Vor drei Jahren schrieb ich in diesem Blog – in einem Beitrag, der bis heute zu den meistgelesenen gehört und nach wie vor immer wieder aufgerufen wird:

„Die deutsche Sprache wird durch das Englische weit weniger zerstört als viele Anti-Denglisch-Kolumnenschreiber behaupten. Erkennbar ist das an einer Beobachtung, die bisher m.W. noch in keiner “Denglisch-Kolumne” Platz gefunden hat: Das Englische, das wir übernehmen, zwängen wir bisweilen geradezu gnadenlos in die deutsche Grammatik hinein. Wir sagen zum Beispiel „das Girl”, analog zum deutschen Wort „Das Mädchen”, obwohl „Girl” im englischen natürlich (der Erfahrung entsprechend) weiblich ist – wir müssten also „Die Girl” sagen. Das deutsche Wort „Mädchen” gilt ja nur deshalb als Neutrum , weil wir das allgemeine Prinzip „Verkleinerungen sind sächlich” anwenden und „Mädchen” die Verkleinerungsform von „Maid” ist („Die Maid” ist natürlich auch im deutschen weiblich, ist nur leider aus dem Sprachgebrauch fast gänzlich verschwunden). Wir deklinieren und konjugieren englische Worte auch ganz und gar deutsch – Wir „relax-en” und setzen dabei die übliche Endung für die 1. Person Plural ans Ende. Noch heftiger: Wer etwas aus dem Internet heruntergeladen hat, sagt bisweilen, er habe es down-ge-loadet – denkt also so sehr deutsch, dass er selbst beim englischen Wort noch eine Vorsilbe erkennt, die bei der Bildung des Partizips ganz vorne stehen bleiben muss, genau wie bei „herunter-ge-laden”.“ (Den ganzen Beitrag gibt’s hier: https://kraftwort.wordpress.com/2009/06/17/der-showmaster-des-public-viewing-steht-mit-seinem-handy-am-servicepoint/)

Hatte ich da wirklich recht? Inzwischen habe ich den Eindruck, dass es sehr wohl auch Beispiele dafür gibt, dass wir auf dem Hintergrund eines vom Englischen beeinflussten Denkens auch unsere Grammatik verändern (der Kulturpessimist, der irgendwie doch in mir steckt, sagt: „ruinieren“).

Das schon lange im Schwange befindliche Beispiel ist natürlich die Konstruktion von Nebensätzen als wären sie Hauptsätze – vor allem beliebt, wenn der Nebensatz mit „weil“ anfängt. Mir stehen jedesmal die Haare zu Berge, wenn jemand sagt: „Ich konnte meine Hausaufgaben nicht machen, weil meine Oma hatte Geburtstag“ oder „Rot-Grün hat keine Mehrheit, weil die Piraten haben zu viele Stimmen“ Grauslich ist das (und besonders ärgerlich, wenn das tatsächlich in seriösen Fernsehsendungen wie den Tagesthemen oder heute-journal gar nicht mehr als Fehler angesehen wird)!

Eine andere Unsitte nimmt nach meinem Eindruck erst in neuerer Zeit sehr zu: Da wird das Wort „Erinnern“ so gebraucht, als hätte man das englische Wort „Remember“ benutzt – nämlich einfach mit Akkusativ. Beispiel: „Ich erinnere genau den Tag, an dem ich meine Frau zum ersten Mal gesehen habe.“ Richtig ist im Deutschen aber: „Ich erinnere mich genau an denTag …“

Beide Veränderungen finde ich deshalb fraglich, weil damit Präzision schwindet und das Abstraktionsniveau (ja, das ist etwas Positives!) sinkt:

Die Differenzierung von Haupt- und Nebensatz ist ja auch eine inhaltliche Strukturierung. Und wer die Begründung als genauso wichtig wie die Hauptsache darstellen möchte, kann das im Deutschen ja ganz einfach tun; denn wenn man eine Begründung mit „denn“ einleitet statt mit „weil“ – dann ist sie ein Hauptsatz.

Und das „Erinnern“ ist, wie wir alle wissen, ein komplexes Geschehen. „Ich erinnere den Tag“ legt nahe, als sei Erinnern eine handhabbare Tätigkeit. Das ist aber – soweit ich mich erinnere – bei mir längst nicht immer so gewesen. Nicht immer bekomme ich deshalb etwas Vergangenes wieder in den Sinn, weil ich es willentlich hervorhole  – im Gegenteil: auch ohne Anzeichen von Demenz gelingt mir das keineswegs immer …

Also: wer sich eines gepflegten Sprachgebrauchs befleißigen möchte, enthalte sich bitte der genannten „Unarten“ (und erfreue sich lieber wieder einmal des „Manifests der Freunde des Genitivs“, dessen Wortlaut hier zu finden ist: https://kraftwort.wordpress.com/2009/05/25/manifest-der-freunde-des-genitivs/)

Advertisements

Die Rechtschreibreform und die Diskussionen darum liegen nun schon eine Weile zurück. An vieles hat man sich gewöhnt, vieles – dass man „dass“ mit Doppel-s schreibt zum Beispiel – war ja auch vernünftig und logisch. Um so mehr bin ich einiger Dinge überdrüssig, an die ich mich nicht gewöhnen werde. Zwei Beispiele:

Das Wort „Potential“ sollen wir „Potenzial“ schreiben. Das ist eine dümmliche und völlig unlogische Anpassung an die Aussprache, die man nur für dieses eine Wort vorgenommen hat. In allen anderen aus dem lateinischen stammenden Fremdwörtern ist man beim lateinischen -ti- geblieben, auch wenn das im Deutschen wie -zi- ausgesprochen wird. Wer also „Potenzial“ schreibt, muss auch Informazion, parziell, marzialisch und – besonders peinlich – Nazion schreiben (peinlich vor allem, wenn man es trennt).

Genauso unsinnig: Statt „aufwendig“ sollen wir „aufwändig“ und statt „Schenke“ „Schänke“ schreiben. Der Umlaut „ä“ ist in beiden Fällen unsinnig, da die Wortstämme aufwenden und schenken ein e und kein a enthalten. Logischerweise müssten wir sonst auch notwändig und Geschänk schreiben. Ein Appäll  Appell an die Kultusministerkonferenz wegen solcher Kleinigkeiten wird vermutlich des Erfolgs entbehren.  Aber da die Rechtschreibreform ohnehin nur für Schulen und Behörden verbindlich ist und jeder andere so schreiben darf wie er will, gilt der Aufruf zumindest allen Leserinnen und Lesern dieser Zeilen, sich bei den genannten Wörtern der Logik und nicht des Dudens zu bedienen – sonst fördern wir die Entstehung von Schreib-Waisen …

P.S.: Wer mich ob dieses Artikels für zenkisch hält, hat unrecht: Es muss nämlich „zänkisch“ heißen – hier ist der Umlaut richtig, weil „zänkisch“ von „zanken“ kommt …

P.P.S. Wer sich dieses Artikels zum wiederholten Male erfreut, wird ob einiger Änderungen der Ausdrucksweise nach deren Sinn fragen. Ich habe den Text ein wenig dem Anliegen des Manifests der Freunde des Genitivs angepasst … – guckst Du hier: https://kraftwort.wordpress.com/2009/05/25/manifest-der-freunde-des-genitivs/

Die deutsche Sprache und Kultur kann
des Genitives nicht entraten.
Ja, der Mensch
des Geistes wird
heutigen Tages mehr denn je daran erkannt, dass er sich
eines umfassenden Gebrauchs
des Genitivs befleißigt.
Gewiss: Wir wollen auch dem Dativ jene Ehre geben, die
des Dativs ist.
Doch sei der dritte Fall stets eingedenk
der Grenzen der Grammatik.
Ihrer bedienen wir uns, um ihm zu widerstehen, sofern er sich
des Mordversuchs am Genitiv schuldig machen will.
So rufen wir heute alle Menschen
guten Willens auf, sich
des Tages und des Nachts
des Wes-Falles anzunehmen, sich
der Fülle seiner Anwendungsmöglichkeiten zu erfreuen und sich
der Tatsache zu erinnern, dass unser zweiter Fall als Kasus
der Beziehung sich bewährt, wogegen dem Dativ doch stets Distanz zu eigen ist. So sei nun, wer
des Denkens mächtig ist, auch
des Genitives Freund!
P.S.: Wessen Email-Anschrift auch immer Dir bekannt ist – lass ihn, lass sie auch
dieses Manifests teilhaftig werden!

Gnade und Friede zuvor!
– Ein merkwürdiger Anfang? Aber wie beginnt man einen Blog? (oder heißt es „ein Blog“ als Neutrum?)
Ein Appell auf dem Kasernenhof beginnt mit dem Befehl „Stillgestanden“. Der „Tatort“ beginnt seit Jahrzehnten mit der gleichen Titelmusik, einem laufenden Menschen, Augen, die sich in das Wort „Tatort“ verwandeln, unsere Lateinstunde in der 5. Klasse begann mit dem Aufstehen der Schüler und einem lauten „Salve Magister“ (Sei gegrüßt Lehrer), wenn der Direx reinkam, was dieser mit „Salvete, puellae et pueri“ (Seid gegrüßt Mädchen und Knaben, immerhin schon inklusive Sprache!) beantwortete. Johann Sebastian Bach schrieb über jedes seiner Werke „Soli Deo Gloria“ und die Briefe des Neuen Testaments beginnen in der Regel mit einer Grußformel wie der Meinen – „Gnade sei mit euch und Friede …“
Die ersten Worte eines Briefes, einer Zusammenkunft erwecken einen nahezu unveränderbaren Eindruck, stellen eine Atmosphäre her, in der alle folgende Kommunikation stattfindet.
Worte haben Wirkungen. Sie sind nicht nur Träger einer Information über einen Sachverhalt. Um dieses Thema werden (vermutlich) viele Beiträge in diesem Blog kreisen. Als Pastor (das bin ich wirklich – oder bin ich Pastorin? auf das Thema inklusive Sprache kommen wir sicher nochmal zurück) bin ich ein Mensch des Wortes. Aber es geht hier nicht nur um Theologie. Sondern auch um Kommunikation, um Sprachkultur (Erbarmt euch des Genitivs!), verräterrische Sprachregelungen, Wörter und Unwörter, Meinungsfreiheit und dergleichen.
Worte haben Wirkungen, vielleicht sogar die dieses Blogs, falls ihn (ich bleibe beim Maskulinum „Der Blog“) irgendjemand in den Weiten des virtuellen Raumes tatsächlich entdeckt … Deshalb der Name „Kraftwort“.
Grüßen ist ein erstes Beispiel für die These vom Wirken der Worte. Denn da geht es ganz besonders wenig um Information und besonders viel um Beziehung und ein Hineinwirken in die Beziehung. Wem ich hier ggf. begegne weiß ich noch gar nicht. Aber wer auch immer es ist, ich wünsche ihm, ihr ganz ernsthaft:
„Gnade und Friede zuvor!“
Barnabas, der Blogpastor