Es ist 22.07 Uhr, als Kantor Gregor-Yannick Gospelbach merkt, dass es die letzte volle Flasche alkoholfreies Weizen ist, die er gerade aus der Kiste nimmt. Zehn Minuten früher und er hätte noch im Laden gegenüber Nachschub holen können. Also verdünnt er sein Lieblingsgetränk mit Mineralwasser.

Sein Freund Harrison Jecker geht nicht ans Telefon. Auch sein Handy hat er nicht an. Eine Email schreiben? Der Computer stürzt drei mal hintereinander ab. Es ist inzwischen 23.34 Uhr. Und Greg tut etwas ganz altmodisches. Er schreibt seinem Freund einen Brief. Er lautet:

„Hallo, Harrison,

beim Tanztee in Bad Senilien kannst Du um diese Zeit (fast Mitternacht) ja wohl nicht mehr in die Tasten hauen, also vermute ich, dass es mit Deinem Engagement für die Jazzkneipe geklappt hat. Glückwunsch!

Bei mir läuft’s gerade nicht so gut. Heute war die Scheidungsandacht für unsere Pfarrerin und ihren Jetzt-Exmann, den Zahnarzt. Der Kollege der Geschiedenen (Du erinnerst Dich an Pfarrer „Eff-Eff“ oder auch „Effchen“, wie die frisch Geschiedene fast zärtlich zu ihrem Amtsbruder heute sagte) predigte – erraten: – wieder über einen Vers aus den Sprüchen Salomos, und zwar „Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg“. Hauptinhalt war das Zitieren des gleichen Wortes aus einer neuen Übersetzung, er wusste nur nicht welche es war, die Menge-Übersetzung „Gute Hoffnung für alle“ oder die „Neue Baseler Bibel von Schlachter Jörg Bruns“. jedenfalls hieß der Vers dort plötzlich „Jeder versucht herauszufinden, welcher der richtige Weg für ihn ist, jede will entdecken , welche Strecke die richtige für sie ist“ Die frischgeschiedene Frau Pfarrerin Gleich (jetzt nicht mehr „Gültig“) klärte ihn auf, dass das ja erfreulicherweise sogar aus ihrer Lieblingsübersetzung stamme, der feministischen „Fibel in sehrschlechter Sprache“. Und beim „Time to say Good-bye“, zu dem die beiden Geschiedenen nun durch die verschiedenen Kirchentüren einzeln feierlich auszogen, habe ich im Pedal auch noch daneben gehauen Naja, das allein ist aber nicht der Grund, warum ich Dir schreibe. Sondern: Du hattest recht, ich muss ab und zu auch mal Nein sagen. Heute, vor dem Scheidungsgottesdienst, rief mich unser Vertretungsküster an (unsere nette Frau Glock ist gerade Oma geworden und besucht drei Tage lang ihr Enkelkind) und lallte ins Telefon, er habe furchtbare Kopfschmerzen, ich sei doch ohnehin früher da, ob ich nicht eben mal mit der Schneeschaufel vor dem Kircheneingang, ein schmaler Weg genüge, es kämen ja doch nicht viele zu diesem komischen Scheidungsgottesdienst, das Streusalz sei im Kirchturm, eine Sache von 5 Minuten, aber es müsste ja doch eine halbe Stunde vorher gemacht werden, er nehme gleich zwei Aspirin und sei hoffentlich zum Läuten pünktlich da, sonst wüsste ich ja, wo der Knopf und Ausschalten könnte das Paar ja selber beim Reinkommen, falls ich dann schon an der Orgel sitzen müsste. Weil er gleich aufgelegt hat, weiß ich nicht ob er mein „Nein“ noch gehört hat, jedenfalls haben das Schneeschieben, Streuen und Läuten dann zwei Kirchenvorsteher übernommen, sogar Herr Gutverdien und dann noch Gunnar, der jüngste im KV, mit 32 immer noch als Jugendvertreter dabei, weil es keine Jugendgruppe mehr gibt, das ist der mit dem ich jetzt die Homepage der Kirchengemeinde mache.

Was mir aber noch mehr Sorgen macht, ist, dass ich einen Brief vom Kreisdekan bekommen habe, in dem er mich zu einem „Gespräch über meine Lebensführung und zur Aufklärung über das kirchliche Mitarbeiterrecht einbestellt“ Hast Du eine Ahnung, was sich dahinter verbirgt? Oder machen die das mit jedem? Du hattest doch schon mal ein Vierteljahr lang eine Anstellung, gab’s das bei Dir auch? Oder was soll an meiner Lebensführung zu beanstanden sein?

Melde dich doch, sobald Du mal wieder Zeit hast (tröstlich, dass anscheinend selbst ein arbeitsloser Kirchenmusiker dauernd im Stress ist …).

Gregliche Grüße!“

Kaum hat Greg den Brief verschlossen, hört er auf dem Flur etwas jaulen. Ach ja! Der Hund von Küsterin Glock, den er ihr für die drei Tage abgenommen hat, muss noch mal raus. „Naja, kann ich den Brief gleich zum Kasten bringen“ denkt Greg, schnappt sich Schal, Jacke und Hundeleine und macht sich auf den Weg.

Wie Greg auf die Idee eines Jobsharing auf seiner Kirchenmusikerstelle reagiert, ob überhaupt alles noch mal noch schlimmer kommt oder ob Gregs Job als Telefon-Joker bei der Sendung „Wirstu Millionär“ das soap-erforderliche Happyend einläutet – das und mehr erfahren Sie in den nächsten Folgen!

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Einem Ondit zu Folge will Nina Ruge unter die Drehbuchautoren gehen und unter dem Titel „Alles wird gut“ die Geschichte von Fruststadt und seinem Kirchenmusiker bei Bibel-TV als Soap unterbringen. Eine Kurzfassung der im Fernsehen auf 1685 Folgen angelegten Serie gibt’s exklusiv hier:

Trotz eines nur mäßig ermutigenden Telefonats mit Dr. Gutverdien, dem KV-Vorsitzenden bewirbt sich der gutaussehende und noch ledige Berufsanfänger Gregor-Yannick Gospelbach auf die 49,3%-Stelle für einen Kirchenmusiker an der Rödelkirche Fruststadt. O Wunder, er ist der einzige Bewerber und erhält die Stelle (1 Gegenstimme von Konrektor a.D. Wilhelm Nörgel, KV-Mitglied seit 1945: „so ein hübscher junger Bengel verdreht doch den Konfirmandinnen den Kopf“, eine nicht unbegründete Befürchtung wie Folge 112 zeigen wird).

Im Einführungsgottesdienst predigt Pfarrer Friedel Freudeeierkuchen über das Wort aus den Sprüchen Salomos – „Besser ein Gericht Gemüse mit Liebe dabei als ein gemästeter Ochse mit Hass dabei“ sowie über einen weiteren Vers, für den ihm aber die Bibelstelle gerade nicht einfällt: „Es wird nichts so heiß gegessen wie es gekocht wird“ Roswitha Kanzel-Schwalbe tuschelt ihrer Nachbarin zu:“Dass der schon wieder übers Essen predigen muss – dass es ihm schmeckt, sieht man ja nun wirklich“ Die Lokalzeitung schreibt am nächsten Tag, er habe in seiner Predigt die durch die Stellenkürzungen auftauchenden Probleme (nein: „Herausforderungen“ heißt das heute natürlich) „in erstaunlicher Offenheit angesprochen“. An genau der damit gemeinten Stelle der Predigt raunt Dekan Glattbügel seinem Nachbarn, OLKMD Von Wegenstress-Hiernoch zu Friedensein zu: „Na, na, na, jetzt übertreibt er aber“

Doch warum verschwindet beim Empfang Zahnarzt Dr. Gültig, der Ehemann von Frau Pfarrerin Gleich-Gültig direkt nach dem ersten Glas Sekt und steigt zu einer jungen Dame ins Auto?

Das und mehr erfahren Sie in der nächsten Folge.

(Guckst Du hier: https://kraftwort.wordpress.com/2009/10/26/fruststadt-die-soap-geht-weiter-folge-86/)

Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht Fruststadt betreffend:

Zuerst die gute: Fruststadt hat mir als Blogger ganz neue Erfahrungen beschert. Seit ein paar Monaten schreibe ich hier und habe, wenn’s hochkommt, mal einen Tag mit fünf oder acht Besuchern der Seite – am ehesten, wenn jemand wissen wollte, was der Unterschied zwischen „Logos und Dabar“ ist oder irgendwie auf Luthers Text über die Musik gestoßen ist. Dann setze ich eine Satire über eine Kirchenmusikerstelle in Fruststadt hinein, die ich in alten Unterlagen auf einer schlechten Kopie wiedergefunden habe (ja, es ist wahr: ich habe den Text nur bearbeitet und nicht selber verfasst! Lediglich die Fortsetzung stammt gänzlich von mir) und erreiche damit bis zu 296 Besucher an einem Tag. So weit, so erfreulich – immerhin haben manche auch meine „Über mich“- Seite besucht oder sich sonst mal umgeschaut. Und, prinzipiell auch erfreulich: es hagelt Kommentare: Eine ebenfalls neue Erfahrung für mich wenn mein Emailprogramm mir fast täglich meldet: „Bitte moderieren!“

Die schlechte Nachricht: Manche Kommentare sind beängstigend. Offensichtlich kann der Text tatsächlich – auch das wurde mir zugetragen – Vorurteile und Ressentiments bestätigen und eine pauschale Pfarrerschelte begünstigen, die unter Kirchenmusikern leider weit verbreitet zu sein scheint. Die Kommunikation unter Pfarrern und Kimus ist oft schwierig genug und ich freue mich daran, dass es in meiner eigenen Umgebung komplett anders ist – weil ich weiß, wie wenig selbstverständlich das ist. Es wäre natürlich albern zu behaupten, dass an den Problemen immer nur die Pfarrer schuld sind. Und wenn ein Kirchenmusiker ohnehin schon immer „weiß“, dass Pfarrer alle doof und im Vergleich zu ihnen faul und überbezahlt sind, dann kann es nicht gut gehen, egal wie groß sein Stellenumfang ist. Das Aufdecken dieses „Ressentiment-Milieus“ hat mich also doch etwas traurig gemacht.

Was ist zu tun?

Möglichkeit eins: Sintflut über Fruststadt – die Texte werden gelöscht. Das wäre das einfachste, löst das Problem der vorhandenen Ressentiments aber nicht (erspart mir höchstens das Gefühl, an Bedienen derselben mitschuld zu sein)

Möglichkeit zwei: Ich versuche eine vergleichbare Satire über die übermenschlichen Erwartungen an Pfarrer zu schreiben – das wäre vom Erleben her ohne weiteres möglich, aber ob ich die, wenn ich sie selber schreiben muss, genausogut hinbekomme, ist fraglich

Möglichkeit drei: Ich versuche einmal die „strukturellen Kommunikationsprobleme“ zwischen den kirchlichen Berufsgruppen aufzuarbeiten und dazu einen Text zu bloggen. Auch wenn ihn keine 296 Kimus am Tag lesen werden – dann steht das ganze in einem anderen Kontext und das Nachdenken über die innerkirchliche Kommunikation, das die Satire positiv wie negativ anstoßen kann, wäre sinnvoll weitergeführt.

Ich neige natürlich zur dritten Möglichkeit, bin aber selber mal gespannt, was tatsächlich passiert – denn erstmal ist jetzt mein Urlaub vorbei und ich habe anderes zu tun (ich sitze nämlich auch nur auf einer ha-ha-halben Pfarrstelle, erfahre nur über die regelmäßigen Mieterhöhungen, dass ich angeblich auch eine Gehaltserhöhung bekommen habe und habe trotz des geringen Stellenumfangs und Salärs selten Langeweile …)