Interessante Diskussion in der Zeit: Steht der Staat über der Religion?

http://www.zeit.de/2016/21/gesetze-staat-religion-richtlinien/komplettansicht

Meine Sicht dazu:

Was unterscheidet einen freiheitlichen Staat von einem totalitären? Der freiheitliche lässt zu, dass seinen Bürgerinnen und Bürgern etwas anderes (und durchaus unterschiedliches) wichtiger ist als er. Deshalb ist und bleibt die Religionsfreiheit (die negative UND die positive) der Prüfstein dafür, ob ein Staat freiheitlich ist. Denn das, was einem Menschen unvergleichlich wichtig ist, das ist seine Religion. (Luthers Definition “Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott” ist auch von der säkularen Religionswissenschaft als brauchbare Definition rezipiert worden) So einfach ist das, und deshalb haben sowohl Kauder als auch Leitlein auf ihre Weise recht.

Religionen sind wie ein Meer von Blüten: Bienen saugen ihren Honig daraus, Wespen ihr Gift.

„In jedem Menschen ist ein Abgrund; den kann man nur mit Gott füllen.“  (Blaise Pascal)

Stell dir eine Welt vor ohne Sport;

Es gäbe keine Dopingskandale – es gäbe keine Schlägereien von Hooligans – vermutlich gäbe es auch keine Soldaten und keine Kriege mehr, denn oft dient der Sport der „körperlichen Ertüchtigung“ und damit der Wehrfähigkeit – und schließlich würde unsere sozialen Sicherungssysteme entlastet: die Menschen würden früher sterben, so dass die Ausgaben von Rentenkassen und Gesundheitswesen zurückgingen, auch die zahlreichen Sportverletzungen vom Tennisarm bis zu Knochenbrüchen fallen weg – die öffentliche Verschuldung würde zurückgehen: der Staat und Kommunen würden die Mittel für den Bau von Sportstätten und die Zuschüsse für Sportvereine einsparen also: Nur eine Welt ohne Sport hat Zukunft!

Stell dir eine Welt vor ohne Sprache:

Die Menschen könnten sich nicht mehr beleidigen, was der Anfang aller Kriege ist – Es gäbe keine Missverständnisse mehr – Wir könnten die Kosten für den Bau von Schulen und Theatern sparen Also: Nur eine Welt ohne Sprache hat Zukunft

Stell dir eine Welt vor ohne Häuser:

Erdbeben würden kaum noch Schaden anrichten, weil niemand mehr unter den Trümmern begraben werden könnte – Kriege wären sinnlos, weil es kaum etwas zum Zerstören gibt – Gibt es keine Häuser, braucht man sie auch nicht zu heizen und die Klimakatatrophe wäre abgewendet Also: Nur eine Welt ohne Häuser hat Zukunft

Absurd? Natürlich. Aber es gibt Menschen, die sich oft sogar für besonders vernünftig halten, die fordern mit analogen Argumenten allen Ernstes eine „Welt ohne Religion“ und meinen, die wäre dann automatisch friedlicher. (siehe: http://www.bfg-bayern.de/aktuelles/imagine_no_religion.htm) Niemand kann und soll zum Sport, zum Sprechen oder zum Häuserbauen gezwungen werden, und auch nicht zu irgendeinem Glauben – und schon gar nicht zu einer bestimmten Sportart, dem Erlernen einer bestimmten Sprache, zu einer bestimmten Art des Häuserbauens oder zu einer bestimmten Religion. Aber Bewegung, Sprechen, Häuserbauen und einen Glauben religiös auszudrücken sind Formen des Menschseins. Sie alle können missbraucht werden, aber sie dürfen niemals deshalb verboten werden. Was sollte an ihrem Verbot oder auch nur an ihrem wie immer herbeigeführten Verschwinden vernünftig sein oder gar human? Im  o.g. Text (übrigens von Richard Dawkins, der schon als „Guru des atheistischen Fundamentalismus“ bezeichnet wurde) wird es besonders zynisch – denn da wird behauptet, in einer Welt ohne Religion gäbe es keine Judenverfolgungen, ja, nicht einmal mehr Juden – was doch sehr den Eindruck erweckt, als ob nach seiner Auffassung das größere Übel nicht die Verfolgung der Juden, sondern ihre Existenz sei … – Danke, das genügt!

Mehr zum Thema:

https://kraftwort.wordpress.com/2010/01/30/ein-bedeutender-wissenschaftler-zur-gottesfrage/

https://kraftwort.wordpress.com/2010/01/20/glauben-und-denken-sind-wir-feuer-und-wasser/

https://kraftwort.wordpress.com/2010/01/28/der-wichtigste-schritt-der-vernunft/

https://kraftwort.wordpress.com/2009/07/25/95-thesen-zur-gegenwartigen-und-kunftigen-religiositat/

https://kraftwort.wordpress.com/2010/03/04/heinrich-boll-eine-welt-ohne-christus/

… sagte der Atheist zu mir in einer Diskussion.

Wo er recht hat, hat er recht. Wenn ich das Wasser des Denkens mit dem Feuer des Glaubens erhitze und dann noch das Gemüse der Liebe hineingebe, bekomme ich eine Suppe, die Menschen sättigen kann. Ohne die Wärme des Glaubens aber wird das Wasser des Denkens zu Eis: hart, kalt, unbeweglich, nutzlos …

These 1. „Der Mensch ist unheilbar religiös“ (Nikolai Berdjajew) – und das ist gut so

These 2. Entgegen der landläufigen Gegenüberstellung von Religion einerseits und Wissenschaft andererseits ist festzuhalten: Wissenschaft und Glauben haben ihren gemeinsamen Ursprung in der menschlichen Fähigkeit zu staunen, also aus der Selbstverständlichkeit des instinktiven Lebensvollzuges herauszutreten und Fragen zu stellen.

These 3. Das Wort „Religio“ heißt nicht, wie oft behauptet wird, „Rückbindung an Gott“, sondern „Zurückweichen, Zögern, Schaudern“ und meint das Gefühl, das Menschen z.B. haben, bevor sie eine Schwelle überschreiten oder eine Tür öffnen, wenn sie einen Augenblick innehalten und sich fragen: Was tue ich da eigentlich?

These 4. Religion ist also im Wesenskern eine (prinzipiell positive) Selbst-Distanzierung und Selbst-Infragestellung des Menschen und das Bewusstsein, nicht selbstverständlich, nicht zufällig und nicht aus sich selbst heraus zu existieren.

These 5. Jeder Mensch hat eine angeborene Ahnung des Heiligen und kann Erfahrungen des Heiligen als „Faszinosum et Tremendum“ (das Faszinierende und zugleich Erschreckende) machen

These 6. Wo diese ekstatischen Erfahrungen nicht mehr im Kontext einer Religion (d.h. in einem überindividuellen Deutungszusammenhang) gemacht werden, tritt an die Stelle der religiösen Erfahrung die Suche nach dem „ultimativen Kick“ , die Selbstinszenierung in Kosmetik bzw. in Fitness als Körperkult oder die religiöse Aufladung von Sexualität und Erotik.

These 7. Der „Gotteskomplex“ (Horst-Eberhard Richter), der Allmachtswahn, also die Selbstüberschätzung des neuzeitlichen Menschen ist die Ursache für den Raubbau an der Schöpfung, für die totalitären Ideologien von Nationalsozialismus und Stalinismus und für die unheilvolle Totalökonomisierung aller Lebensbereiche. Deshalb ist das in jüngster Zeit wieder stärkere Bewusstsein für die religiöse Dimension des Menschen ein hoffnungsvolles Zeichen

These 8. Gerade die religiös und weltanschaulich neutrale Demokratie braucht, als Wurzel einer echten Toleranz, die in allen Religionen gelehrte religiöse Tugend der Demut – d.h. der Bereitschaft zur Selbstbeschränkung und damit der Akzeptanz der in der Demokratie aus gutem Grund essentiellen Begrenzung menschlicher Macht. Zu den Gegenwartsaufgaben der Menschheit gehört es, Mechanismen der Machtbegrenzung auch für den Bereich der Wirtschaft zu organisieren

These 9. Es ist nicht förderlich, Religion um der Exzesse einer religiös begründeten Gewalt oder um des Fundamentalismus willen, prinzipiell misstrauisch zu betrachten. Natürlich sind Gewalt und Terrorismus aufs Schärfste abzulehnen, ob religiös begründet oder nicht, Menschen werden aber nicht deshalb gewalttätig, weil sie religiös sind. Sondern Menschen werden gewalttätig, weil sie (theologisch gesprochen) Sünder sind. Die Überwindung dieser Sünde ist aber gerade nicht möglich ohne Religion. Genauso wie es religiösen Fundamentalismus gibt, gibt es auch einen fundamentalistischen Atheismus. Vielleicht ist die Versuchung des Atheismus, intolerant zu werden, sogar besonders groß, weil er sich gerne (zu Unrecht) für „wissenschaftlich“ hält und als einzige Religion die Tugend der Demut nicht kennt.

These 9 ½: Religion ist keine Sache von gestern, sondern eine Sache von morgen!

P.S. Eine Erfahrung, die mich auf die Spur von These 3 gebracht hat, ist hier nachzulesen: https://kraftwort.wordpress.com/2009/06/07/sprache-ist-der-ort-der-erfahrung-1/