielleicht, wenn’s hoch kommt, noch an Anne Wills Katzentisch, wo zwei Minuten lang auch ein Normalo mal was sagen darf.

P.S. : Zum Thema der Entfremdung von Regierenden und Regierten  und der – auch für die Sarrazin-Debatte nicht unerheblichen – Frage der Glaubwürdigkeit bzw. Authentizität der politischen Akteure habe ich hier schon mal Stellung genommen:  https://kraftwort.wordpress.com/2010/06/02/was-sagt-der-trendscout-zu-kasmann-kohler-und-lenas-sieg/

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Ein Blick ins Gästebuch des Bundespräsidialamtes lohnt sich in diesen Tagen: http://195.43.52.103/gaestebuch.php Es ist schier unglaublich, wie nahezu einstimmig dort Menschen aus dem In- und Ausland, Männerund Frauen, Jüngere und Ältere (soweit erkennbar) den Rücktritt von Horst Köhler bedauern und wie sehr, anders als bei Politikern und Journalisten dort auch Verständnis für seinen Schritt laut wird. Vor allem dieser Unterschied zwischen den veröffentlichten Kommentaren aus der politischen Klasse und dem Bereich des Journalismus und den dort und in vielen Alltagsgesprächen zu erlebenden Äußerungen gibt mir zu denken. Es scheint mir eine zunehmende Entfremdung zwischen dem „Souverän“, also dem Volk auf der einen Seite und der „politischen Klasse“ auf der anderen Seite zu geben – wobei es schon ein Negativ-Indiz ist, dass ein solcher Begriff heute teilweise auch ohne Anführungsstriche benutzt wird, denn eigentlich ist eine Demokratie ja eine klassenlose Gesellschaft …

Während Politiker vor allem auf Erfolg ausgerichtet sind, und zwar  zunächst auf den eigenen Erfolg bei Wahlen und dann, das will ich positiv unterstellen, auch auf den Erfolg der von ihnen beschlossenen Maßnahmen, geht es für viele Menschen heute in erster Linie um etwas anderes: Es gibt m.E. ein großes Bedürfnis nach Authentizität. Die ist im Zweifelsfall für die Menschen wichtiger als der Erfolg. Margot Käßmann und Horst Köhler wurden und werden da wohl als Positivbeispiele gesehen, von denen es nicht so viele gibt zur Zeit. Und – jetzt kommt die Kurve zum Eurovision Song Contest – auch Lenas Sieg in Oslo, der ohne riesige Bühneneffekte oder Windmaschine auskam, hat vermutlich etwas damit zu tun, dass ihr Auftreten als „authentisch“ empfunden wurde.

Wenn man als Trendscout heute also vor allem die „Authentizität“ als Wert entdeckt – wie sollten Politiker, die doch gerne auf Trends eingehen, damit umgehen?

Vor allem müssten sie zwei Attitüden ablegen

– die Attitüde der Allmacht: Bis vor kurzem äußerte sie sich in den regelmäßigen Wahlversprechen, man werde „Arbeitsplätze schaffen“ oder die „Arbeitslosigkeit halbieren“; Dinge, die in unserem System die Politiker gar nicht tun können. Auch die vorsichtigere Variante davon, man werde „die Rahmenbedingungen dafür schaffen“ ist Unsinn. Der Rahmen, in dem auch Politiker sich bewegen und agieren, ist von ganz anderen Dingen gesetzt (Klimawandel, demografische und Bevölkerungs-Entwicklung, Globalisierung, Endlichkeit von Ressourcen …)  und es geht sehr wohl auch für Politiker darum, innerhalb dieses Rahmens ein einigermaßen sinnvolles Bild zu malen bzw. dazu beizutragen.

– die Attitüde der „Alternativlosigkeit“. Der Satz „Es gibt zu (dieser oder jener Maßnahme) keine Alternative“ ist in einer Demokratie verfassungswidrig! Es ist das Axiom der Demokratie, dass es immer Alternativen gibt. Die können relativ besser oder schlechter sein und auf Grund der begrenzten menschlichen Erkenntnis (die auch zum Menschenbild der Demokratie gehört) kann man selbst das, was relativ besser ist, nicht zweifelsfrei sagen, sondern es muss darum diskutiert und gerungen und schließlich für eine Möglichkeit eine möglichst große Zustimmung gefunden werden. Wer dieses zugegeben mühsame Vorgehen nicht akzeptieren will und sich auf eine angebliche Alternativlosigkeit und damit auf eine vor allem bei ihm selbst angeblich vorhandene absolute Erkenntnis zurückzieht, ist kein Demokrat, denn er bräuchte ja keine Wahlen und Abstimmungen mehr.

Wer als Politiker ehrlich sagt, dass er nicht alle Probleme lösen kann, dass er sich aber gemeinsam ehrlich mit anderen darum bemüht (und sich auch erkennbar so verhält), wer seine Ideen nicht absolut setzt, aber engagiert in einer Diksussion mit Argumenten vertritt, ohne für sich die absolute Erkenntnis zu beanspruchen – der oder die könnte dazu beitragen, die Vertrauenskrise, die Entfremdung zwischen „denen da oben“ (die eigentlich „die dazwischen“ sein müssten) und dem Souverän zu überwinden.

P.S.: Meine Kandidatenvorschläge für die Nachfolge von Horst Köhler:

Klaus Töpfer

Rita Süßmuth

Wolfgang Huber