Auch wenn in diesem Jahr nicht ganz so viele nach Wittenberg kommen wie erhofft: Menschen aus der ganzen Welt wollen dort, wo Martin Luther predigte, Gott loben: aber sie sollen es in einer Kirche tun, an deren Fassade eine unerträgliche Verhöhnung der Juden angebracht ist – das Relief der Judensau. HIER kann man dafür unterschreiben, dass sie endlich abgenommen wird – und in einer Sendung des ZDF-Länderspiegel kann mich sich noch genauer darüber informieren.

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Manchmal wird – völlig zu Unrecht – behauptet, den Drehbuchautoren von TV-Krimis fiele nichts neues mehr ein. Das ist natürlich eine böswillige Unterstellung. Auch die uralte Behauptung, Derrick habe in jeder Folge „Harry, fahr schon mal den Wagen vor“ gesagt, war ja bekanntermaßen schlicht falsch, weil er das in Wahrheit nie gesagt hat. Selbst dass Derrick genau zweimal in jeder Folge ins Haus der Millionärin gekommen sei, ist maßlos übertrieben und ein böswilliges Klischee.

Trotzdem habe ich einmal ein paar Ideen zusammengetragen, mit welchen besonders originellen Motiven ein Fernsehkrimi vielleicht einmal den besonderen Pepp bekommen könnte:

Der Kommissar will gerade in Urlaub fahren, als der neue Fall ihm den Plan verhagelt

Die Kollegen von der Sitte oder vom Drogendezernat machen mit den Kriminellen gemeinsame Sache. Die Mordkommission hingegen ist natürlich sauber.

„Der Todeszeitpunkt lag wahrscheinlich zwischen …. und … Uhr. Genaueres kann ich erst nach der Obduktion sagen.“ (Origineller Satz für den obligatorischen Gerichtsmediziner, der sich durch Kompetenz und einen Schuss Arroganz auszeichnen könnte)

Der Staatsanwalt / die Staatsanwältin ist doof, legt den Ermittlern Steine in den Weg, muss sich aber zum Schluss bei ihnen bedanken, weil sie doch recht hatten

Einer der beiden Ermittler wird wegen eigenmächtiger Ermittlungsmethoden vom Dienst suspendiert, löst den Fall aber ohne Waffe und Dienstausweis trotzdem.

Der Ermittler verliebt sich in eine Angehörige des Opfers / eine wichtige Zeugin. Später stellt sich heraus, dass sie die Täterin ist.

Der verdächtige Unternehmer, gerne Bordellbesitzer, schweigt beharrlich, bis die Ermittler beim Abschied andeuten, dass sie den Kollegen der Steuerfahndung Bescheid sagen, hier mal die Bude auf denn Kopf zu stellen – das macht den widerborstigen gesprächig.

Die Ermittler besuchen den Verdächtigen ein zweites Mal, weil sie ihn der Lüge überführen können, zB was sein Alibi angeht. Daraufhin gesteht der Verdächtige ihnen sein Verhältnis mit … (z.B. seiner Sekretärin, der Frau des Opfers oder ähnlichem) und bittet: „Aber bitte (Pause, flehentlicher Blick) kein Wort davon zu meiner Frau!“

Der Ermittler hat sich eigentlich schon verabschiedet, dreht sich aber in der Wohnungstür noch einmal um, weil ihm noch eine Frage eingefallen ist (wegen der er möglicherweise in Wahrheit aber überhaupt gekommen ist) Sie hat scheinbar nichts mit Fall zu tun, ist dem Befragten, vielleicht auch dem Zuschauer unverständlich und könnte zum Beispiel lauten: „Ach ja, eine Frage habe ich noch: Spielen Sie eigentlich Golf?“

Die Ermittler fragen den Verdächtigen nach seinem Alibi. Bevor er antworten kann, sagt seine Frau: „Mein Mann war den ganzen Abend hier“ (was sich – o Wunder – im weiteren Verlauf als gelogen herausstellt)

Eine/r der (beiden bzw. vier) Ermittler/innen hat ein persönliches Problem, das mit der Problematik der vom Fall betroffenen korreliert (Beziehungsproblem, Erziehungsproblem, Mietauseinandersetzung usw.)

Die Ermittlerin und die Täterin stehen am Schluss des Krimis auf einem Dach. Wahlweise will die Täterin die Ermittlerin erschießen, eine Geisel töten oder sich selbst über die Brüstung in den Tod stürzen. Die Ermittlerin verhindert dies durch psychologisch einfühlsame Gesprächsführung. Oder: In der „Suizid“-Variante kann der Versuch auch scheitern. (Dann aber besser einen männlichen Ermittler vorsehen)

Der/Die Ermittler/in kümmert sich auch privat um das Kind oder den Hund des Verdächtigen während dessen U-Haft und stößt damit bei Kollegen auf Unverständnis bzw. ist auf die Hilfe der Sekretärin angewiesen.

Einer der Ermittler hat Geburtstag.

Kaum hat der Ermittler das Haus verlassen, greift der soeben Befragte zum Telefon, schaut dabei aus dem Fenster um sich zu vergewissern, dass der Ermittler nicht zurückkommt (Variation: Er schaut dummerweise nicht aus dem Fenster und der Ermittler kommt tatsächlich zurück um ihn zu ertappen)

Bei der Zu-Fuß-Verfolgung des Verdächtigen klettern Verfolgter und Verfolger ausgesprochen behende über ein Drahttor, das fast doppelt so hoch ist wie sie selbst.

Der eigenmächtige Ermittler begibt sich in Gefahr, im letzten Moment bekommt der Kollege, der anderer Meinung war als er, eine Erleuchtung, weiß, wo er und der Täter sich befinden müssen („Dass ich das nicht früher kapiert habe!“), packt seine unverständig guckende Kollegin, fährt los und kommt gerade noch rechtzeitig um dem einsamen Helden das Leben zu retten.

Der eigenmächtige Ermittler will nicht auf den Durchsuchungsbefehl warten, bricht nachts in die Wohnung des Verdächtigen ein (Variation: Er bricht das Siegel an der Wohnung des Opfers um den USB-Stick zu suchen, hinter dem die Täter offensichtlich herwaren), wird dort von einem Einbrecher überrascht, den er niederschlägt um daraufhin festzustellen, dass der andere sein Kollege ist, der die gleiche Idee hatte. „Was machst du denn hier?“

Der Krimi packt ein „Heißes Eisen“ aus der Sozial- oder Umweltpolitik an, aber von den bösen Kapitalisten, Menschenhändlern, Umweltsündern, Steuerhinterziehern, Miethaien, Pharmalobbyisten, Tierquälern ist trotzdem keiner der Mörder, denn es handelt sich – trotz jeder Menge Motive bei den zahlreichen Verdächtigen aus dem Milieu – doch wieder um ein gewöhnliches Eifersuchtsdrama…. (Trotzdem kann sich an den Krimi dann gut eine Talkshow über besagtes heißes Eisen anschließen)

Die Verdächtige oder das Opfer ist eine Ex des einen Ermittlers.

Und schließlich, ganz wichtig: Der Ermittler ist entweder notorischer Single, der Ex seiner Kollegin, er hat Probleme mit seiner Freundin oder er ist ein Casanova. Auf keinen Fall aber (!) ist er einigermaßen glücklich verheiratet, es sei denn, er heißt Commissario Brunetti!

Eigentlich hatte ich mir „Sieben Wochen ohne Talkshows“ vorgenommen; denn manchmal bleibe ich vor dem Fernseher hängen und frage mich nach einer solchen Sendung: „Was war da jetzt eigentlich interessant?“ – und muss gestehen: Praktisch nichts oder allenfalls die Minute mit der gnädig zugelassenen Meinungäußerung eines Nicht-Promi-Experten aus dem Volk, der in der ersten Reihe oder an Anne Wills Katzentisch interviewt wird, aber natürlich nicht richtig bei den Großen mitessen äh mitdiskutieren darf. Der Verzicht hat dann irgendwie nicht geklappt. Manchmal ist das Weinglas noch nicht alle und ich denke: „Ein paar Minuten reinschauen …“ Oder man bekam in diesen Tagen mit erstaunten Augen mit, dass ein FDP-Politiker tatsächlich sagt, als wäre es für ihn das selbstverständlichste von der Welt, „natürlich wird die Bremsspur der Atomkraft jetzt viel kürzer werden müssen“. Im Moment versuche ich es mit einer abgespeckten Variante meines Voratzes: Ich schaue mir nur Talkshows an, in denen ich mindestens zwei der Diskussionsteilnehmer noch nicht kenne – dann bleibt auch kaum noch was übrig … Vielleicht muss man sich auch einfach damit abfinden, dass dieses Sendeformat mit Politik nichts zu tun hat, sondern dass es sich um ein reine Unterhaltungssendungen handelt, genauso wie „Verbotene Liebe“ oder „Das perfekte Promi-Dinner“. Eigentlich wollte ich an dieser Stelle „Kasperletheater“ schreiben, aber an gut gemachtes Kaspertheater habe ich zu gute Erinnerungen – da gibt es meistens was zu lachen und am Schluss ist nicht alles noch genauso wie vorher, denn das böse Krokodil ist tatsächlich besiegt und Großmutter hat ihre Kaffemaschine wieder oder die Prinzessin ist befreit. Diese Kunstform möchte ich nicht durch den Vergleich mit einer Talkshow abwerten.

Wäre das Programm in anderen Sendern besser, ließen sich bestimmt auch 52 Wochen ohne Talkshow leicht durchhalten …