“Wir bekommen in unserer Gesellschaft keine Kinder, weil wir sie nicht wollen” – das sagte ein Wissenschaftler, dessen Namen ich leider vergessen habe in einer Talkshow vor einigen Jahren, als es um Anreize wie Erziehungsgeld, Anspruch auf Kindergarten- und Krippenplätze und ähnliche Themen ging. Immer mehr habe ich den Eindruck, dass er recht hat. Wie sonst soll man es erklären, dass wir in Deutschland dabei sind, den beruf der Hebamme vollends abzuschaffen? Wenn sich Krankenkassen und Hebammen nicht einigen können, dann gibt es schon bald keine Geburtshilfe mehr in Deutschland. Guckst Du hier – und unterschreibst am besten gleich:

https://www.change.org/p/geburt-darf-keine-privatleistung-werden-gegen-die-wirtschaftlich-optimierte-geburt-elternprotest?utm_source=petition_update&utm_medium=email&utm_content=featured_news&tk=Q–FVcNlENElAtZ9QZYe_nUwqrhq9ZRKw–a_jUDCKs

1. Das Vaterunser als Bittgebet setzt Personalität voraus – und zwar sowohl für Gott, der angesprochen wird als auch für den Menschen, der es spricht.
Wird der Mensch als Person gesehen, so ist auch seine Freiheit (in welchen Formen und Grenzen auch immer) bereits vorausgesetzt: denn er wird damit gerade nicht nur als Arbeitskraft, als Wirtschaftsfaktor, als Risikopotential oder als funktionierendes „Rädchen im Getriebe” gesehen.

2. Die Anrede an Gott als „unseren Vater” setzt die Gleichheit der zum Sprechen dieses Gebetes berufenen Menschen voraus. Martin Luther dichtet völlig zutreffend in seinem  Vaterunser Lied (EG 344): „Vater unser im Himmelreich, der du uns alle heißest gleich Brüder sein und dich rufen an …”
Das Vaterunser beginnt also nicht nur mit der durch die personale Anrede implizierten Freiheit, sondern zugleich auch mit der Gleichheit und Brüderlichkeit der Menschen.
Wenn auch oft zwischen Freiheit und Gleichheit eine Spannung gesehen wird, so ist doch ein Minimum an Gleichheit – vor allem die Gleichheit vor den normgebenden Instanzen, also vor dem Gesetz oder eben auch vor Gott selbst, eine fundamentale Voraussetzung dafür, dass Menschen auch frei sein können. Die Unfreiheit der Sklaverei zum Beispiel hat ja gerade darin ihren Ursprung, dass eine Gleichheit der Menschen nicht anerkannt wird.

3. Die drei ersten Bitten zielen auf eine Anerkennung der Macht und des Willens Gottes – anders gesagt auf die Freiheit Gottes und nicht auf die Freiheit des Menschen. Sie scheinen also dem Anliegen der Freiheit des Menschen zu widersprechen: „Dein Reich komme, dein Wille geschehe”. Vor allem im Zusammenklang mit dem Satz Jesu „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe” aus seinem Gebet in Gethsemane wirkt die dritte Bitte des Vaterunser wie ein Aufgeben der eigenen Willensfreiheit im Gegenüber zu Gott.

Aufs Ganze gesehen, müssen hier jedoch die Relationen „coram Deo” und „coram mundo” (oder „coram hominibus”) deutlich unterschieden werden. Im Gegenüber zur Welt (coram mundo) ist gerade der Mensch frei, der sich im Gegenüber zu Gott („coram Deo”) seiner Abhängigkeit bewusst ist. „Coram Deo” ist der Mensch nämlich in der Tat nicht frei, sondern abhängig von Gott – so wie der Mensch sich nicht wirklich frei entscheiden kann zu atmen oder es nicht zu tun: Wenn er sich – vermeintlich frei – entscheidet, nicht mehr zu atmen, bedeutet das seinen Tod und damit die endgültige Aufgabe seiner Freiheit.

Im Gegenüber zu Gott hat der Mensch allenfalls die Freiheit, „die Abhängigkeit von Gott als Glück zu bezeichnen”
(Hermann Bezzels Definition von Frömmigkeit, zu finden z.B. unter http://www.evangeliums.net/zitate/hermann_von_bezzel.htm)

4. Die Anerkennung von Herrschaft und Willen Gottes ist nicht selbst Freiheit, sie ist aber Voraussetzung der menschlichen Freiheit.
(Vgl. dazu: Hans-Joachim Kraus: Reich Gottes, Reich der Freiheit. Grundriss Systematischer Theologie. Neukirchener Verlag, 2. Auflage Neukirchen-Vluyn 1984  bzw. Herwig, Michael: Herrschaft Gottes, Freiheit des Menschen : biblische Perspektiven zur Neugestaltung der Gesellschaft. Wuppertal : Aussaat-Verlag 1977)

In einer Analogie kann das so verdeutlicht werden: Auch das Gewaltmonopol des Staates ist zunächst eine Einschränkung menschlicher Freiheit – der Staat kontrolliert den Waffenbesitz und verbietet mir die Freiheit, Rache zu üben. Gerade die Anerkennung dieses staatlichen Gewaltmonopols hilft aber dazu dass der Staat mir und jedem anderen die Freiheit schützen und erhalten kann.
Ähnlich drückt auch meine Anerkennung von Macht und Willen Gottes aus, dass ich gerade Gott zutraue, mir die Freiheit zu schenken, von der nun im Einzelnen die Bitten Vier bis Sieben des Vaterunsers handeln.

5. Die Erfüllung menschlicher Grundbedürfnisse ist die Basis menschlicher Freiheit (bzw. Voraussetzung dafür, eine zugesprochene Freiheit auch tatsächlich nutzen zu können) Deshalb steht am Anfang der Dinge, die der Beter des Vaterunser für sich bzw. für die Menschen erbittet, das „tägliche Brot” – in Luthers Erklärung im Kleinen Katechismus (EG 806) zu Recht verstanden als Begriff für alles, was zum Leben notwendig ist.

6. Die fünfte Bitte „Vergib uns unsere Schuld” macht in besonderer Weise deutlich, dass Gott eine Freiheit schenkt, die kein Staat Menschen vermitteln und kein Mensch aus sich selbst heraus garantieren kann – die Freiheit von Schuld

Um so erstaunlicher ist es, dass gerade diese per se vom Menschen nicht zu vermittelnde Freiheit der Vergebung als einzige sofort von der Relation „coram Deo” in die Relation „coram hominibus” hineinwirkt bzw. hineinwirken soll: „Vergib uns unsere Schuld, so wie wir vergeben unsern Schuldigern”

7. Der Zusammenhang zwischen der von Gott erbetenen und geschenkten Vergebung und der dem Mitmenschen zu gewährenden Vergebung entspricht der Korrelation von Freiheit und Verantwortung. Wer Barmherzigkeit erfahren hat und immer wieder erfährt, hat die Verantwortung, sich auch selbst barmherzig zu verhalten (Vgl. Matth. 18: Gleichnis vom „Schalksknecht”)

8. Freiheit ist immer die Freiheit von etwas und die Freiheit zu etwas. Dies wird in der sechsten Bitte des Vaterunsers „und führe uns nicht in Versuchung” besonders deutlich. Die Freiheit von der Versuchung ist die Freiheit dazu, nun das Gute und Richtige auch zu tun. Wer z.B. von Suchtmitteln abhängig ist, hat nicht mehr die Freiheit dazu, das zu tun, was er eigentlich selbst schon als das Gute erkannt hat.

9. „und erlöse uns von dem Bösen” – dies ist als umfassende Bitte um Befreiung von allen Übeln zu verstehen.
Wird unter „dem Bösen” nicht nur (im grammatischen Neutrum) jegliches Übel, sondern (im grammatischen Maskulinum) „der Böse”, also der Satan verstanden, dann ist die Bitte in besonderer Weise die Bitte um Befreiung vom Tyrannen der Unfreiheit; denn der Satan ist einerseits – wie Gott – eine Macht, die stärker ist als der Mensch und andererseits aber – im Unterschied zu Gott –  eine solche Macht, die gerade die Unfreiheit des Menschen will und wirkt, die keine Schuld vergibt und den Grundbedürfnissen des Menschen nicht gerecht wird.

These 9 ½ : Die abschließende Doxologie, die vermutlich später dazugekommen ist, ist eine sinnvolle Rückkehr in das Vertrauen der ersten drei Bitten, dass Gott die Macht hat, die in den Bitten vier bis sieben erbetene Freiheit tatsächlich zu schenken, wobei dieses Vertrauen hier nicht mehr als Bitte, sondern als Lob Gottes formuliert wird.

Unbedingt anschauen:

http://www.sueddeutsche.de/leben/menschen-mit-down-syndrom-wuenschen-wir-uns-wirklich-eine-zukunft-ohne-menschen-mit-behinderung-1.2513522#

BTW: Wenn bei einem Ungeborenen Trisomie 21 (“Down-Syndrm”) diagnostiziert wird, beträgt seine Überlebenschance nur noch knapp 10 Prozent – die meisten dieser Kinder werden abgetrieben!

Vor einigen Wochen habe ich zum ersten Mal eine „Bibel-Erzählnacht“ miterlebt (als Zuhörer): ein tolles, berührendes Erlebnis. „Bibel erzählen“ ist inzwischen eine eigene Ausbildung in verschiedenen Landeskirchen, meistens angesiedelt bei der Kindergottesdienstarbeit, obwohl die Bibel-Erzählnacht nach meinem Eindruck eher etwas für Erwachsene ist.

Ich habe mich mal umgesehen, wann und wo es in diesem Jahr weitere Bibel-Erzählnächte in Deutschland gibt. Gefunden habe ich bisher nur zwei (wer mehr weiß – gerne als Kommentar posten!)

04.07. 2015         19.30 h Bibel-Erzählnacht „So hab ich das noch nie gehört“ in der St. Matthäi-Kirche in Gronau (Leine)

03.10.  2015         20.00 h    Bibel-Erzählnacht Dreifaltigkeitskapelle Bergkloster Bestwig in Velmede-Bestwig

Gauck, Schäuble und Kofi Annan standen oft genug in der Presse – aber der Kirchentag war viel mehr als die Anwesenheit von Politikern und Promis – und für die meisten auch anderes; denn selbst wenn fast 10 % der Kirchentagsbesucher Margot Käßmanns Bibelarbeit besuchten, waren imemr noch 90 % eben dort nicht.

Hier also ein paar völlig subjektive EIndrücke:

– Noch nirgends habe ich soviele Menschen mit “Free hugs”-Schildern gesehen

– Eine schöne Idee: Nach dem Abend der Begegnung steckten viele ihre brennenden Kerzen in den Sand der Blumenkübel in der Fußgängerzone

– Die “historischen Adventisten” versuchen Menschen zu überzeugen, dass die böse Kirche sich untersteht “Zeiten und Gesetz zu ändern”, indem sie den Katechismus-Wortlaut der Gebote dem biblischen Wortlaut tabellarisch gegenüberstellen und böswillige Entstellungen “entlarven”; die Atheisten-Fundis formulieren mit erhobenem Zeigefinger ein 11. Gebot (womit sie ja eigentlich die Geltung der ersten zehn Gebote ebenfalls anerkennen …). Beide haben nur mäßigen Zulauf an Diskutanten, sind aber sicher (hoffentlich?) dankbar, dass es den Kirchentag gibt und damit eine Plattform für ihre eigenwilligen Ideen. Auch sonst stehen noch ein paar Leute auf der Straße, die Pamphlete verteilen, in denen die ach so böse Kirchen angeprangert  und die wahren Lehren (meist in Gebotsform) erklärt werden. Auf dem eigentlichen Kirchentag stehen aber zum Glück nichtg Gebote, sondern das Evangelium im Vordergrund

– Salomos hörendes, weises Herz wird sehr gut im Erölffnungsgottesdienst des Gospelzentrums ausgelegt. Etwas weniger deutlich dann leider in der Predigt des großen Abschlusgottesdienstes – da wird das hörende Herz nur so interpretiert, dass Salomo “auf sein Volk” gehört habe – dabei geht es doch in erster Linie darum, dass Salomo auf Gott gehört hat …IMG_1422

… jedenfalls nicht in der Suchfunktion! Aber von vorn:

Endlich: Dieses Jahr fahre ich mal wieder zum Kirchentag. Dieses Mal findet er Stuttgart statt. Im Internet kann man das ganze Programm durchsuchen – heißt es. Ich wusste, dass Nadia Bolz-Weber eine Bibelarbeit halten wird – sie ist Leiterin eines erstaunlichen Projektes, eines “Zentrums für alle Sünder und Heiligen” in Denver und ich wollte diese Bibelarbeit in der Datenbank finden. Also habe ich “Bibelarbeit” eingegeben – da meinte die Suchfunktion, so etwas gäbe es nicht. Unter den Namen “Bolz-Weber” oder auch “Nadia” ergab die Suche auch nichts. Also half doch nur Blättern im Buch: Die Bibelarbeit findet am Samstag, um 9.30 Uhr in den Gloria-Lichtspielen Kino 1 statt … (Beim Blättern ganz hinten angekommen habe übrigens gemerkT: Die Duchfunktion im Buch ist besser – da gibt es ein Register, in dem Nadia Bolz Weber aufgeführt ist mit Seitenzahl ihrer Veranstaltung!)

Gegen eine andere Kritik muss ich den Kirchentag in Schutz nehmen: Die Atheisten-Fundis ziehen ja gerade mächtig gegen die öffentlichen Zuschüsse für ein solches Event zu Felde. 7 Millionen (wenn ich es richtig weiß) sind ja auch nicht wenig. Aber, was sie verschweigen: Für das deutsche Turnfest, eine Veranstaltung ähnlicher Größenordnung fließt mehr als das Dreifache (25 Millionen) Ich gönne das den Turnern – und bin überzeugt, dass das Geld für den Kirchentag eine superlohnende Investition in unsere Demokratie und – nebenbei – auch in die Wirtschaftsförderung der jeweiligen Region ist.

Vom 30. August bis 6. September findet ein Internationales Symposium zum Thema des Beitrags Frère Rogers zum theologischen Denken statt. Zu diesem Treffen sind besonders junge TheologInnen unter 40 Jahren – Studenten sowie in der Forschung oder bereits im kirchlichen Dienst Tätige – eingeladen. Unter anderem werden folgende Fragen und Themen behandelt:

  • „Kann man evangelisch und gleichzeitig Mönch sein?“, mit Laurent Schlumberger, dem Vorsitzenden der Vereinigten Protestantischen Kirche Frankreichs
  • „Die Barmherzigkeit und der ökumenische Weg Frère Rogers“ mit Kardinal Walter Kasper, ehemaliger Vorsitzender des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen
  • „Die Botschaft Taizés an die Jugendlichen“ mit Dimitra Koukoura, Professorin an der orthodoxen theologischen Fakultät von Saloniki (Griechenland)
  • „Voll Hoffnung streiten, mit einem versöhnten Herzen kämpfen… ein südafrikanischer Gesichtspunkt“ mit dem anglikanischen Pfarrer Edwin Arrison

„Auf der Suche nach tieferem Sinn: Frère Roger und die religiöse Tradition Asiens“ mit Erzbischof Thomas Menamparampil aus Indien.

Einzelheiten dazu gibt es hier: http://www.taize.fr/de_article16837.html

(aus dem Brief aus Taize vom 30. Mai 2015)

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