Halloween – vor einigen Jahren erschien es mir einfach als ein Stück „Amerikanisierung“ unseres Lebensstils: mir persönlich zwar fremd und nicht unbedingt sympathisch, aber auch nicht bedenklich: wer wollte Kindern den Spaß am Verkleiden oder an Süßigkeiten verderben? Und dass aus Kürbissen Laternen gebastelt wurden, das gab es zum Beispiel hier im Odenwald auch früher schon (die „Riwwel-Bouze“ wurden allerdings auf Stöcke gesteckt und für Umzüge verwendet).
Inzwischen hat sich jedoch gezeigt: Halloween senkt häufig die Hemmschwelle für Gewaltakte. Bei manchen Kindern werden Ängste geschürt und geweckt, macht dieser Tag doch auch empfänglich für Okkultismus und Geisterglaube, selbst wenn die meisten den gedanklichen Hintergrund einer „Öffnung der Totenwelt“ gar nicht ernst nehmen. Zudem wird der Tag von verschiedenen Seiten ideologisch aufgeladen. Sehen die einen hier einen bedenklichen Rückfall ins finstere Heidentum, feiern andere gerade das als Rückgriff auf eine vermeintlich „ursprünglichere“ Religiosität.
Der entscheidende Punkt ist für mich jedoch dieser: Der November war und ist in allen Kulturen auf der nördlichen Halbkugel ein Monat, der die Vergänglichkeit unmittelbar vor Augen führt – Blumen welken, das Laub fällt, die Dunkelheit nimmt zu … – So wird der Mensch von der Natur zum Nachdenken über das Sterben angeleitet. Deshalb hat das Totengedenken – in welcher Form auch immer – hier seinen Platz. Natürlich begegnen Menschen immer auch ihren eigenen Ängsten, wenn sie das Thema Tod und Sterben nicht verdrängen, sondern ihm Raum geben. Die Frage ist jedoch, wie Menschen mit ihrer Angst in der Auseinandersetzung mit dem Tod umgehen. Die Halloween-Ideologie sagt: Wenn Dir die Totengeister Angst machen, dann erschrecke sie! Menschen lernen also, man könne die eigene Angst besiegen, indem man selber anderen Angst einflößt: das ist fatal, das vermehrt die Ängste, nicht nur beim anderen sondern auch bei demjenigen selbst, der diesen Weg zu gehen versucht. Dieses Denken und Verhalten sollten wir unseren Kindern nicht nahebringen, auch nicht in spaßiger Verpackung. Die De-Sensibilisierung gegenüber Okkultismus und Gewalt ist es, die weder den Kindern selbst noch der Gesellschaft insgesamt gut tun kann.
Wie können wir aber Kinder davon abhalten, dass sie am 31.10. „hallowinseln“ gehen? Ohne ihnen den Spaß zu verderben?
Zunächst einmal sind natürlich auch die Geschäftsinhaber gefragt: In früheren Jahren haben sie Kinder geradezu dazu aufgefordert, mit der nicht immer nur scherzhaft verstandenen Drohung „Gebt uns Süßes, sonst gibt’s Saures“ durch die Läden und die Straßen zu ziehen. Solche Aktionen, die sich teilweise bereits als Schuss nach hinten erwiesen haben, sollten natürlich auf alle Fälle unterbleiben.
Und was machen wir mit Kindern an der Haustür?
Ein konkreter Vorschlag: Wir können Kinder einladen, am Martinstag (11. November) singend wiederzukommen und ihnen für diesen Tag die erwünschten Süßigkeiten zu versprechen – evtl. mit einer ganz kleinen Süßigkeit als „Vorschuss“ für die, die wissen, was am 31.10. tatsächlich gefeiert wird – der Reformationstag nämlich. Da dies gleichzeitig der Vorabend zum katholischen Feiertag „Allerheiligen“ ist, kann man sie auch nach diesem Feiertag fragen und schon mal vom Heiligen Martin erzählen …
Es gibt in unseren Dörfern ja teilweise noch die Tradition des Martinssingens. Sie ist eine sinnvolle Alternative zum Hallowinseln; denn was die Kinder dort „nebenbei“ mitlernen, ist besser für sie: Das November-Wissen um unsere Vergänglichkeit kann uns – anstatt zum Angst verbreiten – auch zur Nächstenliebe anspornen, die Martin von Tours vorgelebt hat und zu der uns auch sein Namensvetter Martin Luther auffordert – der hat am 11. November seinen Tauftag.

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„In dieser Welt habt ihr Angst“, hat Christus gesagt, „seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Ich spüre, sehe und höre, merke so wenig davon, dass die Christen die Welt überwunden, von der Angst befreit hätten, von der Angst im Wirtschaftsdschungel, wo die Bestien lauern, von der Angst der Juden, der Angst der Neger, der Angst der Kinder, der Kranken. Eine christliche Welt müsste eine Welt ohne Angst sein, und unsere Welt ist nicht christlich, solange die Angst nicht geringer wird, sondern wächst, nicht die Angst vor dem Tode, sondern die Angst vor dem Leben und den Menschen, vor den Mächten und Umständen, Angst vor dem Hunger und der Folter, Angst vor dem Krieg …

Ich überlasse es jedem einzelnen sich den Alptraum einer heidnischen Welt vorzustellen oder eine Welt, in der Gottlosigkeit konsequent praktiziert würde: den Menschen in die Hände des Menschen fallen zu lassen.

Nirgendwo im Evangelium finde ich eine Rechtfertigung für Unterdrückung, Mord, Gewalt.

Ein Christ, der sich ihrer schuldig macht, ist schuldig.

Unter Christen ist Barmherzigkeit wenigstens möglich, hin und wieder gibt es sie: Christen, und wo einer auftritt, gerät die Welt in Staunen. 800 Millionen Menschen auf dieser Welt haben die Möglichkeit, die Welt in Erstaunen zu setzen. Vielleicht machen einige von dieser Möglichkeit Gebrauch.

Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten heidnischen vorziehen, weil es in einer christlichen Welt Raum gibt für die, denen keine heidnische Welt je Raum gab: für Krüppel und Kranke, Alte und Schwache, und mehr noch als Raum gab es für sie: Liebe für die die der heidnischen wie der gottlosen Welt nutzlos erschienen und erscheinen…

Ich glaube an Christus, und ich glaube, dass 800 Millionen Christen auf dieser Erde das Antlitz dieser Erde verändern können. Und ich empfehle es der Nachdenklichkeit und Vorstellungskraft der Zeitgenossen, sich eine Welt vorzustellen, auf der es Christus nicht gegeben hätte. Ich glaube, dass eine Welt ohne Christus selbst die Atheisten zu Adventisten machen würde.

aus: H. Böll, Eine Welt ohne Christus, in: K. Deschner (Hrsg.) Was halten Sie vom Christentum?
P.S.: Wer das Thema noch etwas allgemeiner angehen will, dem / der sei folgender Beitrag empfohlen: