Griechisches und hebräisches Denken Teil 2 – ein Versuch

Ein wichtiger Unterschied zwischen griechischem und hebräischem (oder allgemein orientalischem) Denken betrifft das Opfer.
Das orientalische Denken weiß, dass Leben immer nur durch das Opfer anderen Lebens entsteht. Wir essen und schon dadurch leben wir notwendig von anderem Leben, das dafür stirbt – das gilt auch für  Vegetarier und Veganer. Mütter geben in der Schwangerschaft und beim Stillen etwas von ihrer Lebenskraft ab an das Kind, opfern etwas von ihrem Leben, damit Leben entsteht und wächst. Wir müssen das Saatgut in den Tod  geben, damit neue Ähren wachsen können. Das Bewusstsein dieser Lebensgesetze fließt im orientalischen Denken ein auch in die Religion: Es erscheint diesem Denken völlig plausibel, dass es sinnvoll sein kann, auf ein Stück Leben zu verzichten in der Hoffnung, gerade dadurch das Leben zu fördern. Wenn das erstgeborene (!) Tier geopfert wird, macht sich der Mensch bewusst davon abhängig, dass Gott Leben schenkt, denn er weiß ja gar nicht, ob dem erstgeborenen Tier weitere Tiere folgen werden. Das Bewusstsein für den Geschenkcharakter des Lebens bleibt gerade so lebendig. Es ist in diesem Denken absolut vernünftig, auf etwas, auf einen Teil zu verzichten, um das ganze zu gewinnen – ähnlich wie wir es heute bei einer Impfung praktizieren: Ich setze mich einer gewissen Dosis des Krankheitserregers aus, um auf diese Weise immun gegen die tatsächliche Krankheit zu werden
Dieses Denken und Empfinden liegt auch dem Ritual der Beschneidung zugrunde: Ein kleines Stück des Organs, das für die Zeugung, die Lebensweitergabe benötigt wird, wird geopfert, um gerade dadurch die Ehrfurcht vor dem Leben zu bewahren. Und auch die christliche Kreuzestheologie ist auf dem Boden dieses Denkens und Empfindens entstanden: Einer gibt sich hin, damit alle leben.
Griechisches Denken konnte schon in der Antike mit der Weisheit dieses orientalischen Denkens nichts anfangen. Nicht nur das Wort vom Kreuz, nach dem sich ein Gottessohn selbst geopfert, hingegeben hat ist eine Torheit für einen Griechen. Auch schon die jüdische Beschneidung war Torheit für einen Griechen. Vermutlich ist das sogar einer der Gründe für den rasanten Erfolg des Christentums. Es gab ja in der Antike bei den Gebildeten durchaus einen gewissen Philosemitismus. Ein kluger Grieche konnte kaum an die Sagen- und Märchenwelt der Götterfiguren auf dem Olymp glauben. Der jüdische Monotheismus, der Glaube an einen einzigen unsichtbaren Gott war den Gebildeten viel näher. Aber bei der Beschneidung hörte der Spaß auf, dazu war man nicht bereit, das erschien dem griechischen Denken unvernünftig. Die jüdische Sekte der „Anhänger des neuen Weges“, die später Christen genannt wurden, boten die Möglichkeit, quasi „Jude“, jedenfalls religiös-philosophischer Monotheist zu werden, ohne sich beschneiden lassen zu müssen. Das, was am hebräischen Denken nachvollziehbar und faszinierend war, ließ sich mit dem eigenen griechischen Empfinden verbinden, in dem jegliches Opfer schlicht sinnlos und unverständlich erscheint. (Dass solche Christen mit dem Kreuz ihre liebe Not haben, steht auf einem anderen Blatt und von Anfang an gibt es im Christentum ja durchaus verschiedene Denkansätze um das Kreuz zu verstehen, die nicht alle im hebräischen Denken beheimatet sind)
So trägt die christliche geprägte Kultur immer beides in sich, hebräisches und griechisches Denken – immer mit der Möglichkeit, dass eines von beiden die Oberhand gewinnt.
Aktualisiert heißt das: Im Kölner Beschneidungsurteil waren „lupenreine Griechen“ am Werk. Es geht m.E. für die, die das Kölner Beschneidungsurteil verteidigen in Wahrheit in den seltensten Fällen um das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit. Würde man die körperliche Unversehrtheit so interpretieren, wie es das Kölner Urteil tut, dann müsste man zumindest Spätabtreibungen von eigentlich bereits auch außerhalb des Mutterleibes lebensfähigen Kindern noch mit weit größerer Vehemenz für unstatthaft erklären, ja eigentlich sogar jegliche Abtreibung, nicht nur um des Lebensrechts des Ungeborenen willen, sondern auch wegen der körperlichen Unversehrtheit der Mutter. Und man müsste Impfungen mindestens so lange verbieten, wie das Kind nicht einwilligen kann. Sondern es geht um ein einseitig vom griechischen Denken geprägtes Lebensgefühl das einfach keinerlei Sinn in einem „Opfer“, einem „Lebensverzicht“ sehen kann.
Um den „Griechen“ ein wenig entgegenzukommen: Es ist kein Geheimnis, dass viele alttestamentliche oder altorientalische religiösen Vorschriften im Kern Gesundheits- und Hygienevorschriften sind, und auch die Beschneidung hat nach amerikanischen Studien eine Reihe gesundheitlicher Vorteile, kann also, ähnlich einer Impfung auch als Präventionsmaßnahme für bestimmte auf diese Weise vermeidbare Krankheiten angesehen werden. Natürlich sehen das streng religiöse Juden und Muslime nicht so, trotzdem könnte das sehr wohl ein Argument sein, auch die rituellen Beschneidungen, die diesen Effekt ja dennoch mit sich bringen, auch als „griechisch denkender“ Mensch für zulässig zu halten …
Ist das griechische oder das hebräische Denken „vernünftiger“? Auch in meiner Brust schlagen zwei Herzen und ich will niemanden von der Beschneidung überzeugen (wir Christen verzichten darauf ja in der Tat mit gutem Grund). Wohl aber möchte ich jeden dafür gewinnen, dass niemand sein Lebensgefühl absolut setzt und für vernünftiger hält; denn eine in sich plausible Vernunft und Weisheit haben beide.

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