„Mit solchen Wörtern können Sie den Menschen heute nicht mehr kommen, Herr Pastor. Wer versteht denn noch solche Begriffe wie Schuld, Rechtfertigung oder Gnade?!“ So oder ähnlich höre ich es öfter. Und ich frage mich: Warum ist ein Wort wie „Gnade“ heute kaum noch verständlich? Nur weil es ein altmodisches Wort ist? Oder hat das damit zu tun, dass wir die Erfahrung der Gnade nicht mehr kennen? Dass unsere Welt, vor allem die Arbeitswelt „gnadenlos“ geworden ist?
Ist es nicht immer so? Wir können am meisten mit den Worten anfangen, mit denen wir Erfahrungen verbinden. Vor dreißig Jahrne kannte niemand das Wort „downloaden“ Und auch heute ist es denen eher fremd, die Computer und Internet nicht nutzen. Wer das aber tut, der kennt nicht nur dieses „neudeutsche“ Wort – sondern der tut es auch – Inhalte aus dem Netz auf den eigenen Computer übertragen, sie eben „downloaden“.
Können wir Erfahrungen der Gnade machen? Und so auch das Wort neu verstehen und das Anliegen der Reformation, deren Parole „Allein aus Gnade“ lautet?
Reinhard Mey beschreibt eine Erfahrung der Gnade in einem Lied: Ein Junge hat sein Zeugnis mit den schlechten Noten selbst unterschrieben – mit den Namen seiner Eltern. Der Direktor bestellt die Eltern zu sich, holt das Kind dazu und präsentiert den Eltern die krakelige Unterschrift auf dem Zeugnis. Triumphierend fragt er: „Sollen das etwa Ihre Unterschriften sein?“ Der Junge will im Boden versinken, weil sein Betrug auffliegt und die Eltern von ihm jetzt sicher enttäuscht sind. Er fürchtet die Strafe. Aber zunächst sagt der Vater:“Ja, das ist meine Unterschrift“ und dann bestätigt auch die Mutter, das Zeugnis kenne sie natürlich und natürlich habe sie das unterschrieben. Die Eltern selbst stellen das Vertrauensverhältnis zwischen sich und ihrem Kind wieder her, obwohl das Kind etwas falsch gemacht hat. Sie stehen zu ihrem Kind – nicht nur mit seiner Schwäche, die sich in den schlechten Noten zeigt, sondern auch mit dem, was es falsch gemacht hat, mit seiner Schuld. So wie diese Eltern verhält sich auch Gott zu uns Menschen. Das ist gemeint, wenn Paulus im Römerbrief schreibt: „Wir werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.“ (Kapitel 3, Vers 24). Gott nimmt uns an, sagt Ja zu uns, auch wenn unsere Leistungen nicht ausreichen und er nimmt unsere Schuld auf sich und trägt sie weg. Gott ist gnädig, Gott sei Dank.
Wir brauchen die Erfahrung der Gande heute nötiger denn je. Immer mehr Menschen leiden unter dem „Burn-out-Syndrom“, brechen zusammen unter den Leistungsanforderungen, die andere oder sie selbst an ihr Leben stellen. Wie gut tut es Menschen, wenn sie erfahren: Es gibt jemanden, der Ja zu mir sagt, ohne Bedingungen, der meine Not und meine Angst und mein Versagen – meine schlechten Noten und meine gefälschte Unterschrift –  zu seiner eigenen Sache macht und dem ich deshalb bedingungslos vertrauen kann. Wie gut ist es, wenn Menschen Gott kennen und wissen: Zu ihm darf ich so kommen, wie ich bin. Hier ist ein Ort, an dem ich keine Angst zu haben brauche.
Übrigens: Auch die Gnade Gottes kann man „downloaden“ – sie aus der Bibel übertragen ins eigene Leben. Liedverse, die wir singen oder beten können uns dazu helfen – zum Beispiel dieser (im Evangelischen Gesangbuch Nr. 440, im katholischen Gotteslob Nr. 666:) „All Morgen ist ganz frisch und neu des Herren Gnad und große Treu. Sie hat kein End‘ den langen Tag, drauf jeder sich verlassen mag.“ Wer sich jeden Morgen an die Gnade Gottes erinnern lässt, der hat einen guten Schutz für die Belastungen unserer oft gnadenlosen Zeit – und eine gute Zuflucht, wenn er an seine Grenzen kommt.

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Ich bin gespannt, wann die Gemeinden in diesem Jahr Erntedankfest feiern.

In der evangelischen Kirche – die im Kirchenjahr inzwischen immer etwas traditioneller ist als die katholische – gilt noch der Grundsatz, dass das Erntedankfest am Sonntag nach Michaelis gefeiert wird. Der Michaelistag – genauer: „Tag des Erzengels Michael und aller Engel“ – ist der 29. September. Also fällt das Erntedankfest in diesem Jahr – wie schon 2007 – auf den 30. September. Leider haben in diesem Jahr (auf Grund einer wohl etwas unausgereiften Diskussion in irgeneinem Liturgiegremium) ausgerechnet die meisten kirchlichen Kalender das Erntedankfest auf den 7. Oktober terminiert, während viele „weltliche“  Kalender sich der kirchlichen Tradition besser erinnern konnten und den 30.9. vermerken.

Wir haben uns im Kirchenvorstand für die Tradition und damit für den 30.9. entschieden; aber in manchen Nachbargemeinden ist es anscheinend anders. Ich bin gespannt, wie es sich ingesamt entwickelt.

Ach ja: die innerkirchliche Begründung für den Termin-Schwenk ist übrigens ein bisschen schräg: Angeblich sollen die Gemeinden am 30.9. das Michaelisfest, das eigentlich am Samstag zu feiern wäre, nachholen und an diesem Tag also die Engel feiern und dann wäre ja der „Sonntag nach Michaelis“ der 7. Oktober. Darauf bin ich besonders gespannt, ob tatsächlich überall dort, wo man das Erntedankfest auf den 7.10. verschiebt, wirklich eine Woche vorher Michaelis begangen wird …

Karl Barth war Mozart-Fan. Zu Karl Barths heutigem 125. Geburtstag deshalb ein paar Sätze von ihm, in denen er diese Mozart-Bewunderung theologisch begründet – fast könnte man diese Worte als  Barths „Heiligsprechung“ von Wolfgang Amadeus Mozart bezeichnen … :

„Warum kann man dafür halten, dass Wolfgang Amadeus Mozart in die Theologie (speziell in die Lehre von der Schöpfung und dann wieder in die Eschatologie) gehört, obwohl er kein Kirchenvater, … nicht einmal ein besonders beflissener Christ – und überdies auch noch katholisch! – gewesen ist …? Man kann darum dafür halten, weil er … hinsichtlich der in ihrer Totalität guten Schöpfung etwas gewusst hat, was die wirklichen Kirchenväter samt unserer Reformatoren so nicht gewusst oder auszusprechen gewusst haben. Er war in dieser Sache reinen Herzens, haushoch über den Optimisten wie den Pessimisten. 1756 – 1791! Es war die Zeit, in der man den lieben Gott wegen des Erdbebens in Lissabon in Anklagezustand versetzte und in der die Theologen und andere brave Leute ihn deswegen mühsam genug zu verteidigen hatten. Mozart aber hatte hinsichtlich des Theodizeeproblems den Frieden Gottes, der höher ist als alle lobende, tadelnde, kritische oder spekulative Vernunft. Es lag kampflos hinter ihm. Er hatte eben das gehört und lässt den, der Ohren hat zu hören, bis auf diesen Tag eben das hören, was wir am Ende der Tage einmal sehen werden: die Schickung im Zusammenhang. Er hat von diesem Ende her den Einklang der Schöpfung gehört, zu der auch das Dunkel gehört, in der aber auch das Dunkel keine Finsternis ist. … – das Leben, das das Sterben nicht fürchtet, aber sehr wohl kennt.“

KD III / 3 S. 337f.