Für jemanden, der – wie ich – einen „lutherisch rezipierten Karl Barth“ als neuzeitlichen Kirchenvater betrachtet, ist Adolf von Harnack, der Star des von Barth überwundenen Kulturprotestantismus normalerweise kein Vorbild. Aber als ich dieses Zitat gefunden habe, konnte ich ihm meine Anerklennung nicht versagen:

„In der Meinung, es recht gut zu machen preist sie [die Apologetik] die Religion an, als wäre sie eine Ramschware oder ein Universalheilmittel für alle Gebrechen der Gesellschaft. Auch greift sie immer wieder nach allerlei Tand, um die Religion aufzuputzen, und während sie sich bemüht, sie als etwas Herrliches und Notwendiges darzustellen, bringt sie sie um ihre Ernst und beweist im besten Falle nur, daß sie etwas ganz Annehmbares, weil Unschädliches sei.“ (Adolf von Harnack, Das Wesen des Christentums, 1929, S, 5)

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Im vergangenen Jahr habe ich hier das „125-Jahre-Karl-Barth-und-Coca-Cola-Jahr“ begangen. In diesem Jahr ist – nicht nur bei mir, sondern in der ganzen EKD – „Jahr der Kirchenmusik“. Ein paar Beiträge gab es auf meinem Blog dazu bereits (https://kraftwort.wordpress.com/2012/05/25/1032/ und https://kraftwort.wordpress.com/2012/04/03/der-teufel-liebt-das-lachen-nicht-liederheftempfehlung/) . Für die verbleibenden Monate habe ich mir vorgenommen, jeweils ein eher unbekanntes, aber lohnendes Liederbuch zum „Liederbuch des Monats“ zu küren und vorzustellen.

Thuma mina – Internationales ökumenisches Liederbuch

„Komm, Herr segne uns“ ist in zehn Sprachen enthalten, das südafrikanische, inzwischen auf der ganzen Welt verbreitete südafrikanische  „Siyahamba“ immerhin neben Zulu auch in deutsch, englisch und spanisch. Das bekannte „Aller Augen warten auf dich Herre“ von Heinrich Schütz findet man im vierstimmigen Originalsatz auch mit englischem Text. Es gibt Lieder aus 70 (in Worten: siebzig!) Ländern, von Ruanda (z.B. Nyiagasani- deutscher Text: Barmherziger Gott erbarme dich) bis Schweden (Guds kärlek är som stranden och som gräset, deutsch: Herr deine Liebe …), von Benin (Jesu Kristi na so go na = Jesus Christus wird kommen) bis El Salvador(Santo, santo es nuestro = Heilig, heilig unser Gott), alle mit Text in der Originalsprache und in deutsch, oft auch in englisch und weiteren Sprachen, viele mehrstimmig. Chorusse aus Iona (dem keltischen Taize) werden zugänglich gemacht und traditionelle Kanons aus Deutschland mit internationelen Texten versehen: Eine Fundgrube nicht nur für Gospel- und sonstige Chöre, sondern auch für das Singen in internationalen Begegnungen. Zusammengestellt wurde es unter Leitung des leider schon verstorbenen Frankfurter Propstes Dieter Trautwein (der ja auch den Originaltext von „Komm, Herr segne uns“ verfasst hat), herausgegeben wurde es von der Basler Mission und dem Evangelischen Missionswerk in Deutschland (Hamburg). Mein Exemplar vermerkt leider keine Jahreszahl für das Erscheinungsdatum es ist aber schon ein bisschen älter und ich weiß nicht, ob man es noch bekommt. Es lohnt sich aber in jedem Fall. Die ISBN lautet: 3-921946-17-4(Strube-Verlag)

„Jahresendflügelfiguren“ hießen sie in der DDR, die Weihnachtsengel, die man einfach nicht los wurde … Jetzt begegnet man ihnen wieder und natürlich haben sie ihren Platz in der Weihnachtsgeschichte. Doch gerade heute scheinen Engel nicht nur als Figuren, sondern auch als Glaubens- und Meditationsgegenstand (und Verehrungsgegenstand?) Hochkonjunktur zu haben. Da ist Karl Barths Hinweis sicher nicht verkehrt, dass sie nur Anzeiger sind für das „Eigentliche“, für das was Gott selbst tut.

Karl Barth schreibt also in unserem letzten Zitatbeitrag zum Jubiläumsjahr „125 Jahre Karl Barth und Coca Cola“ über die Engel in den ersten Kapiteln des Lukasevangeliums und besonders in der Weihnachtsgeschichte:

KD I,3 § 51 (S. 592f)

„Die Anweisung, in der der Engel die Hirten von sich selbst weg zu dem Kind in der Krippe schickt, ist der entscheidende Dienst, den er als Engel leisten darf und muss. … (Am) Ereignis selbst und als solchem haben die Engel keinen Anteil. Sie können es nicht vorwegnehmen, sie können nur  anzeigen, dass es von Gott her geschehen wird. Sie sind unsichtbar und unhörbar indem es geschieht. Und sie können auch, nachdem es geschehen ist, nur von sich selbst wegweisen auf Gott selbst und seine vollbrachte Tat: Sie fahren wieder gen Himmel … Sie haben vorher und nachher gerade nur als Anzeiger gedient. Sie haben als solche auch keine Berufungen vollzogen… Sie haben es auch nicht geschafft, dass die Hirten sich auf den Weg nach Bethlehem machten, sondern es heißt mit merkwürdiger Ausdrücklichkeit,  daß die Hirten untereinander übereinkamen, daß sie das tun wollten … Die Engel wollen beachtet, aber auf keinen Fall sytematisch in den Vordergrund des Interesses geschoben sein.“

Im November erwartet uns das Ende des Kirchenjahres mit Totengedenken und Sonntagen, die an die „letzten Dinge“ – Sterben, Auferstehung, Gericht, Wiederkunft Christis erinnern. Zum November des Jubiläumsjahres „125 Jahre Karl Barth und Coca Cola“ soll es deshalb auch  ein Zitat zu den „letzten Dingen“, zur christlichen Hoffnung sein. Im § 73 der Kirchlichen Dogmatik spricht Karl Barth davon, dass „die große konstantinische Illusion“ in Auflösung begriffen sei – die Erwartung also, innerhalb der Menschheitsgeschichte alle Menschen durch Mission (oder, im schlimmeren Falle durch Zwang und weltliche Herrschaft) zu Christen zu machen. Damit wird die christliche Hoffnung einerseits angefochten und in Frage gestellt, andererseits aber auch um so wichtiger. Barth schreibt:

Was ist und bedeutet des Christen Hoffnung, der sich … der übrigen Menschheit gegenüber in eine verschwindende – muß man nicht sagen: hoffnungslose? – Minderheit versetzt findet? … Was sollen und wollen denn die paar christlichen Leutlein, was soll und will denn das Häuflein der christlichen Gemeinde da und dort mit seinem Zeugnis von Jesus Christus? Was … erwarten diese Menschen damit auf dem großen Jahrmarkt … auszurichten?
Was sollen wir übrigens von den Unzähligen halten, die ante oder  post   Christum  natum   gar keine Gelegenheit hatten, dieses Zeugnis zu hören? Es hieße offenbar den Kopf in den Sand stecken, wenn der Christ .. durch das alles nicht angefochten … würde. … Es ist ihm aber erlaubt und geboten … unverzagt zu  hoffen, d.h. … unbedingt damit zu rechnen, daß derselbe Heilige Geist, der unbegreiflicherweise mächtig genug war sein, des Christen eigenes finsteres Herz zu erleuchten, mit jenen anderen samt und sonders eines Tages vielleicht noch geringere Mühe als mit ihm haben möchte. Und weiter: unbedingt und nun entscheidend damit zu rechnen, daß der Tag des Kommens Christi … ganz bestimmt der Tag sein wird, da – nicht er, der Christ, aber der, den er als Christ erwartet, auch alle die anderen zu erreichen wissen wird, daß sie, die Toten und die Lebenden, die ante und die post Christum natum kamen und gingen – was das dann auch für sie bedeuten möge – seine Stimme hören werden.

(KD IV,3 S. 1053f. . § 73 Der heilige Geist und die christliche Hoffnung)

Nun zitiere ich (als Lutheraner) schon das ganze Jahr Karl Barth – da ist es an der Zeit, wenigstens auf eine gute Sammlung von Lutherzitaten hinzuweisen. Guckst Du hier:

http://www.sprengel-ostfriesland.de/luthers-wochensprueche/

Karl Barth über das „Geschriebene Wort Gottes“
(KD I,1 S. 110 und 111 – § 4 Das Wort Gottes in seiner dreifachen Gestalt)

Immer noch ist das „Jubiläumsjahr 125 Jahre Karl Barth und Coca Cola“, und deshalb gibt es auch in diesem Monat ein paar Gedanken von Barth zum Nach-denken. Ausgesucht habe ich diesen Abschnitt, weil der Oktober der Monat ist, der auf das Reformationsfest zuläuft. Zugegeben: Barths langer und komplizierter Satzbau ist hier besonders stark ausgeprägt. Langsam und laut lesen hilft!

Warum muss die Erinnerung der Kirche an Gottes geschehene Offenbarung immer wieder gerade die Bibel zum konkreten Gegenstand haben? … Die Bibel macht sich selbst zum Kanon. Die Bibel ist Kanon, weil sie sich als solcher der Kirche imponiert hat und immer wieder imponiert. … Wir müssen hier schon im Voraus auf den Inhalt der Heiligen Schrift verweisen. Das prophetisch-apostolische Wort  ist Wort, Zeugnis, Verkündigung und Predigt von  Jesus  Christus … Kraft dieses Inhalts imponiert sich die Schrift. …
Das große geschichtliche Paradigma für diese Entdeckung des in der Bibel kraft ihres Inhalts der Kirche gegebenen Kanons  ist die Anfangszeit der Reformation. Was sich in Wittenberg und Zürich in den zwanziger, in Genf in den dreißiger Jahren des 16. Jahrhunderts abgespielt hat, ist wie ein Bilderbuch zu dem eben Ausgeführten: Die Kirche sieht wieder, daß sie Christus mit seinen Gaben nicht in sich selbst hat, sondern von seinem, von außen zu ihr kommenden Wort gefunden werden muß. Sie sieht dies aber darum, weil sein Wort und eben in seinem Wort er selber sie schon gefunden hat, weil sie schon nicht mehr allein gelassen ist, weil Christus als ihr Gegenspieler und Widerpart eben im biblischen Wort bereits richtend und tröstend auf den Plan getreten ist. D.h. aber konkret: weil das Alte und das Neue Testament bereits zu ihr gesprochen, sich ihr bereits als „Kanon der Wahrheit“ aufgedrängt hat.

Der äußerst lange § 55 der KD ist ein besonders spannender Paragraph. Karl Barth übernimmt eine zentrale Formulierung von Albert Schweitzer – die „Ehrfurcht vor dem Leben“. Er tut das, obwohl er sich gleichzeitig fundamental gegen ihn abgrenzt. Dass für Schweizer das Leben „trotz Schiller der Güter höchstes“ und so Kriterium aller Tugend ist, lehnt er vehement ab. (S. 366) Er zitiert Schweitzers Satz „Gut ist, Leben erhalten und fördern, böse ist, Leben vernichten und Leben hindern“ um sich gleich anschließend zu den Satz zu versteigen: „Es ist selbstverständlich, dass eine theologische Ethik das nicht mitmachen kann.“  (Warum eigentlich nicht?) (S. 367)
Spannend ist nun, dass in den Konsequenzen, die Barth aus dem – für ihn an der Stelle des Lebens stehenden – Gebot Gottes zieht, wieder ganz bei der Zentralität des Lebens landet und bei der Förderung und dem Schutz der Kräfte, dieses Leben zu entfalten, so dass er ausführlich Hygiene, Sport, Medizin, Psychosomatik und Prophylaxe würdigt. Am Schluss führt er dies aus der individuellen Engführung heraus und sagt:
Die Grundfrage nach der Kraft zum Menschsein und auch der Wille zu dieser Kraft und also der eigentlichen Gesundheit … ist eine nicht nur einzeln, sondern immer auch gemeinsam zu stellende und zu beantwortende, eine soziale Frage. Hygiene, Sport und Medizin kommen ja zu spät, können ja nur noch die Rolle von … ohnmächtigen Palliativmitteln spielen, wenn die allgemeinen Lebensbedingungen: der Arbeitslohn und damit der Lebensstandard, die Arbeitszeit und ihre notwendigen Unterbrechungen, wenn vor allem die Wohnungsverhältnisse der Menschen so geordnet oder vielmehr ungeordnet sind, dass sie die Krankheit und also die äußere Beeinträchtigung des Willens zum Leben und zur Gesundheit … fördern, vielleicht geradezu hervorrufen müssen.  Ehrfurcht vor dem Leben … schließt also notwendig auch die Verantwortlichkeit für den Stand der allgemeinen Lebensbedingungen in sich – und das für diejenigen am meisten, für die diese persönlich kein Problem bedeuten, weil sie … von ihrem Einkommen und ihrer Ernährung, ihrer Arbeitszeit und Arbeitsruhe, ihren äußeren Lebensraum her die Möglichkeit haben, gesund zu sein und zum Schutz und zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit einigermaßen wirksame Maßnahmen zu ergreifen. Der Wille zur Gesundheit … muss also auch die Gestalt des Willens zur Besserung … vielleicht zur radikalen Umgestaltung der allgemeinen Lebensbedingungen Aller annehmen.  Wo die Einen krank werden müssen, da können auch die Anderen nicht guten Gewissens gesund sein wollen. Sie werden es, wenn sie es unbekümmert um den kranken … Nachbarn sein wollen auch nicht einmal können. … Gerade im Kampf gegen die Krankheit wird nicht Absonderung, sondern nur Gemeinschaft das letzte menschliche Wort sein können.

(Kirchliche Dogmatik  III,4 S. 413  Auszug aus  § 55 „Freiheit zum Leben – 1. Die Ehrfurcht vor dem Leben“)

P.S.  Gerade an dieser Stelle könnte der schon mehrfach hergstellte Zusammenhang zu Coca-Cola, das wie Karl Barth in diesem Jahr 125 Jahre alt wird noch einmal aufgegriffen werden. Vermutlich ist der Genuss von Karl Barth (ja, seine Sprache kann man genießen, selbst wenn man – wie ich in der Wertung von Alberst Schweitzer – mit ihm nicht immer d’accord geht) der Gesundheit zuträglicher als der von Coca Cola, obwohl es vor 125 Jahren bei seinem Erstverkauf als Medizin über die Ladentheke einer Apotheke wanderte