Man sollte
eine Geschichte über den Konjunktiv schreiben, auf dass er nicht mehr so verachtet sei.
Vielleicht würde man ihn als Person beschreiben?

Würde
ich sagen, diese Person sei
weder männlichen noch weiblichen Geschlechts, so nähmen
die diesen Text Lesenden gewisslich an, die Geschichte sei
vor der Zeit des Gendermainstream geschrieben, denn damals wäre
das noch etwas ungewöhnliches gewesen,
was so dem Charakter des Unwirklichen entsprochen hätte.
Heute aber wüsste
jeder das Zwischengeschlechtliche als Wirkliches anzusehen, so dass dieses der Eignung entbehrte,
zu verdeutlichen, dass der Konjunktiv, wäre
er eine Person, zugleich etwas Unwirkliches an sich trüge.

Jedenfalls müsste
die Person unsteten Wesens sein, hätte
gewiss kein Zuhause, wäre
zwar mit der unsichtbaren Frau Möglichkeit verheiratet, würde
aber zugleich mit Frau Unmöglichkeit fremdgehen.
Als unsympathische Begleiter würden
dem Konjunktiv wohl stets die Gnome „Eigentlich“ und „Vielleicht“ zur Seite sein.
Sicherlich müsste
unser Protagonist stets mit dem Regenschirm herumlaufen, denn wäre
der Konjunktiv ein Mensch, so würden
die Stilkundigen von heute ihn mit Regengüssen der Kritik übergießen, besonders die DeutschlehrerInnen, die man/frau Deutschlehrer*innen schreiben müsste,
sollte
dieser Text im Unibetrieb Verwendung finden sollen.
Wie sähe
er überhaupt aus, der Herr K,, wenn wir uns denn nun für ihn als Mann entschieden hätten?
Mit einem Wort von Bertolt Brecht ließe
sich sagen, er sei
„überlebensklein“ – vielleicht müsste
man auch aus riesig und winzig ein neues Wort bilden, das „rinzig“ heißen könnte.
So stünde
er also nun vor uns, der rinzige Herr Konjunktiv,
obdachlos mit Regenschirm, und er würde
uns kaum ansehen, denn unstet und flüchtig wäre
er, immer unterwegs von dem, was sein könnte
zu dem was sein sollte,
wenn es denn möglich wäre.
Hier könnte
die Geschichte zu Ende sein – und, o Wunder:
Sie ist es auch.

(Zu hoffen bleibt jedoch: Die „Würde“
des Menschen am Anfang unseres Grundgesetzes möge
kein Konjunktiv sein!)

Eingedenk des Erfolges, dessen das „Manifest der Freunde des Genitivs“ teilhaftig geworden wäre, hätte Bastian Sick sich mit dem Zwiebelfisch seiner angenommen, erschien es mir richtig, nun auch den Konjunktiv einmal zu „würde“-igen!

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Vor drei Jahren schrieb ich in diesem Blog – in einem Beitrag, der bis heute zu den meistgelesenen gehört und nach wie vor immer wieder aufgerufen wird:

„Die deutsche Sprache wird durch das Englische weit weniger zerstört als viele Anti-Denglisch-Kolumnenschreiber behaupten. Erkennbar ist das an einer Beobachtung, die bisher m.W. noch in keiner “Denglisch-Kolumne” Platz gefunden hat: Das Englische, das wir übernehmen, zwängen wir bisweilen geradezu gnadenlos in die deutsche Grammatik hinein. Wir sagen zum Beispiel „das Girl”, analog zum deutschen Wort „Das Mädchen”, obwohl „Girl” im englischen natürlich (der Erfahrung entsprechend) weiblich ist – wir müssten also „Die Girl” sagen. Das deutsche Wort „Mädchen” gilt ja nur deshalb als Neutrum , weil wir das allgemeine Prinzip „Verkleinerungen sind sächlich” anwenden und „Mädchen” die Verkleinerungsform von „Maid” ist („Die Maid” ist natürlich auch im deutschen weiblich, ist nur leider aus dem Sprachgebrauch fast gänzlich verschwunden). Wir deklinieren und konjugieren englische Worte auch ganz und gar deutsch – Wir „relax-en” und setzen dabei die übliche Endung für die 1. Person Plural ans Ende. Noch heftiger: Wer etwas aus dem Internet heruntergeladen hat, sagt bisweilen, er habe es down-ge-loadet – denkt also so sehr deutsch, dass er selbst beim englischen Wort noch eine Vorsilbe erkennt, die bei der Bildung des Partizips ganz vorne stehen bleiben muss, genau wie bei „herunter-ge-laden”.“ (Den ganzen Beitrag gibt’s hier: https://kraftwort.wordpress.com/2009/06/17/der-showmaster-des-public-viewing-steht-mit-seinem-handy-am-servicepoint/)

Hatte ich da wirklich recht? Inzwischen habe ich den Eindruck, dass es sehr wohl auch Beispiele dafür gibt, dass wir auf dem Hintergrund eines vom Englischen beeinflussten Denkens auch unsere Grammatik verändern (der Kulturpessimist, der irgendwie doch in mir steckt, sagt: „ruinieren“).

Das schon lange im Schwange befindliche Beispiel ist natürlich die Konstruktion von Nebensätzen als wären sie Hauptsätze – vor allem beliebt, wenn der Nebensatz mit „weil“ anfängt. Mir stehen jedesmal die Haare zu Berge, wenn jemand sagt: „Ich konnte meine Hausaufgaben nicht machen, weil meine Oma hatte Geburtstag“ oder „Rot-Grün hat keine Mehrheit, weil die Piraten haben zu viele Stimmen“ Grauslich ist das (und besonders ärgerlich, wenn das tatsächlich in seriösen Fernsehsendungen wie den Tagesthemen oder heute-journal gar nicht mehr als Fehler angesehen wird)!

Eine andere Unsitte nimmt nach meinem Eindruck erst in neuerer Zeit sehr zu: Da wird das Wort „Erinnern“ so gebraucht, als hätte man das englische Wort „Remember“ benutzt – nämlich einfach mit Akkusativ. Beispiel: „Ich erinnere genau den Tag, an dem ich meine Frau zum ersten Mal gesehen habe.“ Richtig ist im Deutschen aber: „Ich erinnere mich genau an denTag …“

Beide Veränderungen finde ich deshalb fraglich, weil damit Präzision schwindet und das Abstraktionsniveau (ja, das ist etwas Positives!) sinkt:

Die Differenzierung von Haupt- und Nebensatz ist ja auch eine inhaltliche Strukturierung. Und wer die Begründung als genauso wichtig wie die Hauptsache darstellen möchte, kann das im Deutschen ja ganz einfach tun; denn wenn man eine Begründung mit „denn“ einleitet statt mit „weil“ – dann ist sie ein Hauptsatz.

Und das „Erinnern“ ist, wie wir alle wissen, ein komplexes Geschehen. „Ich erinnere den Tag“ legt nahe, als sei Erinnern eine handhabbare Tätigkeit. Das ist aber – soweit ich mich erinnere – bei mir längst nicht immer so gewesen. Nicht immer bekomme ich deshalb etwas Vergangenes wieder in den Sinn, weil ich es willentlich hervorhole  – im Gegenteil: auch ohne Anzeichen von Demenz gelingt mir das keineswegs immer …

Also: wer sich eines gepflegten Sprachgebrauchs befleißigen möchte, enthalte sich bitte der genannten „Unarten“ (und erfreue sich lieber wieder einmal des „Manifests der Freunde des Genitivs“, dessen Wortlaut hier zu finden ist: https://kraftwort.wordpress.com/2009/05/25/manifest-der-freunde-des-genitivs/)

Die deutsche Sprache und Kultur kann
des Genitives nicht entraten.
Ja, der Mensch
des Geistes wird
heutigen Tages mehr denn je daran erkannt, dass er sich
eines umfassenden Gebrauchs
des Genitivs befleißigt.
Gewiss: Wir wollen auch dem Dativ jene Ehre geben, die
des Dativs ist.
Doch sei der dritte Fall stets eingedenk
der Grenzen der Grammatik.
Ihrer bedienen wir uns, um ihm zu widerstehen, sofern er sich
des Mordversuchs am Genitiv schuldig machen will.
So rufen wir heute alle Menschen
guten Willens auf, sich
des Tages und des Nachts
des Wes-Falles anzunehmen, sich
der Fülle seiner Anwendungsmöglichkeiten zu erfreuen und sich
der Tatsache zu erinnern, dass unser zweiter Fall als Kasus
der Beziehung sich bewährt, wogegen dem Dativ doch stets Distanz zu eigen ist. So sei nun, wer
des Denkens mächtig ist, auch
des Genitives Freund!
P.S.: Wessen Email-Anschrift auch immer Dir bekannt ist – lass ihn, lass sie auch
dieses Manifests teilhaftig werden!