… und sogar die britische Tageszeitung „Mirror“ fordert dazu auf – mit folgendem Bild in der gestrigen Ausgabe:

pray-for-berlin

 

Ein Abendgebet aus dem 4. Jahrhundert, das in manchen Passagen „Luthers Abendsegen“ sehr ähnlich ist:

O Gott, unser Herr,
du bist voller Güte und liebst die Menschen –
so vergib mir alle meine Sünden, die ich heute getan habe
in Gedanken, Worten und Werken.
Schenke mir einen friedlichen und ungestörten Schlaf.Dein heiliger Engel sei mit mir,
er schütze mich vor allem Bösen.
Sei du unser Schutz für unseren Leib und unsere Seele.
Zu dir steige unser Lob auf:
zum Vater, zum Sohn und zum Heiligen Geist,
jetzt und allezeit bis in Ewigkeit.
Amen.

1. Das Vaterunser als Bittgebet setzt Personalität voraus – und zwar sowohl für Gott, der angesprochen wird als auch für den Menschen, der es spricht.
Wird der Mensch als Person gesehen, so ist auch seine Freiheit (in welchen Formen und Grenzen auch immer) bereits vorausgesetzt: denn er wird damit gerade nicht nur als Arbeitskraft, als Wirtschaftsfaktor, als Risikopotential oder als funktionierendes „Rädchen im Getriebe” gesehen.

2. Die Anrede an Gott als „unseren Vater” setzt die Gleichheit der zum Sprechen dieses Gebetes berufenen Menschen voraus. Martin Luther dichtet völlig zutreffend in seinem  Vaterunser Lied (EG 344): „Vater unser im Himmelreich, der du uns alle heißest gleich Brüder sein und dich rufen an …”
Das Vaterunser beginnt also nicht nur mit der durch die personale Anrede implizierten Freiheit, sondern zugleich auch mit der Gleichheit und Brüderlichkeit der Menschen.
Wenn auch oft zwischen Freiheit und Gleichheit eine Spannung gesehen wird, so ist doch ein Minimum an Gleichheit – vor allem die Gleichheit vor den normgebenden Instanzen, also vor dem Gesetz oder eben auch vor Gott selbst, eine fundamentale Voraussetzung dafür, dass Menschen auch frei sein können. Die Unfreiheit der Sklaverei zum Beispiel hat ja gerade darin ihren Ursprung, dass eine Gleichheit der Menschen nicht anerkannt wird.

3. Die drei ersten Bitten zielen auf eine Anerkennung der Macht und des Willens Gottes – anders gesagt auf die Freiheit Gottes und nicht auf die Freiheit des Menschen. Sie scheinen also dem Anliegen der Freiheit des Menschen zu widersprechen: „Dein Reich komme, dein Wille geschehe”. Vor allem im Zusammenklang mit dem Satz Jesu „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe” aus seinem Gebet in Gethsemane wirkt die dritte Bitte des Vaterunser wie ein Aufgeben der eigenen Willensfreiheit im Gegenüber zu Gott.

Aufs Ganze gesehen, müssen hier jedoch die Relationen „coram Deo” und „coram mundo” (oder „coram hominibus”) deutlich unterschieden werden. Im Gegenüber zur Welt (coram mundo) ist gerade der Mensch frei, der sich im Gegenüber zu Gott („coram Deo”) seiner Abhängigkeit bewusst ist. „Coram Deo” ist der Mensch nämlich in der Tat nicht frei, sondern abhängig von Gott – so wie der Mensch sich nicht wirklich frei entscheiden kann zu atmen oder es nicht zu tun: Wenn er sich – vermeintlich frei – entscheidet, nicht mehr zu atmen, bedeutet das seinen Tod und damit die endgültige Aufgabe seiner Freiheit.

Im Gegenüber zu Gott hat der Mensch allenfalls die Freiheit, „die Abhängigkeit von Gott als Glück zu bezeichnen”
(Hermann Bezzels Definition von Frömmigkeit, zu finden z.B. unter http://www.evangeliums.net/zitate/hermann_von_bezzel.htm)

4. Die Anerkennung von Herrschaft und Willen Gottes ist nicht selbst Freiheit, sie ist aber Voraussetzung der menschlichen Freiheit.
(Vgl. dazu: Hans-Joachim Kraus: Reich Gottes, Reich der Freiheit. Grundriss Systematischer Theologie. Neukirchener Verlag, 2. Auflage Neukirchen-Vluyn 1984  bzw. Herwig, Michael: Herrschaft Gottes, Freiheit des Menschen : biblische Perspektiven zur Neugestaltung der Gesellschaft. Wuppertal : Aussaat-Verlag 1977)

In einer Analogie kann das so verdeutlicht werden: Auch das Gewaltmonopol des Staates ist zunächst eine Einschränkung menschlicher Freiheit – der Staat kontrolliert den Waffenbesitz und verbietet mir die Freiheit, Rache zu üben. Gerade die Anerkennung dieses staatlichen Gewaltmonopols hilft aber dazu dass der Staat mir und jedem anderen die Freiheit schützen und erhalten kann.
Ähnlich drückt auch meine Anerkennung von Macht und Willen Gottes aus, dass ich gerade Gott zutraue, mir die Freiheit zu schenken, von der nun im Einzelnen die Bitten Vier bis Sieben des Vaterunsers handeln.

5. Die Erfüllung menschlicher Grundbedürfnisse ist die Basis menschlicher Freiheit (bzw. Voraussetzung dafür, eine zugesprochene Freiheit auch tatsächlich nutzen zu können) Deshalb steht am Anfang der Dinge, die der Beter des Vaterunser für sich bzw. für die Menschen erbittet, das „tägliche Brot” – in Luthers Erklärung im Kleinen Katechismus (EG 806) zu Recht verstanden als Begriff für alles, was zum Leben notwendig ist.

6. Die fünfte Bitte „Vergib uns unsere Schuld” macht in besonderer Weise deutlich, dass Gott eine Freiheit schenkt, die kein Staat Menschen vermitteln und kein Mensch aus sich selbst heraus garantieren kann – die Freiheit von Schuld

Um so erstaunlicher ist es, dass gerade diese per se vom Menschen nicht zu vermittelnde Freiheit der Vergebung als einzige sofort von der Relation „coram Deo” in die Relation „coram hominibus” hineinwirkt bzw. hineinwirken soll: „Vergib uns unsere Schuld, so wie wir vergeben unsern Schuldigern”

7. Der Zusammenhang zwischen der von Gott erbetenen und geschenkten Vergebung und der dem Mitmenschen zu gewährenden Vergebung entspricht der Korrelation von Freiheit und Verantwortung. Wer Barmherzigkeit erfahren hat und immer wieder erfährt, hat die Verantwortung, sich auch selbst barmherzig zu verhalten (Vgl. Matth. 18: Gleichnis vom „Schalksknecht”)

8. Freiheit ist immer die Freiheit von etwas und die Freiheit zu etwas. Dies wird in der sechsten Bitte des Vaterunsers „und führe uns nicht in Versuchung” besonders deutlich. Die Freiheit von der Versuchung ist die Freiheit dazu, nun das Gute und Richtige auch zu tun. Wer z.B. von Suchtmitteln abhängig ist, hat nicht mehr die Freiheit dazu, das zu tun, was er eigentlich selbst schon als das Gute erkannt hat.

9. „und erlöse uns von dem Bösen” – dies ist als umfassende Bitte um Befreiung von allen Übeln zu verstehen.
Wird unter „dem Bösen” nicht nur (im grammatischen Neutrum) jegliches Übel, sondern (im grammatischen Maskulinum) „der Böse”, also der Satan verstanden, dann ist die Bitte in besonderer Weise die Bitte um Befreiung vom Tyrannen der Unfreiheit; denn der Satan ist einerseits – wie Gott – eine Macht, die stärker ist als der Mensch und andererseits aber – im Unterschied zu Gott –  eine solche Macht, die gerade die Unfreiheit des Menschen will und wirkt, die keine Schuld vergibt und den Grundbedürfnissen des Menschen nicht gerecht wird.

These 9 ½ : Die abschließende Doxologie, die vermutlich später dazugekommen ist, ist eine sinnvolle Rückkehr in das Vertrauen der ersten drei Bitten, dass Gott die Macht hat, die in den Bitten vier bis sieben erbetene Freiheit tatsächlich zu schenken, wobei dieses Vertrauen hier nicht mehr als Bitte, sondern als Lob Gottes formuliert wird.

Bisweilen wird im Babylonischen Talmud von der Rabbinerin Brurja erzählt, obwohl es bis ins 20 Jahrhundert eigentlich gar nicht vorgesehen war, dass Frauen Rabbinerinnen wurden. Brurja war oft sogar klüger als die männlichen Schriftgelehrten, auch als ihr Mann, Rabbi Meir. Von Brurja und Meir wird also erzählt:

In der Nachbarschaft von Meir und Brurja gab es sittenlose Gesellen, über die sich Meir sehr ärgerte. Deshalb betete er darum, dass Gott diese bösen Nachbarn verflucht und sterben lässt. Er denkt dabei an einen Psalmvers, in dem es heißt, dass die Frevler von der Erde verschwinden sollen. Brurja aber sagt ihm: „Bete nicht, dass sie sterben, bete nicht gegen sie, sondern bete für sie, bete darum, dass sie sich bekehren. Denn so ist es gemeint, wenn der Psalm sagt: Die Frevler sollen verschwinden von der Erde.“ Da betete Meir für sie und sie kehrten in Reue um. (nach Berachot 10a)

Der Bibelvers, über den Meir und Brurja diskutieren, steht in Psalm 104,35. In der Lutherübersetzung heißt er:  „Die Sünder sollen ein Ende nehmen auf Erden und die Gottlosen nicht mehr sein.“

Kleiner Nachtrag: Ehrlicherweise sei gesagt: Ob man Brurja tatsächlich als „Rabbinerin“ bezeichnen kann, ist strittig – Näheres dazu in den Kommentaren! Entscheidend ist natürlich, was Brurja sagt, Rabbinerin oder nicht; dass sie inhaltlich ganz nahe bei Jesus ist und dass auch „schwierige“ Bibelstellen (das Vernichten von Frevlern klingt ja erstmal nicht so sympathisch) verschieden ausgelegt werden können und im richtigen Kontext einer gelebten Gottes- und Nächstenliebe oft ganz anders aussehen als auf den ersten Blick (oder als durch die Brille von Fundamentalisten, seien es religiöse oder auch atheistische Fundis)

… wird nach einer alten Sitte jeden Sonntag im Fürbittgebet besonders für diejenigen gebetet, die in diesem Jahr konfirmiert werden. Heute ist Septuagesimä und wir werden das heute im Gottesdienst tun. Da diese Tradition kaum noch jemand kennt und da die Jugendlichen von heute nichts nötiger haben als dass wir für sie beten, möchte ich das zur Nachahmung empfehlen – nicht nur für die Gottesdienste in der Gemeinde, sondern auch für das persönliche Gebet.

Einen gesegneten Sonntag!

Glaube faith (belief)
Anbetung            worship, adoration
Andacht            devotions, prayer
Auferstehung            resurrection
Dreieinigkeit            Trinity
Evangelium            gospel   evangelisch evangelical, Protestant
Feiertag            (kirchlicher) holy day (hoher Festtag) feast day
fromm                devout, godly, pious
Frömmigkeit            spirituality
Gebet                prayer  –  ein Gebet sprechen to say a prayer     gemeinsames Gebet common prayer, joint prayer   Gebetserhörung answer to prayer
Gebot                command Die Zehn Gebote The Ten Commandments
geistlich            spiritual  – geistliche Musik sacred music
Heil                salvation, redemption
heilig                holy (für heilig erklärt auch:) sacred (Namen von Heiligen:) saint
Heiligung            sanctification, holiness Sonntagsheiligung Lord’s Day observance
Jahreslosung            annual watchword
Losung                watchword
die Losungen Daily Watchwords (the Moravian Text Book)
„Losung und Lehrtext des heutigen Tages” the Watchword and the Doctrinal Text for today             (from the Moravian Text Book)
Lutheraner, lutherisch        Lutheran
Missionsbefehl (Matth. 28)    the Great Commission
Religiöse Erziehung        religious upbringing
Schutzengel            guardian angel
Seligpreisungen, die (Matth.5)    the Beatitudes
Sinn des Lebens        meaning of life
Sündenfall            the Fall of Man
Tischgebet            grace  das Tischgebet sprechen to say grace
Trauer                mourning   Trauer tragen to be in mourning
Trost                comfort (Trostworte auch:) consolation
verloren            lost   – Gleichnis vom verlorenen Sohn parable of the prodigal son
Verheißung            promise
Versuchung            temptation
Wiederkunft Christi        the Second Coming
Wunder             miracle (selten: wonder)
Zweifel                doubt