Eine tolle Erfindung aus Norwegen – „Slow TV“: Im jüngsten Beispiel wurden alle 899 Lieder des norwegischen Kirchengesangbuchs von Chören aus dem ganzen Land gesungen und live übertragen. Guckst Du hier:
http://www.ardmediathek.de/tv/Weltspiegel/Norwegen-Slow-TV-in-der-Vorweihnachtsze/Das-Erste/Video?documentId=25051272&bcastId=329478

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„Mit solchen Wörtern können Sie den Menschen heute nicht mehr kommen, Herr Pastor. Wer versteht denn noch solche Begriffe wie Schuld, Rechtfertigung oder Gnade?!“ So oder ähnlich höre ich es öfter. Und ich frage mich: Warum ist ein Wort wie „Gnade“ heute kaum noch verständlich? Nur weil es ein altmodisches Wort ist? Oder hat das damit zu tun, dass wir die Erfahrung der Gnade nicht mehr kennen? Dass unsere Welt, vor allem die Arbeitswelt „gnadenlos“ geworden ist?
Ist es nicht immer so? Wir können am meisten mit den Worten anfangen, mit denen wir Erfahrungen verbinden. Vor dreißig Jahrne kannte niemand das Wort „downloaden“ Und auch heute ist es denen eher fremd, die Computer und Internet nicht nutzen. Wer das aber tut, der kennt nicht nur dieses „neudeutsche“ Wort – sondern der tut es auch – Inhalte aus dem Netz auf den eigenen Computer übertragen, sie eben „downloaden“.
Können wir Erfahrungen der Gnade machen? Und so auch das Wort neu verstehen und das Anliegen der Reformation, deren Parole „Allein aus Gnade“ lautet?
Reinhard Mey beschreibt eine Erfahrung der Gnade in einem Lied: Ein Junge hat sein Zeugnis mit den schlechten Noten selbst unterschrieben – mit den Namen seiner Eltern. Der Direktor bestellt die Eltern zu sich, holt das Kind dazu und präsentiert den Eltern die krakelige Unterschrift auf dem Zeugnis. Triumphierend fragt er: „Sollen das etwa Ihre Unterschriften sein?“ Der Junge will im Boden versinken, weil sein Betrug auffliegt und die Eltern von ihm jetzt sicher enttäuscht sind. Er fürchtet die Strafe. Aber zunächst sagt der Vater:“Ja, das ist meine Unterschrift“ und dann bestätigt auch die Mutter, das Zeugnis kenne sie natürlich und natürlich habe sie das unterschrieben. Die Eltern selbst stellen das Vertrauensverhältnis zwischen sich und ihrem Kind wieder her, obwohl das Kind etwas falsch gemacht hat. Sie stehen zu ihrem Kind – nicht nur mit seiner Schwäche, die sich in den schlechten Noten zeigt, sondern auch mit dem, was es falsch gemacht hat, mit seiner Schuld. So wie diese Eltern verhält sich auch Gott zu uns Menschen. Das ist gemeint, wenn Paulus im Römerbrief schreibt: „Wir werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.“ (Kapitel 3, Vers 24). Gott nimmt uns an, sagt Ja zu uns, auch wenn unsere Leistungen nicht ausreichen und er nimmt unsere Schuld auf sich und trägt sie weg. Gott ist gnädig, Gott sei Dank.
Wir brauchen die Erfahrung der Gande heute nötiger denn je. Immer mehr Menschen leiden unter dem „Burn-out-Syndrom“, brechen zusammen unter den Leistungsanforderungen, die andere oder sie selbst an ihr Leben stellen. Wie gut tut es Menschen, wenn sie erfahren: Es gibt jemanden, der Ja zu mir sagt, ohne Bedingungen, der meine Not und meine Angst und mein Versagen – meine schlechten Noten und meine gefälschte Unterschrift –  zu seiner eigenen Sache macht und dem ich deshalb bedingungslos vertrauen kann. Wie gut ist es, wenn Menschen Gott kennen und wissen: Zu ihm darf ich so kommen, wie ich bin. Hier ist ein Ort, an dem ich keine Angst zu haben brauche.
Übrigens: Auch die Gnade Gottes kann man „downloaden“ – sie aus der Bibel übertragen ins eigene Leben. Liedverse, die wir singen oder beten können uns dazu helfen – zum Beispiel dieser (im Evangelischen Gesangbuch Nr. 440, im katholischen Gotteslob Nr. 666:) „All Morgen ist ganz frisch und neu des Herren Gnad und große Treu. Sie hat kein End‘ den langen Tag, drauf jeder sich verlassen mag.“ Wer sich jeden Morgen an die Gnade Gottes erinnern lässt, der hat einen guten Schutz für die Belastungen unserer oft gnadenlosen Zeit – und eine gute Zuflucht, wenn er an seine Grenzen kommt.

Zum „Jahr der Kirchenmusik“ stelle ich jeweils ein „Liederbuch des Monats“ vor – für Juli eines, das auf alle Fälle leicht erhältlich ist, da die zweite Auflage gerade erst vor wenigen Wochen herausgekommen ist.

Als ich zum ersten Mal von dem Projekt gehört habe, ein „Gesangbuch“ für die Gospelszene herauszubringen, war ich skeptisch: Ist der Bereich der neuen Musik in der Kirche nicht viel zu schnelllebig und sind die Arrangements und Variationen der Gospelsongs nicht viel zu vielfältig?

Aber nun gibt es dieses  „Gospelgesangbuch“, auch wenn es letztendlich den Titel „Mein Gospel-Liederbuch“ bekommen hat; es wird in manchen Gospelkirchen (ja, so etwas gibt es schon mehrfach in Deutschland!) tatsächlich als Gemeindegesangbuch benutzt und die zweite Auflage ist gerade herausgekommen. Grund genug, es sich etwas näher anzusehen.

Tatsächlich ist ein breiter Querschnitt von dem enthalten, was in der Gospelszene, in Gospelgottesdiensten und in den Gospelchören derzeit so gesungen wird. Das sind, wenn man es musikstilistisch streng betrachtet, ja längst nicht alles Gospels, selbst wenn man die Spirituals als Vorläufer und Ursprung der Gospelmusik mit unter diesen Begriff fassen will. Deshalb trägt das Buch zu Recht auch den Untertitel „Gospel-, Praise- und Worshipsongs für Gospelchor, Gemeinde und zuhause“  So sind neben den unvermeidlichen  „Oh happy day“, „He’s got the whole world“ und „Amazing grace“ und moderneren Gospels wie Kirk Franklins „My life is in your hands“ auch Anbetungslieder (oft deutschsprachig) wie „Etwas in mir“, „Bist zu uns wie ein Vater“ oder „Mercy is falling / Herr deine Gnade“ enthalten, außerdem african songs wie „Masithi“ oder „Nkosi sikhelele Africa“. Der Trend, auch Gospels bisweilen auf deutsch zu singen, ist an etlichen Stellen berücksichtigt – so ist Andrae Crouchs Klassiker „Jesus is the answer“ auch mit deutschem Text vertreten und Helmut Jost und Ruthild Wilson haben viele ihrer Lieder (wie das bekannte „May the Lord send angels“) inzwischen auch mit deutschen Texten versehen. Das ist m.E: auch gut gelungen (englische Lieder deutsch zu textieren hat ja immer mit dem Problem zu kämpfen, dass das Deustche meistens mehr Silben für den gleichen Satz benötigt. Eine möglichst wörtliche Übersetzung ist meistens unsingbar)

Für die Verwendung im Gottesdienst ist erfreulich, dass viele Lieder zu den liturgischen Stücken passen oder sogar ausdrücklich liturgische Stücke vertonen – hier sind vor allem die Kompositionen von Marc Nelson, Joachim Dierks und Christine Hamburger aus der Gospelkirche Hannover zu nennen oder die Stücke von Reinhard Pikora, aber auch Lieder wie das Spiritual „If we ever need the Lord before“ (zum Glaubensbekenntnis) oder „Holy is the lamb“ als „Agnus Dei“ (Christe du Lamm Gottes). Auch aus der Gospelmnesse von Helmut Jost / Ruthild Wilson sind eine ganze Reihe Lieder enthalten (wegen der alphabetischen Anordnung der Lieder übers Buch verteilt).

Schade, dass es nur die alphabetische Anordnung der Lieder und ein alphabetisches Inhaltsverzeichnis gibt, aber kein Verzeichnis zum Beispiel nach liturgischer Verwendung, nach  thematischen Stichworten und Bibelstellen oder auch nach den Autoren. Das könnte man in der dritten Auflage (die vermutlich auch nur eine Frage der Zeit sein wird) vielleicht noch verbessern.

Und wenn wir damit dann auch bei den kritischen Anmerkungen angekommen sind: Wenn Deutsche englische Texte schreiben, gibt es nach meinem Eindruck ein paar Fallen, in die auch die im Gospelliederbuch vertretenen Autoren bisweilen hineingetappt sind. So sprechen Deutsche das englische Wörtchen „Our“ oft „Auer“ aus, machen daraus also zwei Silben. Für native speakers hat es aber nur eine. In mehreren Liedern ist spürbar, dass die Autoren das so „deutsch“ empfunden haben (Bei „Ou- r Father“ steht das r sogar unter einem eigenen Ton – wobei hier nicht völlig auszuschließen ist, dass es bei diesem african song in Namibia tatsächlich so ähnlich klingt – afrikanisches Englisch unterscheidet sich vom Original ja bisweilen). Ähnliches ist auch beim Umgang mit dem Wort „Power“ zu beobachten.

Bei der  Liedauswahl gibt es für mich nur ein einziges Defizit – das ist aber inhaltlich m.E. gravierend: Es ist kein einziges „Passionslied“ enthalten. Das ist vermutlich weniger den Herausgebern vorzuwerfen, denn als Anfrage an die Gospelbewegung insgesamt und an die kirchlich-theologische Zeitsituation zu sehen. Allerdings hätte man m.E. schon das Spiritual „Were you there“ aufnehmen können oder auch Peter Strauchs „Jesus Christus starb für mich“ Und dass es bei den neueren Gospelmusikern überhaupt keine Berücksictigung des Kreuzes Jesu gibt, stimmt so auch nicht; Tore W. Aas, der ja ohnehin mit einigen Liedern vertreten ist, hat z.B. „On the cross of Calvary“ sowie „He loves me“ (mit der Textzeile „Jesus died for me“) – diese beide Lieder hätte man mit aufehmen können, um diese Lücke ebenfalls ein wenig zu füllen.

Bisweilen wird kritisiert, es sei nicht erkennbar, nach welchen Kriterien Lieder mit oder ohne Chorsatz also mehrstimmig oder einstimmig abgedruckt sind:  man hätte doch eine durchgängige Mehrstimmigkeit vorsehen können  –  z.B. im contemporary-gospel-typischen dreistimmigen Satz, den man gut auch in einem Notensystem notieren kann, so dass das Buch nicht dicker geworden wäre. Diese Kritik kann ich zwar nachvollziehen, finde sie aber nicht sehr gravierend. Die Arbeit des „Arrangements“ bleibt der Band oder dem Kirchenmusiker / Pianisten gerade für die Verwendung für den Gemeindegesang ohnehin nicht erspart.

Insgesamt also ist das Buch eine lohnende Anschaffung sowohl für Chöre als auch für Gemeinden. Zum Schluss deshalb die bibliographischen Angaben:

Mein Gospelliederbuch hg. von Martin Barthelworth Gütersloher Verlagshaus 2. Auflage 2012

P.S.: Nachtrag 2014: Die ideale Ergänzung zum Gospelliederbuch für alle, die mit Gospels Gemeindearbeit machen wollen (und die zB auch die fehlenden Passionslieder ergänzen wollen) ist das Buch „GOSPELIMPULS“, zu dem es inzwische sogar ein eigenes Blog gibt – guckst Du hier: http://gospelimpuls.wordpress.com.
Hier in diesem Blog ist es vorgestellt unter
https://kraftwort.wordpress.com/2012/12/02/liederbuch-des-monats-gospelimpuls/

Das muss man gesehen – und vor allem gehört haben!