„Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott“ sagt Martin Luther.

Das Herz der meisten Menschen, und vor allem der meisten Gemeinwesen (Gemein-Wesen …) und Organisationen hängt heute am Geld. Die Totalökonomisierung ist der eigentliche Götze von heute und der eigentliche Gegner des Christentums. Die Waldbrände in Russland eskalieren, weil die Forstverwaltung aus ökonomischen Gründen privatisiert wurde. Die ICE’s werden aus ökonomischen Gründen zu selten gewartet – defekte Klimaanlagen, aber auch gebrochene Achsen und andere Schäden gehen vermutlich darauf zurück. Eine Stadt will unbedingt eine Großveranstaltung als Imagegewinn (der sicher einen ökonomischen Aufschwung unterstützen würde) und ein Veranstalter dieses Events will vor allem Geld verdienen und spart deshalb vermutlich an der Sicherheit. Und auch der Wahnwitz, auf das Fallen von Aktienkursen spekulieren zu dürfen und ohne jeden Bezug zu Arbeit und Produkten alleine mit Geld Geld verdienen zu wollen ist eine Anbetung des Mammons, der wir entgegentreten müssen. Wenn wir zum Glauben an Gott und Jesus Christus einladen – die Beispiele zeigen: das ist heute nötiger denn je – dann laden wir dazu ein, eben nicht mehr dem Geld zu vertrauen, sondern dem, der unser Vertrauen wirklich verdient, dem Gott, der die Liebe ist.

Das bedeutet auch: Einladung zum Glauben heißt nicht: „Menschen von der Existenz eines übernatürlichen Wesens zu überzeugen“. Es kommt nach Luther doch gar nicht darauf an, ob ich die Existenz eines Gottes für möglich halte. Es kommt darauf an, was tatsächlich und faktisch mein Gott ist, auf was oder wen ich mich verlasse, woran ich mein Herz hänge. Die Frage ist nicht, „ob es Gott gibt“, sondern welchem Gott ich vertraue.  „Der Glaube macht beide, Gott und Abgott“ sagt Luther ebenfalls.

Ich habe in letzter Zeit im Netz auch ein paar Diskussionen mit Atheisten geführt, am intensivsten im Zusammenhang mit meinem Artikel „Stell dir eine Welt vor …“, (https://kraftwort.wordpress.com/2010/02/)  aber auch auf dem „Atheist Media Blog“, der sich bei WordPress stets mit dem „Big Brother Blog“ um den Rang des am schnellsten wachsenden Blogs streitet. Das war ziemlich anstrengend, weil die meisten meiner Gesprächspartner ziemliche „Atheismus-Fundis“ gewesen sind. Man bekommt, wenn man nicht den Fundi-Atheismus-Mainstream vertritt beim „AMB“ innerhalb weniger Sekunden auch mindestens eine Negativ-Wertung für den eigenen Beitrag, manchmal schneller, als er überhaupt zu Ende gelesen worden sein kann. Wenn dort überhaupt „diskutiert“ wird, dann vielleicht noch über die Frage, ob man eine Umfrage von 2005 so interpretieren muss, dass 35 % der Schweden Atheisten sind oder sogar 80 %. Wobei das für das Thema „Wahrheit von Religion oder Atheismus“ ebenso wie für das Thema „Moralische Qualität von Religion bzw. Atheismus“ ja völlig belanglos ist: Ob 35 % oder 80 % der Schweden Nichtschwimmer sind, sagt weder etwas darüber aus, ob Schwimmen gefährlich und unmoralisch ist, noch etwas darüber, ob es so etwas wie „Wasser“, in dem man schwimmen könnte, überhaupt gibt …

Langer Rede kurzer Sinn: Auch wenn es mir nach wie vor notwendig erscheint, die Ideologie der atheistischen Fundis in Frage zu stellen, nach der sie die Vernunft gepachtet hätten (viele machen erstaunlich dürftigen Gebrauch davon) werde ich mich erst mal aus der Atheismus-Debatte wieder zurückziehen und mich den wichtigen Themen zuwenden – Theologie, Demokratie, Kritik an der Totalökonomisierung, Afrika, hoffentlich endlich mal wieder Sprache und Musik … (Mal sehen, ob’s klappt)

P.S. Kleine Ergänzung zur Kritik an der Totalökonomisierung – guckst Du hier: http://www.evangelisch.de/community/blog/rokokole/f%C3%BChlen-dieses-schn%C3%A4ppchen-von-droben

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… Gustav Heinemann. Er sagte einmal: „Sieht man denn nicht, dass unsere Weltanschauung auf drei Sätzen beruht: ‚Möglichst viel verdienen – Soldaten die das verteidigen – Kirchen, die beides segnen!‘ ?“

P.S.: Ehrlicherweise muss man natürlich sagen, dass die Kirchen in der BRD diese Erwartung heute nicht mehr erfüllen, wie nicht nur Margot Käßmanns Äußerungen zu Afghanistan zeigen. Aber vermutlich ist genau das auch der Grund, weshalb sie heute nicht mehr selbstverständlich als tragendes Element der Gesellschaft angesehen werden und so viel Kritik auf sich ziehen … Trotzdem halte ich das Zitat für nach wie vor aktuell, denn die Weltanschauung bzw. Religion der Totalökonomisierung ist heute noch stärker allgegenwärtig in der Gesellschaft als zu Heinemanns Zeiten.

These 1. „Der Mensch ist unheilbar religiös“ (Nikolai Berdjajew) – und das ist gut so

These 2. Entgegen der landläufigen Gegenüberstellung von Religion einerseits und Wissenschaft andererseits ist festzuhalten: Wissenschaft und Glauben haben ihren gemeinsamen Ursprung in der menschlichen Fähigkeit zu staunen, also aus der Selbstverständlichkeit des instinktiven Lebensvollzuges herauszutreten und Fragen zu stellen.

These 3. Das Wort „Religio“ heißt nicht, wie oft behauptet wird, „Rückbindung an Gott“, sondern „Zurückweichen, Zögern, Schaudern“ und meint das Gefühl, das Menschen z.B. haben, bevor sie eine Schwelle überschreiten oder eine Tür öffnen, wenn sie einen Augenblick innehalten und sich fragen: Was tue ich da eigentlich?

These 4. Religion ist also im Wesenskern eine (prinzipiell positive) Selbst-Distanzierung und Selbst-Infragestellung des Menschen und das Bewusstsein, nicht selbstverständlich, nicht zufällig und nicht aus sich selbst heraus zu existieren.

These 5. Jeder Mensch hat eine angeborene Ahnung des Heiligen und kann Erfahrungen des Heiligen als „Faszinosum et Tremendum“ (das Faszinierende und zugleich Erschreckende) machen

These 6. Wo diese ekstatischen Erfahrungen nicht mehr im Kontext einer Religion (d.h. in einem überindividuellen Deutungszusammenhang) gemacht werden, tritt an die Stelle der religiösen Erfahrung die Suche nach dem „ultimativen Kick“ , die Selbstinszenierung in Kosmetik bzw. in Fitness als Körperkult oder die religiöse Aufladung von Sexualität und Erotik.

These 7. Der „Gotteskomplex“ (Horst-Eberhard Richter), der Allmachtswahn, also die Selbstüberschätzung des neuzeitlichen Menschen ist die Ursache für den Raubbau an der Schöpfung, für die totalitären Ideologien von Nationalsozialismus und Stalinismus und für die unheilvolle Totalökonomisierung aller Lebensbereiche. Deshalb ist das in jüngster Zeit wieder stärkere Bewusstsein für die religiöse Dimension des Menschen ein hoffnungsvolles Zeichen

These 8. Gerade die religiös und weltanschaulich neutrale Demokratie braucht, als Wurzel einer echten Toleranz, die in allen Religionen gelehrte religiöse Tugend der Demut – d.h. der Bereitschaft zur Selbstbeschränkung und damit der Akzeptanz der in der Demokratie aus gutem Grund essentiellen Begrenzung menschlicher Macht. Zu den Gegenwartsaufgaben der Menschheit gehört es, Mechanismen der Machtbegrenzung auch für den Bereich der Wirtschaft zu organisieren

These 9. Es ist nicht förderlich, Religion um der Exzesse einer religiös begründeten Gewalt oder um des Fundamentalismus willen, prinzipiell misstrauisch zu betrachten. Natürlich sind Gewalt und Terrorismus aufs Schärfste abzulehnen, ob religiös begründet oder nicht, Menschen werden aber nicht deshalb gewalttätig, weil sie religiös sind. Sondern Menschen werden gewalttätig, weil sie (theologisch gesprochen) Sünder sind. Die Überwindung dieser Sünde ist aber gerade nicht möglich ohne Religion. Genauso wie es religiösen Fundamentalismus gibt, gibt es auch einen fundamentalistischen Atheismus. Vielleicht ist die Versuchung des Atheismus, intolerant zu werden, sogar besonders groß, weil er sich gerne (zu Unrecht) für „wissenschaftlich“ hält und als einzige Religion die Tugend der Demut nicht kennt.

These 9 ½: Religion ist keine Sache von gestern, sondern eine Sache von morgen!

P.S. Eine Erfahrung, die mich auf die Spur von These 3 gebracht hat, ist hier nachzulesen: https://kraftwort.wordpress.com/2009/06/07/sprache-ist-der-ort-der-erfahrung-1/