Auch wenn in diesem Jahr nicht ganz so viele nach Wittenberg kommen wie erhofft: Menschen aus der ganzen Welt wollen dort, wo Martin Luther predigte, Gott loben: aber sie sollen es in einer Kirche tun, an deren Fassade eine unerträgliche Verhöhnung der Juden angebracht ist – das Relief der Judensau. HIER kann man dafür unterschreiben, dass sie endlich abgenommen wird – und in einer Sendung des ZDF-Länderspiegel kann mich sich noch genauer darüber informieren.

Ob es wirklich eine Predigt ist, weiß ich nicht – aber jedenfalls ein toller Text, und allemal predigttauglich:

Das „Zentrum für Predigtkultur“ in Wittenberg hat eine ungewöhnliche Fastenaktion vorgeschlagen – „Sieben Wochen ohne Große Worte“. Interessierte Pfarrerinnen und Pfarrer (also auch ich) konnten sich eine Postkarte mit 49 Begriffen zusenden lassen, auf die – so die Empfehlung – in den Predigten der Fastenzeit verzichtet werden soll. Das schlug ziemliche Wellen, zumal unter den 49 Begriffen auch die Worte „Gott“ und „Jesus“ sind. Auf evangelisch.de gab es jetzt eine Diskussion mit der Initiatorin, Kathrin Oxen (guckst Du hier: http://aktuell.evangelisch.de/artikel/92606/haben-sie-fragen-zur-predigtaktion-ohne-grosse-worte). Meinen dortigen Diskussionsbeitrag übernehme ich hier an dieser Stelle

Liebe Frau Oxen,
1. Prinzipiell finde ich den Gedanken gut, den eigenen Sprachgebrauch in Fastenüberlegungen einzubeziehen. Ich werde mich an Ihrer Aktion auch in dem Sinne beteiligen, dass ich die Karte bei der Predigtvorbereitung vor mir habe und die Notwendigkeit der Verwendung dieser Worte überprüfe. Ich weiß aber schon jetzt, dass ich die – nicht zufällig in der Debatte sofort aufgestoßenen – Worte „Gott“ und „Jesus“ nicht unter ein Tabu stellen werde; denn sie sind schlicht nicht ersetzbar und markieren den Ursprung meines Auftrages. Würde man das Wort „Gott“ ersetzen wollen, könnte m.E. nur so etwas herauskommen wie in der Erzählung von Heinrich Böll „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“, wo „Gott“ immer ersetzt wird durch „jenes höhere Wesen, das wir verehren“. Das ist ja nun nicht weniger „geschwurbelt“, sondern mehr. Frage also: Wie wollen Sie auf „Gott“ in der Predigt verzichten, ohne auf Gott zu verzichten? Können so nicht nur Predigten entstehen, die das „Seid nett zueinander“ eines 80er-Jahre-Kirchentages transportieren? Wie wollen Sie das vermeiden? (Immer „der Herr“ zu sagen, wäre zwar seriöser als das „höhere Wesen“, aber auch nicht verständlicher, wie die überzogene feministische Kritik daran verdeutlicht. „Adonai“ oder „JHWH“ zu sagen ist erst recht völliger Unfug, da absolutes Insider-Gerede)
2. Ich bin gespannt auf die Erfahrungen, die ich mit meiner „reduzierten Version“ Ihres Tabu-Kataloges mache. Auch hier habe ich noch die – offene – Frage, ob Worte beliebig austauschbar, verzichtbar sind. Sprache ist ja der Ort der Erfahrung. Vielleicht können Menschen mit den Worten „Gnade“ und „Barmherzigkeit“ heute deshalb nichts anfangen, weil ihre Lebenswelt so gnadenlos und unbarmherzig ist und nicht, weil wir Christen gar nicht mehr wissen, was wir meinen. Erster Impuls wäre natürlich: „Wir müssen den Menschen Erfahrungen von Barmherzigkeit vermitteln“. Das ist als Imperativ, absolut genommen, aber eine Überforderung. Wir müssen sehr wohl die Gnade verkündigen, auch wenn sie nicht einfach alltagskompatibel ist, ihre Wahrheit (sorry, auch ein großes Wort) bezeugen gegen die Erfahrung und darauf vertrauen, dass das Wort Kraft hat, sich auch einen Erfahrungsraum zu schaffen, in Erzählungen, im Vertrauen gegen den Augenschein, letztlich dadurch, dass Gott ja tatsächlich wirkt …. Frage also: Ist bei der Aktion wirklich das Wort als „Dabar“ im Blick, das Kraft hat, Wirklichkeiten zu schaffen oder wird im Hintergrund, dem theoretischen Background der Aktion das Wort doch nur als austauschbare Bezeichnung für eine Sache verstanden, die außerhalb von ihr liegt? (was mehr griechisches als biblisches Denken wäre) vgl. dazu: https://kraftwort.wordpress.com/2009/06/04/dabar-und-logos/
3. Könnte ein „Sprach-Fasten“ nicht auch ganz andere Formen annehmen? Zwei Erfahrungen von mir:
– Meine erste Sprachfastenaktion hieß „Vielleicht sollte man niemals ‚vielleicht‘, ‚man‘ und ’niemals‘ sagen“, bestand also im (weitgehenden) Verzicht auf diese drei Begriffe. Das bringt schon eine Menge Konkretion und weniger Vollmundigkeit.
– Ein besonders interessanter Versuch bezog sich zunächst gar nicht auf die Predigt, sondern gerade primär auf den alltäglichen Sprachgebrauch. Mir fiel auf, dass unsere Alltagssprache oft „gewaltgetränkt“ ist. Da ist irgendetwas „eine schallende Ohrfeige“ oder ein „Schlag ins Gesicht“, jemand (vielleicht sogar man selbst) bräuchte mal „einen Tritt in den Hintern“, man setzt jemandem „die Pistole auf die Brust“ oder eine Aktion wird als „Harakiri“, irgendetwas (vielelicht sogar nur das Wetter) als „mörderisch“ bezeichnet. Ich hatte mir also vorgenommen, einmal in der Passionszeit auf alle Gewaltbegriffe zu verzichten. Und dann kam die erste Predigtvorbereitung und ich merkte, dass das gar nicht geht, weil die Passionsgeschichte natürlich eine Geschichte voller realer Gewalt ist. Ich habe mein Fasten dann dahingehend modifiziert, dass Bibelzitate und -paraphrasen erlaubt sind, aber nur die. Und das brachte eine ganze Reihe spannender Entdeckungen mit sich, auch eine ganz neue Sensibilität für die reale Gewalt …
4. Geht es vielleicht hauptsächlich, und ganz schlicht darum, Substantive durch Verben zu ersetzen? Das ist ein löbliches Unterfangen und lohnt sich bestimmt. Wenn das aber der Grundsatz ist, dann wird auch deutlich, warum „Gott“ und „Jesus“ gerade wieder nicht in die Liste passen. Oder wie lautet das Verb für Gott?

Schöne Grüße!
Barnabas

Die Antwort von Kathrin Oxen war zwar positiv, aber leider recht kurz und weitgehend ohen konkretes Eingehen auf die konkreten Fragen. Wer sie nachlesen möchte, findet sie unter dem o.g. Link.

Es gibt hochrangige römisch-katholische Theologen, die zu Luther und zur Ökumene mehr und weitaus besseres sagen können (und es auch tun) als dies dem Bischof von Rom (wie ich den „Papst“ lieber nenne) in Erfurt gelungen ist …. Guckst Du hier

http://www.bistum-magdeburg.de/upload/2012/12_bischof_orte_der_reformation.pdf

Karl Barth über das „Geschriebene Wort Gottes“
(KD I,1 S. 110 und 111 – § 4 Das Wort Gottes in seiner dreifachen Gestalt)

Immer noch ist das „Jubiläumsjahr 125 Jahre Karl Barth und Coca Cola“, und deshalb gibt es auch in diesem Monat ein paar Gedanken von Barth zum Nach-denken. Ausgesucht habe ich diesen Abschnitt, weil der Oktober der Monat ist, der auf das Reformationsfest zuläuft. Zugegeben: Barths langer und komplizierter Satzbau ist hier besonders stark ausgeprägt. Langsam und laut lesen hilft!

Warum muss die Erinnerung der Kirche an Gottes geschehene Offenbarung immer wieder gerade die Bibel zum konkreten Gegenstand haben? … Die Bibel macht sich selbst zum Kanon. Die Bibel ist Kanon, weil sie sich als solcher der Kirche imponiert hat und immer wieder imponiert. … Wir müssen hier schon im Voraus auf den Inhalt der Heiligen Schrift verweisen. Das prophetisch-apostolische Wort  ist Wort, Zeugnis, Verkündigung und Predigt von  Jesus  Christus … Kraft dieses Inhalts imponiert sich die Schrift. …
Das große geschichtliche Paradigma für diese Entdeckung des in der Bibel kraft ihres Inhalts der Kirche gegebenen Kanons  ist die Anfangszeit der Reformation. Was sich in Wittenberg und Zürich in den zwanziger, in Genf in den dreißiger Jahren des 16. Jahrhunderts abgespielt hat, ist wie ein Bilderbuch zu dem eben Ausgeführten: Die Kirche sieht wieder, daß sie Christus mit seinen Gaben nicht in sich selbst hat, sondern von seinem, von außen zu ihr kommenden Wort gefunden werden muß. Sie sieht dies aber darum, weil sein Wort und eben in seinem Wort er selber sie schon gefunden hat, weil sie schon nicht mehr allein gelassen ist, weil Christus als ihr Gegenspieler und Widerpart eben im biblischen Wort bereits richtend und tröstend auf den Plan getreten ist. D.h. aber konkret: weil das Alte und das Neue Testament bereits zu ihr gesprochen, sich ihr bereits als „Kanon der Wahrheit“ aufgedrängt hat.