Bisweilen wird im Babylonischen Talmud von der Rabbinerin Brurja erzählt, obwohl es bis ins 20 Jahrhundert eigentlich gar nicht vorgesehen war, dass Frauen Rabbinerinnen wurden. Brurja war oft sogar klüger als die männlichen Schriftgelehrten, auch als ihr Mann, Rabbi Meir. Von Brurja und Meir wird also erzählt:

In der Nachbarschaft von Meir und Brurja gab es sittenlose Gesellen, über die sich Meir sehr ärgerte. Deshalb betete er darum, dass Gott diese bösen Nachbarn verflucht und sterben lässt. Er denkt dabei an einen Psalmvers, in dem es heißt, dass die Frevler von der Erde verschwinden sollen. Brurja aber sagt ihm: „Bete nicht, dass sie sterben, bete nicht gegen sie, sondern bete für sie, bete darum, dass sie sich bekehren. Denn so ist es gemeint, wenn der Psalm sagt: Die Frevler sollen verschwinden von der Erde.“ Da betete Meir für sie und sie kehrten in Reue um. (nach Berachot 10a)

Der Bibelvers, über den Meir und Brurja diskutieren, steht in Psalm 104,35. In der Lutherübersetzung heißt er:  „Die Sünder sollen ein Ende nehmen auf Erden und die Gottlosen nicht mehr sein.“

Kleiner Nachtrag: Ehrlicherweise sei gesagt: Ob man Brurja tatsächlich als „Rabbinerin“ bezeichnen kann, ist strittig – Näheres dazu in den Kommentaren! Entscheidend ist natürlich, was Brurja sagt, Rabbinerin oder nicht; dass sie inhaltlich ganz nahe bei Jesus ist und dass auch „schwierige“ Bibelstellen (das Vernichten von Frevlern klingt ja erstmal nicht so sympathisch) verschieden ausgelegt werden können und im richtigen Kontext einer gelebten Gottes- und Nächstenliebe oft ganz anders aussehen als auf den ersten Blick (oder als durch die Brille von Fundamentalisten, seien es religiöse oder auch atheistische Fundis)

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Andere haben den diesjährigen Friedensnobelpreisträger, den chinesischen Menschenrechtler Liu Xiaobo schon mit Nelson Mandela verglichen. Mich erinnern seine Worte an Mahatma Ghandi: Ähnlich wie Ghandi ist zwar Liu Xiaobo kein Christ, hat aber einen Freundeskreis, in dem es Christen gibt und mein Eindruck ist, dass er vielleicht auf diesem Wege stark von Gedanken der Bergpredigt geprägt ist – so wie das ja auch bei Ghandi der Fall war. Jedenfalls haben mich seine Worte sehr bewegt, die aus einer Verteidigungsrede in seinem Prozess im Dezember 2009 stammen und die bei der Verleihung des Friedensnobelpreises gelesen wurden. Hier sind sie:

„Ich  möchte diesem System, das mich meiner Freiheit beraubt, noch sagen, dass ich zu meinen Überzeugungen stehe: Ich habe keine Feinde und keinen Hass. Keiner der Polizisten, die mich beobachtet, verhaftet und verhört haben, keiner der Staatsanwälte, die mich angeklagt haben, und keiner der Richter, die mich verurteilt haben, sind meine Feinde.

Eine Feindmentalität vergiftet den Geist einer Nation, zettelt einen brutalen moralischen Kampf an, zerstört die Toleranz einer Gesellschaft und die Mitmenschlichkeit.

Ich hoffe, über meine persönlichen Erfahrungen hinauszugehen, während ich auf die Entwicklung unserer Nation und den sozialen Wandel schaue, um der Feindseligkeit des Regimes mit äußerst gutem Willen zu begegnen und Hass mit Liebe zu zerstreuen

Es gibt keine Macht, die das Streben der Menschen nach Freiheit stoppen kann.“

Übrigens: Den Wortlaut der „Charta 08“, die von Liu Xiaobo mitverfasst wurde, findet man hier

„Kunden, die dieses Produkt angeschaut haben, könnten sich auch für folgendes Produkt interessieren:“ – oder vernünftig ausgedrückt: einen weiteren Text zum Thema Feindesliebe, dieses Mal aus dem Judentum, gibt es hier