Rabbiner Ludwig Philippson hat bekanntlich die Hebräische Bibel (in christlicher Terminologie das Alte Testament also) ins Deutsche übersetzt, ich habe die drei Bände in diesem Blog bereits vorgestellt (Siehe unten).

Jetzt ist er einem Ondit zufolge zum Ehrenmitglied im „Verein der Freunde des Genitivs“ ernannt worden. Auslöser war die heutige Losung aus Jes. 25 in seiner Übersetzung. Dort lautet sie: „Der Ewige ist es, seiner harrten wir. lasst uns jubeln und seiner Hilfe uns freu’n“ Zwei sehr schöne Genitive in einem Satz aus 15 Worten! Zum Vegrleich die Lutherübersetzung, wie sie im Losungsbuch steht: „Das ist der HERR, auf den wir hofften; lasst uns jubeln und fröhlich sein über sein Heil.“

Nebenbei: Die Losungsübersetzung von heute lässt mich vermuten, dass er außerdem von der „Verein’gung der Freunde des Apostrophs“ ausgezeichnet werden wird. Von ihnen erhält er demnächst wohl den „Ehrenpreis für die häuf’ge und richt’ge Verwendung des Apostroph“! (Selbst „der Ewige“ – das ist seine Übersetzung des Gottesnamens – heißt bei ihm bisweil’n „der Ew’ge“, wenn der Sprachrhythmus ihm das schöner erschein‘ lässt …)

Ach so: Hier nochmal der Hinweis auf die Blogbeiträge zu Philippsons schöner Bibelübersetzung:

Band 1 (Thora = 5 Bücher Mose): den Beitrag gibt es HIER  (mit Beispieltext aus Micha)
Band 2 (Propheten): Dieser Band wird HIER vorgestellt.
Band 3 („Ketuwim“, die Schriften, also Psalmen, Weisheitsliteratur usw.): Dazu gibt es HIER ein paar Informationen
– dort auch die jeweiligen bibliographischen Angaben! –

 

Werbeanzeigen

Vor drei Jahren schrieb ich in diesem Blog – in einem Beitrag, der bis heute zu den meistgelesenen gehört und nach wie vor immer wieder aufgerufen wird:

„Die deutsche Sprache wird durch das Englische weit weniger zerstört als viele Anti-Denglisch-Kolumnenschreiber behaupten. Erkennbar ist das an einer Beobachtung, die bisher m.W. noch in keiner “Denglisch-Kolumne” Platz gefunden hat: Das Englische, das wir übernehmen, zwängen wir bisweilen geradezu gnadenlos in die deutsche Grammatik hinein. Wir sagen zum Beispiel „das Girl”, analog zum deutschen Wort „Das Mädchen”, obwohl „Girl” im englischen natürlich (der Erfahrung entsprechend) weiblich ist – wir müssten also „Die Girl” sagen. Das deutsche Wort „Mädchen” gilt ja nur deshalb als Neutrum , weil wir das allgemeine Prinzip „Verkleinerungen sind sächlich” anwenden und „Mädchen” die Verkleinerungsform von „Maid” ist („Die Maid” ist natürlich auch im deutschen weiblich, ist nur leider aus dem Sprachgebrauch fast gänzlich verschwunden). Wir deklinieren und konjugieren englische Worte auch ganz und gar deutsch – Wir „relax-en” und setzen dabei die übliche Endung für die 1. Person Plural ans Ende. Noch heftiger: Wer etwas aus dem Internet heruntergeladen hat, sagt bisweilen, er habe es down-ge-loadet – denkt also so sehr deutsch, dass er selbst beim englischen Wort noch eine Vorsilbe erkennt, die bei der Bildung des Partizips ganz vorne stehen bleiben muss, genau wie bei „herunter-ge-laden”.“ (Den ganzen Beitrag gibt’s hier: https://kraftwort.wordpress.com/2009/06/17/der-showmaster-des-public-viewing-steht-mit-seinem-handy-am-servicepoint/)

Hatte ich da wirklich recht? Inzwischen habe ich den Eindruck, dass es sehr wohl auch Beispiele dafür gibt, dass wir auf dem Hintergrund eines vom Englischen beeinflussten Denkens auch unsere Grammatik verändern (der Kulturpessimist, der irgendwie doch in mir steckt, sagt: „ruinieren“).

Das schon lange im Schwange befindliche Beispiel ist natürlich die Konstruktion von Nebensätzen als wären sie Hauptsätze – vor allem beliebt, wenn der Nebensatz mit „weil“ anfängt. Mir stehen jedesmal die Haare zu Berge, wenn jemand sagt: „Ich konnte meine Hausaufgaben nicht machen, weil meine Oma hatte Geburtstag“ oder „Rot-Grün hat keine Mehrheit, weil die Piraten haben zu viele Stimmen“ Grauslich ist das (und besonders ärgerlich, wenn das tatsächlich in seriösen Fernsehsendungen wie den Tagesthemen oder heute-journal gar nicht mehr als Fehler angesehen wird)!

Eine andere Unsitte nimmt nach meinem Eindruck erst in neuerer Zeit sehr zu: Da wird das Wort „Erinnern“ so gebraucht, als hätte man das englische Wort „Remember“ benutzt – nämlich einfach mit Akkusativ. Beispiel: „Ich erinnere genau den Tag, an dem ich meine Frau zum ersten Mal gesehen habe.“ Richtig ist im Deutschen aber: „Ich erinnere mich genau an denTag …“

Beide Veränderungen finde ich deshalb fraglich, weil damit Präzision schwindet und das Abstraktionsniveau (ja, das ist etwas Positives!) sinkt:

Die Differenzierung von Haupt- und Nebensatz ist ja auch eine inhaltliche Strukturierung. Und wer die Begründung als genauso wichtig wie die Hauptsache darstellen möchte, kann das im Deutschen ja ganz einfach tun; denn wenn man eine Begründung mit „denn“ einleitet statt mit „weil“ – dann ist sie ein Hauptsatz.

Und das „Erinnern“ ist, wie wir alle wissen, ein komplexes Geschehen. „Ich erinnere den Tag“ legt nahe, als sei Erinnern eine handhabbare Tätigkeit. Das ist aber – soweit ich mich erinnere – bei mir längst nicht immer so gewesen. Nicht immer bekomme ich deshalb etwas Vergangenes wieder in den Sinn, weil ich es willentlich hervorhole  – im Gegenteil: auch ohne Anzeichen von Demenz gelingt mir das keineswegs immer …

Also: wer sich eines gepflegten Sprachgebrauchs befleißigen möchte, enthalte sich bitte der genannten „Unarten“ (und erfreue sich lieber wieder einmal des „Manifests der Freunde des Genitivs“, dessen Wortlaut hier zu finden ist: https://kraftwort.wordpress.com/2009/05/25/manifest-der-freunde-des-genitivs/)