Kirchliche Tagung. Irgendjemand sagt den Satz: „Wir sollten uns nicht mit uns selbst beschäftigen“. Mit diesem Satz kann man immer punkten, denn er beweist seine Wahrheit und Notwendigkeit allein schon durch die Tatsache, dass er ausgesprochen wird – denn er ist ja selber eine „Selbstbeschäftigung“ …

(das ist so ähnlich wie der inhaltsleere Politikersatz: „Wir sollten uns auf die Inhalte konzentrieren“)

„Allerseelen-Ruhe“, „Mucksmeischenstill“, „Früh-linge“, „Das Trenn- ende“ … – das sind nur einige der Wortschöpfungen in den Gedichten von Jürgen Trumann in seinem zweiten Buch „Schräger Einfall bringt ins Lot“, auf das ich vor einiger Zeit schon einmal kurz hingewiesen habe. Wie schon in seinem ersten Gedichtband „Zurück zu den Wortzeln“ (guckst du hier: https://kraftwort.wordpress.com/2010/09/03/ein-fall-von-ei-versucht-ein-gedicht-als-buchempfehlung/) spannt sich der Bogen auch in seinem neuen Band von Erfahrungen in und mit der Natur und Erlebnissen in Cafes und Kneipen über Begegnungen mit lächelnden und anderen Zeitgenossen bis hin zu Gedanken über Gott, Glauben und Kirche, immer anregend zum Weiterdenken, oft überraschend in seinen Wortschöpfungen und Sprachspielen und meistens humorvoll. Vorgemerkt zum Zitieren in meiner nächsten Neujahrspredigt ist jedenfalls schon „Neuland“ … Gefallen hat mir auch der unaufgeregte und doch deutliche Schluss in einem Gedicht gegen alltägliche rechte Ressentiments: „Kanake heißt einfach Mensch auf Hawai. / Das bist ja auch du. Ist nichts Schlechtes dabei.“

P.S.: Bei dem im Titel genannten „Schrägen Einfall“ handelt es sich übrigens um den schrägen Einfall des Sonnenlichts durchs Fenster …  (im Gedicht „Kuss der Sonne“)

Es ist kurz nach der Wende. Eine junge Familie aus der gerade noch existierenden DDR besucht zum ersten mal ihre Verwandten im Westen. Beim Dorfrundgang treffen sie mich, den Dorfpfarrer und fragen mich, ob sie einmal in die Kirche schauen können. Ich gehe mit ihnen hinein. Der Junge ist fünf oder sechs Jahre alt und schaut sich neugierig um. „Er ist noch nie in einer Kirche gewesen“ sagen mir die Eltern.

Er schaut auf das Altarbild. Jesus am Kreuz hat einen großen goldenen Heiligenschein. Der Junge zeigt darauf und sagt: „Oh, da ist ja ein König“
Er will wissen, wer das ist und ich erzähle ihm etwas von Jesus.
Jetzt erst bemerkt er, dass Jesus Nägel in den  Händen und Füßen hat. Und er sagt: „Ih, die haben ihm wehgetan!“
Er möchte wissen, wie das kam und ich erzähle ihm etwas von Jesu Passion.
Er staunt und sagt: „Und er hat sich überhaupt nicht gewehrt?“
Ich bestätige ihm das und er meint: „Dann muss er die Menschen ja liebgehabt haben!“
(aus: Wolfgang M. Richter Gospelimpuls Gütersloher Verlagshaus – siehe http://www.randomhouse.de/Paperback/GOSPELIMPULS/Wolfgang-M-Richter/e414914.rhd)

Karl Barth und Coca Cola werden 125 Jahre alt. (siehe https://kraftwort.wordpress.com/2010/12/29/karl-barth-und-coca-cola-werden-125/) Deshalb besteht auch dieses Mal das „Zitat des Monats“ aus einigen Sätzen von Karl Barth, gefunden im zweiten Band seiner Kirchlichen Dogmatik, im § 35 „Die Erwählung des Einzelnen“ 

Die Bestimmung des Erwählten besteht darin, sich von Gott lieb haben zu lassen – als ein solcher zu leben, von dem Gott in seiner unbegreiflichen und unverdienten Güte von Ewigkeit her nicht lassen wollte und darum auch in Ewigkeit nicht lassen will. Das ist ja die Bestimmung Jesu Christi selbst: in unserem Fleische der von Ewigkeit her und in die Ewigkeit hinein von Gott Geliebte zu sein. Das ist Israels und der Kirche Bestimmung: sie sind das Volk und die Versammlung der in Jesus Christus von Gott Geliebten. …

(Der erwählte Mensch) darf und soll als Partner des Bundes existieren, den Gott von sich aus gewollt und begründet, dessen Herr und Garant Gott selber, dessen Bestand durch Gottes allmächtige Treue gesichert ist. Was das auch bedeute, es bedeutet Liebe. Strenge, zornige, brennende Liebe, aber Liebe! Und ewige, an die Schranken der Geschöpflichkeit nicht gebundene, seine Sünde vergebende, das Geschöpf an der Herrlichkeit des Schöpfers beteiligende Liebe. … Sie ist das Eine, das ihm wirklich not tut, das ihm aber auch völlig genügt“.

Kichliche Dogmatik II/2 (S. 455)

… gibt es hier:

http://www.evangelisch.de/community/blog/barnabas/die-kirche-ist-nicht-der-mediamarkt-bitte-um-sorgfalt-in-der-sprache

Heute 

A wie Angebot

Der Irrtum lautet: „Wenn eine bestimmte Gruppe (Altersgruppe, Bildungsschicht, Geschlecht usw.) im kirchlichen Zusammenhang nicht oder selten auftaucht, muss die Kirche für diese Zielgruppe ein neues Angebot entwickeln“ – Die folgenden Erinnerungen und Gedanken sollen verdeutlichen, warum dieser Ansatz falsch ist.

Es ist Ende der 80er Jahre. Wir veranstalten erstmals einen Pfarrkonvent zum Thema „Marketing“; damals noch etwas ungewöhnliches. Der Fachmann aus der Wirtschaft, den wir als (teuren) Referenten gewonnen haben, fordert uns auf, mögliche Zielgruppen für die kirchliche Arbeit zu finden und steht abwartend mit seinem Edding an seinem Flipchart. Verwundert füllt er Seite um Seite, denn die Ideen der kirchlichen Praktiker kommen nicht enden wollend wie aus der Pistole geschossen. Von „Alleinerziehenden“, „Akademikern“, „Arbeitern“ „Ausgetretenen“ und „Ausländern“ über „Besserverdienende“, „Erwachsene im ‘Mittelalter’“ „Familien“, „Flüchtlinge“, „Jäger“, „Jugendliche“ „Kommunalpolitiker“, „Männer“, „Motorradfahrer“, „Musikinteressierte“, „Polizisten“ „Senioren“, „Singles“ „Sozialhilfeempfänger“ „Spätaussiedler“ „Sportler“, „Suchtbetroffene“ und „Umweltschützer“ bis zu „Zugezogenen“ ist alles dabei, was es in dieser Gesellschaft gibt und entweder Hilfe braucht oder meint, keine Hilfe zu brauchen. (Die inklusive Sprache ist damals noch nicht Pflicht, sonst wären Edding und Flipchartblock schon bei „M“ alle gewesen …) Die Vermutung des Referenten, er könne uns mit der Frage nach möglichen Zielgruppen auf neue Ideen bringen, wird gründlich korrigiert. Er stellt erstaunt fest, dass keins der Unternehmen, die bei ihm Kunde sind, so intensiv über mögliche Zielgruppen nachdenkt wie die Kirche … Tatsächlich haben sich in der Kirche seit der – prinzipiell lobenswerten – „Stewardship“-Bewegung in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts zahlreiche kirchliche Zielgruppenangebote entwickelt – Frauenarbeit, Männerarbeit, Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt, Posaunenwerk und Kirchenchorverband; es gibt Jugendgottesdienste und Altennachmittage, Polizeiseelsorge, Friedensgruppen und Musikprojekte, Alkoholiker-Selbsthilfegruppen und Vater-Kind-Wochenenden; es gibt für alles hauptamtliche Fachleute in den landeskirchlichen Spezialreferaten und vor allem eine riesige Überforderung der Pfarrerinnen und Pfarrer: Die kirchlichen Stellen sowohl in den Kirchengemeinden als auch in den genannten Spezialdiensten werden ausgedünnt, die Teilnehmerzahlen bei vielen der bereits existierenden „Angebote“ werden geringer, die Gesellschaft differenziert sich immer weiter aus. Und nun sollen die Gemeindepfarrer/innen auf jede der in „ihrer Gemeinde“ existierenden Gruppen zugehen und für sie ein maßgeschneidertes „Angebot“ machen? Wenn die Kirche das Konzept der Zielgruppenarbeit weiter verfolgen will, produziert sie nahezu zwangsläufig ständige Überforderung und einen immer häufigeren Burn out bei den verbleibenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Es handelt sich also zumindest für die heutige kirchliche Arbeit um einen Irrweg. Es handelt sich aber auch vom Ansatz her bereits um einen Irrtum.  Selbst wenn es uns gelänge, das Zielgruppenkonzept durchzuhalten und erfolgreich weiter zu differnzieren – es würde so vermutlich gerade keine Gemeinde im Sinne des Neuen Testaments entstehen:

1. Galaterbrief Kapitel 5: „Zur Freiheit hat euch Christus befreit“ Der oben zitierte Satz behauptet: „Die Kirche muss …“ Die evangelische Kirche zumindest als Kirche der Freiheit „muss“ aber erst einmal überhaupt nichts. Sie muss bzw. sie wird das Evangeliuum verkündigen und die Sakramente verwalten, solange sie denn Kirche ist. Und sie wird sinnvollerweise darüber nachdenken, in welchen Formen diese Verkündigung zeitgemäß geschieht. Dabei gibt es aber immer nur ein „besser“ oder „schlechter“ gemäß menschlicher (durchaus auch von Gott geschenkter) Erkenntnis, aber nie ein „Müssen“

2. Galaterbrief Kapitel 6: „In Christus ist nicht Mann und Frau, Sklave oder Freier …“: Ist es nicht gerade ein Element des Evangeliums, dass Menschen nicht daraufhin angesehen werden, ob sie Männer oder Frauen, Besserverdienende oder Arbeitslose, Jäger oder Vegetarier sind? Ist die fortschreitende „Atomisierung“ der Gesellschaft nicht gerade ein Problem, dem die Kirche sinnvollerweise entgegentreten sollte, anstatt sie zu zementieren? Liegen die Chancen kirchlicher Arbeit nicht gerade darin, dass sich hier Menschen begegnen, die in der Gesellschaft neimals zusammenkommen würden? Zum Kreis der Jüngerinnen und Jünger Jesu gehörten ehemalige Zeloten, die die römische Besatzungsmacht mit Waffengewalt bekämpft hatten und ehemalige Zöllner, die mit dieser Besatzungsmacht Geschäfte gemacht haben. Und als in der ersten Christenheit die Gemeinde zu zerfallen drohte, weil es griechischsprechende und aramäischsprechende Christen in ihr gab und die Witwen der einen Gruppe bei der Essensversorgung übersehen wurden, wurde eigens das Diakonenamt geschaffen um dieses Auseinanderfallen zu verhindern.

3. 1. Korintherbrief Kapitel 12: „Ihr seid der Leib Christi“.Das Reden vom „Angebot“ assoziiert eine „Anbieter / Kunden“-Struktur. Die Kirche aber ist die „Gemeinschaft der Gläubigen, in der das Evangelium gepredigt und die Sakramente gefeiert werden“ (nach dem Augsburger Bekenntnis).

Also: Schluss mit der Zielgruppen-Ghettoisierung in der Kirche!