Es ist 22.07 Uhr, als Kantor Gregor-Yannick Gospelbach merkt, dass es die letzte volle Flasche alkoholfreies Weizen ist, die er gerade aus der Kiste nimmt. Zehn Minuten früher und er hätte noch im Laden gegenüber Nachschub holen können. Also verdünnt er sein Lieblingsgetränk mit Mineralwasser.

Sein Freund Harrison Jecker geht nicht ans Telefon. Auch sein Handy hat er nicht an. Eine Email schreiben? Der Computer stürzt drei mal hintereinander ab. Es ist inzwischen 23.34 Uhr. Und Greg tut etwas ganz altmodisches. Er schreibt seinem Freund einen Brief. Er lautet:

„Hallo, Harrison,

beim Tanztee in Bad Senilien kannst Du um diese Zeit (fast Mitternacht) ja wohl nicht mehr in die Tasten hauen, also vermute ich, dass es mit Deinem Engagement für die Jazzkneipe geklappt hat. Glückwunsch!

Bei mir läuft’s gerade nicht so gut. Heute war die Scheidungsandacht für unsere Pfarrerin und ihren Jetzt-Exmann, den Zahnarzt. Der Kollege der Geschiedenen (Du erinnerst Dich an Pfarrer „Eff-Eff“ oder auch „Effchen“, wie die frisch Geschiedene fast zärtlich zu ihrem Amtsbruder heute sagte) predigte – erraten: – wieder über einen Vers aus den Sprüchen Salomos, und zwar „Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg“. Hauptinhalt war das Zitieren des gleichen Wortes aus einer neuen Übersetzung, er wusste nur nicht welche es war, die Menge-Übersetzung „Gute Hoffnung für alle“ oder die „Neue Baseler Bibel von Schlachter Jörg Bruns“. jedenfalls hieß der Vers dort plötzlich „Jeder versucht herauszufinden, welcher der richtige Weg für ihn ist, jede will entdecken , welche Strecke die richtige für sie ist“ Die frischgeschiedene Frau Pfarrerin Gleich (jetzt nicht mehr „Gültig“) klärte ihn auf, dass das ja erfreulicherweise sogar aus ihrer Lieblingsübersetzung stamme, der feministischen „Fibel in sehrschlechter Sprache“. Und beim „Time to say Good-bye“, zu dem die beiden Geschiedenen nun durch die verschiedenen Kirchentüren einzeln feierlich auszogen, habe ich im Pedal auch noch daneben gehauen Naja, das allein ist aber nicht der Grund, warum ich Dir schreibe. Sondern: Du hattest recht, ich muss ab und zu auch mal Nein sagen. Heute, vor dem Scheidungsgottesdienst, rief mich unser Vertretungsküster an (unsere nette Frau Glock ist gerade Oma geworden und besucht drei Tage lang ihr Enkelkind) und lallte ins Telefon, er habe furchtbare Kopfschmerzen, ich sei doch ohnehin früher da, ob ich nicht eben mal mit der Schneeschaufel vor dem Kircheneingang, ein schmaler Weg genüge, es kämen ja doch nicht viele zu diesem komischen Scheidungsgottesdienst, das Streusalz sei im Kirchturm, eine Sache von 5 Minuten, aber es müsste ja doch eine halbe Stunde vorher gemacht werden, er nehme gleich zwei Aspirin und sei hoffentlich zum Läuten pünktlich da, sonst wüsste ich ja, wo der Knopf und Ausschalten könnte das Paar ja selber beim Reinkommen, falls ich dann schon an der Orgel sitzen müsste. Weil er gleich aufgelegt hat, weiß ich nicht ob er mein „Nein“ noch gehört hat, jedenfalls haben das Schneeschieben, Streuen und Läuten dann zwei Kirchenvorsteher übernommen, sogar Herr Gutverdien und dann noch Gunnar, der jüngste im KV, mit 32 immer noch als Jugendvertreter dabei, weil es keine Jugendgruppe mehr gibt, das ist der mit dem ich jetzt die Homepage der Kirchengemeinde mache.

Was mir aber noch mehr Sorgen macht, ist, dass ich einen Brief vom Kreisdekan bekommen habe, in dem er mich zu einem „Gespräch über meine Lebensführung und zur Aufklärung über das kirchliche Mitarbeiterrecht einbestellt“ Hast Du eine Ahnung, was sich dahinter verbirgt? Oder machen die das mit jedem? Du hattest doch schon mal ein Vierteljahr lang eine Anstellung, gab’s das bei Dir auch? Oder was soll an meiner Lebensführung zu beanstanden sein?

Melde dich doch, sobald Du mal wieder Zeit hast (tröstlich, dass anscheinend selbst ein arbeitsloser Kirchenmusiker dauernd im Stress ist …).

Gregliche Grüße!“

Kaum hat Greg den Brief verschlossen, hört er auf dem Flur etwas jaulen. Ach ja! Der Hund von Küsterin Glock, den er ihr für die drei Tage abgenommen hat, muss noch mal raus. „Naja, kann ich den Brief gleich zum Kasten bringen“ denkt Greg, schnappt sich Schal, Jacke und Hundeleine und macht sich auf den Weg.

Wie Greg auf die Idee eines Jobsharing auf seiner Kirchenmusikerstelle reagiert, ob überhaupt alles noch mal noch schlimmer kommt oder ob Gregs Job als Telefon-Joker bei der Sendung „Wirstu Millionär“ das soap-erforderliche Happyend einläutet – das und mehr erfahren Sie in den nächsten Folgen!

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Geschafft! Der 49,3%-Kantor von Fruststadt, Gregor-Yannick Gospelbach, Liebhaber von alkoholfreiem Weizenbier und Elsässer Flammkuchen sitzt ausnahmsweise nicht alleine vor seinem Lieblingsmenü. Sein Studienfreund Harrison hat ihm heute beim Umzug geholfen. Der Schimmel in der ersten Wohnung und die „reizende“ Nachbarschaft mit Herrn Nörgel haben ihn dazu gebracht, das Angebot anzunehmen: Er ist ins leerstehende Pfarrhaus im Neubaugebiet gezogen. Nun sitzen die beiden Musikerfreunde auf den Umzugskisten und füllen ihre Weizengläser. Sein Freund sagt: „Hör mal, Greg, ich habe die Anzeige ja auch gelesen und weiß genau, warum ich mich hier nicht beworben habe. Ist es denn nun alles so schlimm gekommen?“ „Kommt drauf an, wie man es sieht. Den Taize-Singkreis gibt’s nicht mehr, seit der einzige Mann – der weggekürzte Pfarrer, der hier drin gewohnt hat – nicht mehr da ist, die Frauen machen jetzt bei der Thomasmesse in der Kreisstadt mit. Und der Jugend-Gospelchor ist praktisch identisch mit den Mädchen aus meiner Konfirmandengruppe, so dass wir uns direkt im Anschluss an meinen Konfer für eine ¾ Stunde treffen können, das ist nicht so wahnsinnig anstrengend und macht eigentlich sogar Spaß.“ -„Wie, Konfer machst du auch?“ „Nur solange Frau Gleich-Gültig in ihrer Nach-Scheidungs-Therapie am Bodensee ist, für die sie allerdings gerade eine Verlängerung bekommen hat. Wenn sie sich auch ausgerechnet den für die Bewilligung zuständigen Facharzt als Kurschatten ausgesucht hat …“ „Und, gibt’s noch mehr, was du machen musst, was nicht in der Anzeige stand?“ „Naja, die monatliche Andacht im Altersheim haben sie vergessen reinzuschreiben. Eff-Eff – das ist der erste Pfarrer, Friedel Freudeeierkuchen ist den Leuten als Name zu lang, Eff-Eff also hat mir angeboten, er könnte da auch seinen alten Kassettenrecorder mitnehmen und ein Band laufen lassen, die Leute seien sowieso schwerhörig. Aber das habe ich dankend abgelehnt. Auch für alte Leute finde ich Konservenmusik beim Gottesdienst unanständig. Und wenn man damit erst mal anfängt, ist man ruckzuck ganz weggekürzt. .. Also mache ich das auch. Ich habe nur durchgesetzt, dass immer höchstens zwei Strophen am Stück gesungen werden: die haben ein Harmonium, bei dem man durch das Treten pro Strophe mit der Orgelbank einen Zentimeter nach hinten rutscht.“ „Ist das das schicke Heim an der Bundesstraße, gleich wenn man reinkommt?“ „Genau, das mit der modernen Kunst davor. Sündhaft teure Plastik vom Neffen des Bürgermeisters. Aber das Harmonium von 1899 haben sie aus dem Altbau mit rübergenommen, da war kein Geld für ein neues Instrument mehr da. – Andererseits: Ich kriege ab nächsten Monat eine Stunde zusätzlich bezahlt. Weil ich jetzt hier im Pfarrhaus wohne kriege ich für Dienstagmorgens von 9 bis 10 Uhr eine Sekretärinnenstunde bezahlt – damit die Leute aus dem Neubaugebiet hier im bisherigen Pfarrbüro weiter ihre Patenscheine abholen und Trauungen anmelden können, außerdem darf ich, wenn gerade kein Publikumsverkehr ist, das alte Archiv aufräumen. Das sind immerhin netto 16,21 € mehr in der Woche.“ „Na toll, dafür kriegst du ja schon eine ganze Kiste Weizen – also mal ehrlich, Greg: Du bist hier nicht nur Kantor, sondern auch Diakon, der Konfer gibt und Pfarramtssekretärin und das bei diesem Gehalt? Wenn deine Mutter dir eines Tages nicht mehr das Auto bezahlt, willst du dann von hier aus die vier Kilometer bis zur Kirche auch bei Glatteis mit dem Fahrrad fahren? Pass auf, eines Tages, sollst du auch noch die Predigt übernehmen!“ „Ich zeig dir mal was“ sagt Greg, steht auf, und öffnet die Kiste, auf der mit Edding „Büro“ steht. „Es müsste eigentlich obendrauf liegen“ sagt er und nimmt ein vergilbtes Blatt heraus. „Das hat mir „Eff-Eff“ neulich gegeben, was ich davon halte“  Harrison liest „Lutherisches Amtsblatt, ausgegeben am 3. Februar 1951 – Bischöfliche Verfügung über die Durchführung von Kantorgottesdiensten in unversorgten Landgemeinden“ Das Singen der Liturgie sei ohnehin Aufgabe des Kantors. Gebete und Lesungen dürften von der Orgelempore gehalten  oder sollten von einem geeigneten Kirchenvorsteher übernommen werden. Lediglich die Predigt solle vom Lesepult aus gehalten werden, die Gemeinde habe sich derhalben in Geduld zu üben, bis der Kantor den Ortswechsel vollzogen habe. Auch der Segen (als Bitte formuliert) könne von der Orgelempore gesprochen werden, das Amen sei dann notfalls ohne Orgelbegleitung zu singen – Harrisons Augen werden immer größer: „Das will der Pfarrer wirklich wieder einführen? Wie kommt der dazu?“ „Nun, er hat Anspruch auf ein freies Wochenende im Monat, der halbe Pfarrer ist immer zwei Wochen im Monat in Berlin auf seiner anderen Halbstelle an seinem komischen Institut und Gunhilde Gleich-Gültig ist bekanntermaßen erst einmal nicht da. Da ist er halt auf diese Idee gekommen.“ „Und was wirst du tun?“ „Meine erster Gottesdienst war gar nicht so schlecht.  Ich habe im Ordner mit den Lesepredigten gleich eine von Pfarrer Redlich gefunden, der mich konfirmiert hat. Da wusste ich, dass die gut ist und habe sie selber auf der Kanzel zum ersten Mal gelesen. (Wegen der sieben Beerdigungen in der Woche davor hatte ich zum Vorbereiten keine Zeit). Nur dass er dauernd Beispiele aus seiner Kindererziehung brachte, passte natürlich nicht so gut …“

Ob Gregor-Yannick Gospelbach auch noch den Küsterdienst übernehmen muss, wie seine erste Begegnung mit Viola Gutverdien verläuft und warum er zum Kreisdekan beordert wird, das erfahren Sie in den nächsten Folgen!

(Und hier geht es weiter: https://kraftwort.wordpress.com/2009/11/16/fruststadt-120-der-brief/)

Einem Ondit zufolge hat Konrektor a. D. Wilhelm Nörgel sich über die Darstellung seiner Person und seiner Äußerungen in der Soap „Fruststadt – alles wird gut“ so sehr geärgert, dass er dem Sender „Vox Humana (Hastdutöne-TV)“, der die Ausstrahlung übernommen hat, eine Gegendarstellung zugesandt hat. Der Rechtsstreit zwischen den Anwälten des Senders und Herrn Nörgel, ob die Bedingungen des Pressegesetzes über eine zwingende Veröffentlichung der Gegendarstellung erfüllt sind, ist noch nicht abgeschlossen, Unabhängig von der Einschätzung des Senders, halten wir die Veröffentlichung aber für angemessen – schon um die Neugier der Fruststadt-Fans zu befriedigen …

Sehr geehrte Damen und Herren! Hiermit verlange ich die Richtigstellung verschiedener Behauptungen, meine Person betreffend in Ihrer Sendung „Fruststadt – alles wird gut“  Bereits in Folge 13 schlägt es dasselbe, denn dort – so wie in mehreren Zusammenfassungen am Beginn weiterer Folgen – wird die Behauptung aufgestellt, es habe nur eine – nämlich meine – Gegenstimme gegen die Berufung von Herrn G. auf die Kirchenmusikerstelle gegeben. Diese Behauptung ist unrichtig. Richtig ist vielmehr, dass auch im Kapellenvorstand von Leerkirchhausen, der ein eigenes Votum abzugeben hatte, Kapellenvorsteherin Tusnelda Nörgel (meine Schwester) sich gegen diese Berufung ausgesprochen hat. Dass mein Abstimmungsverhalten keine Ablehnung der Person von Herrn G. bedeutet, ist daran erkennbar, dass ich ihm zu außerordentlich günstigen Konditionen die Erdgeschoss-Wohnung in meinem Haus vermietet habe. Weiter wird behauptet, dass ich dem KV in Fruststadt seit 1945 ununterbrochen angehöre. Auch diese Behauptung ist unwahr. Mein erster Eintritt in einen KV erfolgte erst 1949, und zwar in meinem Heimatort Leerkirchhausen, wo ich im fraglichen Jahr als Jugendvertreter in dieses Gremium berufen wurde. Diesem KV gehörte ich bis zu meinem Umzug nach Fruststadt im Jahr 1966 an, wo ich dann 1969 in den hiesigen KV gewählt wurde. Und auch in dieser Dienstzeit gab es noch eine Unterbrechung – 1976 schied ich für die Zeit bis zur Neuwahl 1978 unter Protest aus dem Vorstand aus, da der damalige Jugendpastor Friedemann Lederjack ohne Absprache mit dem KV ein Rockkonzert in der Kirche veranstaltet hatte! In der noch nicht ausgestrahlten Folge 99 der Serie wird – dem Ankündigungstrailer nach zu vermuten – die Behauptung aufgestellt, ich hätte regelmäßig das zu laute Klavierspiel von Herrn G. in der Wohnung unter mir beanstandet und ihn deshalb „terrorisiert“. Diese Behauptung ist unwahr. Ich habe lediglich einmal(!) – und das an einem Montag um 23.02 ! – mit dem Besenstiel auf den Fußboden geklopft, um bei Herrn G. und seinem männlichen Übernachtungsbesuch ein baldige Beendigung des lauten Musizierens mit Klavier und Schlagzeug anzumahnen. Ebenso wird behauptet, mir sei der Schimmelbefall der an Herrn Gospelbach vermieteten Wohnung bekannt gewesen. Dies trifft nicht zu. Es trifft lediglich zu, dass ich geäußert habe: „Daran sind nur die übertrieben ökologisch eingestellten Vormieter schuld, die mich dazu überredet haben, Energiespar- und Dämmungsmaßnahmen durchzuführen.“ Unrichtig ist in diesem Zusammenhang, dass ich diese Vormieter, also Frau Vega N., ihre Drillinge sowie ihren Freund und dessen Sohn als „grüne Müslifresserbande“ bezeichnet haben soll.

Anmerkung der Redaktion: Wie könnte es anders sein – Herr Nörgel hat mit seinen Jahreszahlen selbstverständlich recht. Einem Ondit zufolge war die KV-Pause in den siebziger Jahren jedoch auch darin begründet, dass Konrektor Nörgel Hoffnung hegte, nach Ausscheiden seines Vorgesetzten endlich die Rektorenstelle angetragen zu bekommen. Dies war allerdings nicht der Fall (seiner Meinung nach, weil er nicht das örtlich erforderliche Parteibuch hatte, das er drei Jahre zuvor unter wütendem Protest zurückgegeben hatte). So kehrte er bei der nächsten Wahl in den KV zurück.

 Mehr davon? Siehe https://kraftwort.wordpress.com/2009/11/14/fruststadt-soap-%E2%80%9Ealles-wird-gut-folge-113-kann-es-denn-noch-schlimmer-kommen/

 

Was bisher geschah:

Die Rödelkirche Fruststadt hat ihre Kirchenmusikerstelle (49,3 %) ausgeschrieben. Dabei hat sie versehentlich (?) den gleichen Text verwendet wie drei Jahre zuvor, als es sich noch um eine 75 % -Stelle handelte, ergänzt um die Erwartung der Mitarbeit bei einem Ganztagsschulprojekt und in der Regionalisierung. Der einzige Bewerber ist Berufsanfänger Gregor-Yannick Gospelbach, der die Stelle auch erhält und mit einem festlichen Gottesdienst, (in dem er selbst die Orgel spielen und alle mitwirkenden Chöre leiten darf) sowie einem anschließenden Empfang eingeführt wird.

Und so geht es weiter:

Nach dem Empfang zu seiner Einführung sitzt Gregor in seiner von einem „sowjetischen Kronleuchter“ (also einer nackten Glühbirne) beleuchteten Küche bei einem alkoholfreien Weizenbier und einem Stück Elsässer Flammkuchen aus der Tiefkühltruhe und lässt die Eindrücke des Tages Revue passieren. Dr. Gutverdien hat ihn gleich nach den offiziellen Grußworten mit neuen Einzelheiten seiner Idee bombardiert, einen „Förderverein für die Kirchenmusik“ zu gründen und ihn selbst auf die Frage „Ich darf Sie doch Greg nennen, nicht wahr?“ überhaupt nicht zu Wort kommen lassen. Außerdem hat er angekündigt, dass seine Tochter Viola (die mit dem gleichnamigen Instrument) bereits am ersten Adventswochenende nach Hause käme und sich darauf freue, mit ihm gemeinsam in der Adventsandacht das „Hair von Bach“ zu musizieren. Gertrud Kanzel-Schwalbe hat sich als Mitglied in sämtlichen existierenden Chören und Singgruppen vorgestellt („auch beim Kinderchor hab ich schon mal mitgeholfen, die Kleinen können ja heute keine Melodie mehr alleine halten, finden Sie nicht auch“) und mit schnippischem Blick erzählt, dass sie beim Vor-Vorgänger manchmal mit auf der Orgelbank gesessen und die Register gezogen habe, die Vorgängerin aber sei ja eine entsetzliche Person und zum Glück auch nur drei Jahre dagewesen, aber auch der Vor-Vorgänger habe sich ja leider die Apothekerin des Nachbarortes geangelt und sei nun als freiberuflicher Musiker tätig, der fast sämtliche Männerchöre und Feuerwehrkapellen im Landkreis leite, „den werden Sie sicher noch kennenlernen, er hat mich wirklich sehr enttäuscht“), aber eines wolle sie gleich sagen, dieses moderne englische Zeug wollten sie hier alle nicht haben und dass in der Ausschreibung etwas von „Gospelchor“ stand, möge er bitte schnellstens vergessen, das habe in den beiden vorigen Anzeigen auch schon gestanden und keiner habe sich darum gekümmert.

Auch sonst scheint sich der Arbeitsumfang gegenüber den Wünschen in der Anzeige doch noch etwas zu reduzieren. Den Taize-Singkreis, hat er erfahren, gibt es schon seit vier Jahren nicht mehr, was bisher aber vom Kirchenvorstand niemand gemerkt hat. Die katholische Gemeinde ist mit drei anderen zu einer Seelsorgeeinheit mit nur noch einem Priester zusammengelegt worden. Der Monsignore tauchte für zehn Minuten beim Empfang auf und schlug vor, man solle doch die „Gebetswoche für die Einheit der Christen“ und die „Woche für das Leben“ wieder abschaffen, die Beteiligung sei ohnehin nicht so doll gewesen. Dafür seien die evangelischen Kinder aber in diesem Jahr herzlich im November zum Martinsumzug eingeladen und ob dafür Gregor mit seinem Posaunenchor …? Die Vorsitzende der örtlichen Arbeiterwohlfahrt teilte ihm den Termin der Adventsfeier mit. Bisher sei da immer einer der Pfarrer gekommen, die hätten aber abgesagt wegen der Stellenkürzung und die alten Leute würden ja doch lieber singen als eine Predigt hören, am liebsten die alten Kirchenlieder aus der Kindheit wie „Schneeflöckchen, Weißröckchen“ oder „Kling, Glöckchen klingelingeling“ …

Gregor hat zum Glück gerade schon erfahren, dass von den 5 Pfarrstellen, die im Text der Anzeige noch erwähnt waren, seit der letzten Stellenkürzung nur noch 2 ½ existieren („ein Versehen, weil wir den Text von vor drei Jahren verwendet haben“). Deshalb könne man sich auch gut vorstellen, dass er in die leerstehende Pfarrwohnung im Neubaugebiet einziehe, die sei zwar im Moment noch etwas groß, aber vielleicht werde sich seine Familiensituation (oder sagen wir erst mal: Beziehungssituation) ja auch einmal ändern, es gebe ja viele nette Menschen in Fruststadt, man gönne es ihm jedenfalls.

Gregor will gerade zu Bett gehen – der Fernseher ist noch nicht angeschlossen, es ist kurz nach zehn, den restlichen Flammkuchen schafft er nicht mehr, es gab zwar nur winzige Stücke „Freud- und Leid-Kuchen“ bei seinem Empfang, aber er hat doch eine ganze Menge davon verdrückt (er musste ja in allen Gesprächen fast nur zuhören) und so ist er doch pappsatt und auch kaputt von diesem Tag.

Da klingelt es an seiner Wohnungstür. Gregor sieht ein verheultes Gesicht vor sich – es ist Pfarrerin Gunhilde Gleich-Gültig. „Darf ich reinkommen?“ Gregor ist zwar verwundert, aber er lässt sie natürlich eintreten. „Sie haben sicher gesehen, dass mein Mann vorhin zu diesem Flittchen ins Auto gestiegen ist! Das ist seine Sprechstundenhilfe aus der Zahnarztpraxis. Den Audi hat er ihr schon vor ein paar Wochen geschenkt, habe ich heute erfahren! Ich hab’s ja alles irgendwie geahnt, aber jetzt ist es klar: Wir lassen uns scheiden. Sie ahnen ja gar nicht, wie mich das mitnimmt, aber zum Glück habe ich gleich einen Platz bekommen, morgen beginnt meine Therapie und deshalb wollte ich Sie bitten, dass Sie meinen Konfirmandenunterricht übernehmen, Sie sind jung, Sie können bestimmt mit den Jugendlichen gut umgehen und Sie können ja ruhig hauptsächlich mit denen singen, es ist ja nur für acht Wochen, ja Sie müssten morgen schon anfangen, ich kann denen ja nicht allen abtelefonieren, dass es morgen ausfallen soll, das dauert ja, bei 40 Familien! …“

Ob Gregor mit den Konfirmanden und Konfirmandinnen zurecht kommt, wie es zu dem Gerücht kommt, dass er schwul sei und vieles mehr erfahren Sie schon bald in den nächsten Folgen!

Weiterlesen? Dann hier entlang: https://kraftwort.wordpress.com/2009/11/03/fruststadt-soap-gegendarstellung/

Einem Ondit zu Folge will Nina Ruge unter die Drehbuchautoren gehen und unter dem Titel „Alles wird gut“ die Geschichte von Fruststadt und seinem Kirchenmusiker bei Bibel-TV als Soap unterbringen. Eine Kurzfassung der im Fernsehen auf 1685 Folgen angelegten Serie gibt’s exklusiv hier:

Trotz eines nur mäßig ermutigenden Telefonats mit Dr. Gutverdien, dem KV-Vorsitzenden bewirbt sich der gutaussehende und noch ledige Berufsanfänger Gregor-Yannick Gospelbach auf die 49,3%-Stelle für einen Kirchenmusiker an der Rödelkirche Fruststadt. O Wunder, er ist der einzige Bewerber und erhält die Stelle (1 Gegenstimme von Konrektor a.D. Wilhelm Nörgel, KV-Mitglied seit 1945: „so ein hübscher junger Bengel verdreht doch den Konfirmandinnen den Kopf“, eine nicht unbegründete Befürchtung wie Folge 112 zeigen wird).

Im Einführungsgottesdienst predigt Pfarrer Friedel Freudeeierkuchen über das Wort aus den Sprüchen Salomos – „Besser ein Gericht Gemüse mit Liebe dabei als ein gemästeter Ochse mit Hass dabei“ sowie über einen weiteren Vers, für den ihm aber die Bibelstelle gerade nicht einfällt: „Es wird nichts so heiß gegessen wie es gekocht wird“ Roswitha Kanzel-Schwalbe tuschelt ihrer Nachbarin zu:“Dass der schon wieder übers Essen predigen muss – dass es ihm schmeckt, sieht man ja nun wirklich“ Die Lokalzeitung schreibt am nächsten Tag, er habe in seiner Predigt die durch die Stellenkürzungen auftauchenden Probleme (nein: „Herausforderungen“ heißt das heute natürlich) „in erstaunlicher Offenheit angesprochen“. An genau der damit gemeinten Stelle der Predigt raunt Dekan Glattbügel seinem Nachbarn, OLKMD Von Wegenstress-Hiernoch zu Friedensein zu: „Na, na, na, jetzt übertreibt er aber“

Doch warum verschwindet beim Empfang Zahnarzt Dr. Gültig, der Ehemann von Frau Pfarrerin Gleich-Gültig direkt nach dem ersten Glas Sekt und steigt zu einer jungen Dame ins Auto?

Das und mehr erfahren Sie in der nächsten Folge.

(Guckst Du hier: https://kraftwort.wordpress.com/2009/10/26/fruststadt-die-soap-geht-weiter-folge-86/)

Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht Fruststadt betreffend:

Zuerst die gute: Fruststadt hat mir als Blogger ganz neue Erfahrungen beschert. Seit ein paar Monaten schreibe ich hier und habe, wenn’s hochkommt, mal einen Tag mit fünf oder acht Besuchern der Seite – am ehesten, wenn jemand wissen wollte, was der Unterschied zwischen „Logos und Dabar“ ist oder irgendwie auf Luthers Text über die Musik gestoßen ist. Dann setze ich eine Satire über eine Kirchenmusikerstelle in Fruststadt hinein, die ich in alten Unterlagen auf einer schlechten Kopie wiedergefunden habe (ja, es ist wahr: ich habe den Text nur bearbeitet und nicht selber verfasst! Lediglich die Fortsetzung stammt gänzlich von mir) und erreiche damit bis zu 296 Besucher an einem Tag. So weit, so erfreulich – immerhin haben manche auch meine „Über mich“- Seite besucht oder sich sonst mal umgeschaut. Und, prinzipiell auch erfreulich: es hagelt Kommentare: Eine ebenfalls neue Erfahrung für mich wenn mein Emailprogramm mir fast täglich meldet: „Bitte moderieren!“

Die schlechte Nachricht: Manche Kommentare sind beängstigend. Offensichtlich kann der Text tatsächlich – auch das wurde mir zugetragen – Vorurteile und Ressentiments bestätigen und eine pauschale Pfarrerschelte begünstigen, die unter Kirchenmusikern leider weit verbreitet zu sein scheint. Die Kommunikation unter Pfarrern und Kimus ist oft schwierig genug und ich freue mich daran, dass es in meiner eigenen Umgebung komplett anders ist – weil ich weiß, wie wenig selbstverständlich das ist. Es wäre natürlich albern zu behaupten, dass an den Problemen immer nur die Pfarrer schuld sind. Und wenn ein Kirchenmusiker ohnehin schon immer „weiß“, dass Pfarrer alle doof und im Vergleich zu ihnen faul und überbezahlt sind, dann kann es nicht gut gehen, egal wie groß sein Stellenumfang ist. Das Aufdecken dieses „Ressentiment-Milieus“ hat mich also doch etwas traurig gemacht.

Was ist zu tun?

Möglichkeit eins: Sintflut über Fruststadt – die Texte werden gelöscht. Das wäre das einfachste, löst das Problem der vorhandenen Ressentiments aber nicht (erspart mir höchstens das Gefühl, an Bedienen derselben mitschuld zu sein)

Möglichkeit zwei: Ich versuche eine vergleichbare Satire über die übermenschlichen Erwartungen an Pfarrer zu schreiben – das wäre vom Erleben her ohne weiteres möglich, aber ob ich die, wenn ich sie selber schreiben muss, genausogut hinbekomme, ist fraglich

Möglichkeit drei: Ich versuche einmal die „strukturellen Kommunikationsprobleme“ zwischen den kirchlichen Berufsgruppen aufzuarbeiten und dazu einen Text zu bloggen. Auch wenn ihn keine 296 Kimus am Tag lesen werden – dann steht das ganze in einem anderen Kontext und das Nachdenken über die innerkirchliche Kommunikation, das die Satire positiv wie negativ anstoßen kann, wäre sinnvoll weitergeführt.

Ich neige natürlich zur dritten Möglichkeit, bin aber selber mal gespannt, was tatsächlich passiert – denn erstmal ist jetzt mein Urlaub vorbei und ich habe anderes zu tun (ich sitze nämlich auch nur auf einer ha-ha-halben Pfarrstelle, erfahre nur über die regelmäßigen Mieterhöhungen, dass ich angeblich auch eine Gehaltserhöhung bekommen habe und habe trotz des geringen Stellenumfangs und Salärs selten Langeweile …)

Einem Ondit zufolge hat es tatsächlich inzwischen einen ersten Interessenten für die Kirchenmusikerstelle in Fruststadt gegeben. Das Informationstelefonat mit Herrn RA Dr. Gutverdien, dem KV-Vorsitzenden, verlief so:
Dr. Gutverdien: Das hätte ich nicht geglaubt, dass sich jemand bei uns bewirbt – 49,3 % Stellenumfang sind doch eigentlich eine Schande, ich habe in der Sitzung gesagt, wer soll davon leben? Für die Kirchenmusik müsste viel mehr Geld da sein! Womit sonst bekommen wir denn die Leute noch in die Kirche!
Bewerber (denkt: Immerhin jemand, der Verständnis hat)
Dr. Gutverdien (fährt ohne Pause fort) Und wissen Sie, deshalb habe ich auch eine Idee – wir beide gründen einen „Förderkreis Kirchenmusik“ – die Satzung habe ich schon ausgearbeitet, ich kenne mich mit so etwas ja aus, können wir gleich morgen als e.V. anmelden. Ja, natürlich macht das auch für Sie am Anfang noch etwas mehr Arbeit, aber denken Sie mal an die Möglichkeiten, die sich uns erschließen! Die Orgel ist seit 1999 nicht mehr gestimmt worden, das muss ja von irgendwas bezahlt werden, da könnte der Förderkreis einspringen, für Orgeln spenden die Leute gerne, sagt der Fundraiser, den unser Dekanat gerade eingestellt hat – der könnte Ihnen übrigens einen Teil der Arbeit mit den Werbebriefen für den Förderkreis abnehmen …
(Bewerber möchte zur Frage ansetzen, ob der Förderkreis auch den Stellenumfang aufstocken könnte)
Dr. Gutverdien (spricht ohne Unterbrechung weiter, kann aber offensichtlich Gedanken lesen): Natürlich kann so ein Förderkreis die Stellenkürzung von 75 auf 49,3 % nicht rückgängig machen, auch nicht teilweise, aber man könnte mal für besondere Konzerte, die Sie ja sicher vorhaben, Weihnachtskrematorium oder so, die Solisten bezahlen, die sind ja immer sündhaft teuer – obwohl, es geht auch günstiger, meine Tochter zum Beispiel heißt nicht nur Viola, sie spielt auch eine, Viola da Gamba, herrliches Intrument. Sie hatte ja schon am Robert-Overstolz-Gymnasium immer die Solopartien im Schulorchester und studiert jetzt in Berlin, Betriebswirtschaft. Neulich hat sie „Hair“ bei einer Hochzeit gespielt, alle haben geheult
(Bewerber stutzt: „Hair“ auf einer Viola da Gamba?)
Dr. Gutverdien (fährt ohne Pause fort): Sie kennen doch das Hair von Bach, oder wie das heißt, wuuunderschön, – also, meine Tochter könnten wir auch mal verpflichten, die würde es auch für die Fahrtkosten und eine kleine Aufwandsentschädigung machen, vielleicht an Heiligabend, da ist sie sowieso zuhause, was halten Sie davon?
(Bewerber sucht noch nach einer Antwort, doch:)
Dr. Gutverdien (spricht ohne Pause weiter) jedenfalls, das freut mich, dass Sie die Idee mit dem Förderverein auch gut finden, unser Dekan hält da nämlich nicht so viel davon, das entzieht sich wohl seiner kirchenobrigkeitlichen Kontrolle, haha. Und, wie gesagt, die Orgelstimmung muss ja einfach sein, ich meine, so ein paar Heuler, die werden Sie ja selber beseitigen können, da kann man natürlich nicht immer den Orgelbauer, aber seit 1999 nicht gestimmt, ich bitte Sie, also wirklich, ich finde, da muss sich in unserer Kirche noch einiges ändern, dass man den Wert der Kirchenmusik wieder; jedenfalls vielen Dank, dass Sie angerufen haben, ich denke, Ihre Chancen stehen nicht schlecht, so patent wie Sie zu sein scheinen! Ich melde mich wieder, muss jetzt gerade zum Golfspielen, Sie verstehen. Auf Wiederhören! (legt auf)

Fortsetzung gefällig? Guckst Du hier: https://kraftwort.wordpress.com/2009/10/19/fruststadt-die-soap/